Zum Auftakt des Themenschwerpunktes „Militär und Politik“, hrsg. von Wencke Meteling und Christoph Nübel
Wencke Meteling
Aufsatz
Veröffentlicht am: 
11. Oktober 2021 - 2:26

Militär und Politik stehen in einem engen Wechsel- und zugleich Spannungsverhältnis. Für die Gegenwart lässt sich die Aufgabenteilung, idealtypisch gesprochen, wie folgt beschreiben: Während es Aufgabe der Politik ist, für ein bestehendes Kollektiv verbindliche Entscheidungen zu treffen, obliegt dem Militär die waffengestützte Sicherung dieses Kollektivs und von dessen Ordnung nach innen und außen. Abstrakt formuliert, lassen sich die Zuständigkeiten von Militär und Politik also durchaus benennen und unterscheiden. Komplizierter wird es, wenn man den Blick in die Geschichte wendet und in unterschiedlichen Epochen herausarbeiten möchte, was Zeitgenossen unter Militär und Politik jeweils verstanden und wie sie sich zueinander verhielten. Dies unternimmt der vorliegende Themenschwerpunkt anhand von Fallbeispielen seit der Antike. Nicht nur wurden die Aufgaben von Militär und Politik je unterschiedlich abgesteckt, sondern zeitgenössisch war auch die Grenze zwischen ihnen nicht immer klar, sofern es sich überhaupt um separate Sphären handelte. Mit beiden verbanden sich grundlegende Macht-, Herrschafts- und Ordnungsansprüche, weshalb intensiv um sie gerungen wurde.

Kurz gesagt: Die Bedeutung und Wirkmacht von Militär und Politik müssen historisiert werden. Ähnlich wie Recht, Wirtschaft und Gesellschaft sind sie elementare Grundbegriffe der politisch-sozialen Sprache, und erst in historischen Fallanalysen nehmen sie konkrete Gestalt an. Das gilt auch für Ordnung und Gewalt, das andere Begriffspaar im Titel des Themenschwerpunktes.

Ordnung und Gewalt sind nicht notwendigerweise Antipoden, kann eine bedrohte politische Ordnung doch durch militärische Gewalt gesichert oder (wieder-)hergestellt werden. Was jeweils als Ordnung, was als Gewalt galt, war historisch bedingt und unter Zeitgenossen häufig umstritten, ähnlich wie Sicherheit – ein weiterer Grundbegriff der politisch-sozialen Sprache. Besatzungstruppen mochten durchaus bestrebt sein, in einem fremden Territorium Sicherheit und Ordnung zu schaffen und wurden hierbei von einem Teil der einheimischen zivilen und militärischen Kräfte unterstützt; andere Bevölkerungsgruppen empfanden just dieses Bestreben als illegitime Gewalt des Besatzers und seiner einheimischen Helfershelfer. Die dramatische Beendigung des militärischen Afghanistaneinsatzes der USA und alliierter Truppen im August 2021 hat dieses Dilemma vor den Augen der Welt schonungslos offengelegt.

Die Beiträge des Themenschwerpunktes gehen auf die gleichnamige Tagung zurück, die im März 2021 in Kooperation des AKM e.V. mit dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr stattfand.1 Konzipiert und geleitet wurde sie von Wencke Meteling und Christoph Nübel. Eigentlich hätte sie bereits im Vorjahr als Jubiläumstagung anlässlich des 25-jährigen Vereinsbestehens in Potsdam feierlich über die Bühne gehen sollen. Aufgrund der Pandemie musste sie zunächst zeitlich, schließlich auch räumlich verschoben werden: ins Virtuelle und obendrein in ein kleineres Format. Umso mehr freuen wir uns, dass so viele unserer ursprünglichen Beiträgerinnen und Beiträger Aufsätze für den nun vorliegenden Themenschwerpunkt verfasst haben. Ihnen allen sei herzlich gedankt, ebenso unseren Redaktionskolleginnen und -kollegen Christina Kecht, Marie-Kristin Reischl und Florian Wieninger für ihre Unterstützung beim Lektorat sowie Jannes Bergmann und Paul Fröhlich für die technische Endredaktion.

Wencke Meteling, Washington DC, im September 2021

 

Die Beiträge des Themenschwerpunktes:

11.10.2021
Wencke Meteling, Ordnung und Gewalt. Zum Auftakt des Themenschwerpunktes „Militär und Politik“
Christoph Nübel, Wer den Staat verstehen will, muss das Militär studieren – und vice versa. Für eine neue Geschichte von Militär und Politik (link)

25.10.2021
Simon Puschmann, M TVLL IMP[ERATOR] – Der Politiker M. Tullius Cicero als Feldherr

22.11.2021
Tim Nyenhuis, Ordnung oder Gewalt? Vom Kontrollverlust, Kreditkaskaden und der Wirkmacht der Söldner im Dreißigjährigen Krieg

20.12.2021
Marina Beck, Armee – Dynastie – Staat. Die Inszenierung der bayerischen Nation im Königlich-Bayerischen Armeemuseum 1881-1905

03.01.2022
Katharina Schmitten, Das Militär als Ordnungsmacht im Inneren? Das Polizieren der Bergarbeiterstreiks 1910/11 in Südwales und 1912 im Ruhrgebiet im Vergleich

31.01.2022
Lukas Grawe, Die „Vereinigung Graf Schlieffen“ – unpolitischer Offiziersverein oder Bindeglied zwischen Militär und Politik in der Weimarer Republik?

14.02.2022
Stephan Horn, „Im übrigen scheinen mir aber politische Erwägungen für seine Schwenkung zur SS bestimmend gewesen zu sein“ – Léon Degrelle und die Politik der militärischen Kollaboration

28.02.2022
Marcus Böick, Ein kommerzielles Auffangbecken für Gewalt-Experten? Über Austausch- und Wechselbeziehungen zwischen Militär, Staat und privaten Sicherheitsunternehmen nach 1918, 1945 und 1990
Ulrich Lappenküper, Charles de Gaulle als Militär und Staatsmann. „Connétable“, „Roi-Connétable“, „Connétable de l’ère nucléaire“

 

Zitierempfehlung: Wencke Meteling, Ordnung und Gewalt. Zum Auftakt des Themenschwerpunktes „Militär und Politik“, hrsg. von Wencke Meteling und Christoph Nübel, in: Portal Militärgeschichte, 11. Oktober 2021, URL: http://portal-militaergeschichte.de/Meteling_Ordnung_und_Gewalt (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu).

  • 1. Der Tagungsbericht lässt sich finden unter Christina Kecht, Marie-Kristin Reischl, Florian Wieninger, Ordnung und Gewalt. Wechselwirkungen zwischen Militär und Politik in der Neuzeit, in: Portal Militärgeschichte, 16. August 2021, URL: https://www.portal-militaergeschichte.de/Kecht_Reischl_Wieninger_Ordnung_und_Gewalt.
Paul Fröhlich