Das Design einer neuen praxisbezogenen Fachrichtung in der deutschsprachigen Ethnologie
Philipp Fritz
Projektskizze
Veröffentlicht am: 
24. Mai 2021 - 2:56

Die Vision einer Militärethnologie

Wer sich als Ethnologin oder als Ethnologe eines militärbezogenen Themas annimmt, der stößt in eine weitestgehend unbeachtete Forschungslücke der Ethnologie vor. Nicht zuletzt aufgrund fachinterner Widerstände ist in der deutschsprachigen Ethnologie eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Militär bis heute ausgeblieben. Diese Widerstände begründen sich in einer Fachtradition, welche auf die einstige Verstrickung von ethnologischer Forschung in das nationalsozialistische Regime und den Kolonialismus zurückgeht. Mit spürbaren Folgen: So waren Ethnologinnen und Ethnologen in den öffentlichen Diskussionen um die gesellschaftliche Verankerung der Bundeswehr oder in der jüngeren Debatte um ein militärisches Traditionsbewusstsein praktisch nicht vertreten. Dabei könnten ethnografische Forschungsmethoden wie die ethnologische Feldforschung entscheidend dazu beitragen, die eigenen Streitkräfte mit Blick auf das soldatische Selbstverständnis und die militärische Kultur besser zu verstehen.

Die Zielsetzung des Promotionsprojekts besteht darin, dieses Forschungsdesiderat durch eine praxisorientierte, ethnologische Grundlagenforschung zu schließen. Mittels der Ausarbeitung eines qualitativen Methodenspektrums sowie einer ethnologischen Feldforschung soll das Untersuchungsfeld „Bundeswehr“ für die deutschsprachige Ethnologie erschlossen, die Ethnologie als anwendungsorientierte Wissenschaftsdisziplin stärker etabliert und die innerfachliche Bereitschaft zur gesamtgesellschaftlichen Verantwortung gefördert werden.

Die erklärte Absicht ist es, innovativ und frei von fachspezifischen Tabus eine Militärethnologie zu entwickeln, die auf dem Fundament von insgesamt drei militärbezogenen Forschungsfeldern steht: der Bundeswehr als sozio-kulturellem Raum, die Bundeswehr und Zivilgesellschaft sowie der Militärethnologie als anwendungsorientiertem Element.

Jedes der benannten Felder wird von „unten nach oben“, also mit Blick auf die jeweiligen Akteurinnen und Akteure erschlossen. Diese Forschungsperspektive begründet sich im angestrebten Praxisbezug der Arbeit. Demnach soll die Militärethnologie beispielsweise als Vermittlerin zwischen Zivilgesellschaft und Bundeswehr im In- und Ausland etabliert werden – Stichwort: ZMZ/CIMIC. Als zivil-militärischen Schnittstelle soll sie einem besseren Austausch von Wissen und Erwartungen dienen sowie zur gesellschaftlichen Verankerung der Streitkräfte beitragen. Dabei sollen gewonnene Forschungsergebnisse in die Gesellschaft sowie in die Bundeswehr zurückgetragen werden, was nicht zuletzt zur resilienten Krisenfestigkeit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung beitragen soll. Dieser Zielsetzung folgend werden Möglichkeiten zur Einbindung in den organisationsstrukturellen Rahmen der Bundeswehr identifiziert und die Militärethnologie auf dieser Grundlage positioniert.

Wo steht die Ethnologie?

In der deutschsprachigen Ethnologie fand die Bundeswehr kaum oder nur eine überkritische Beachtung.1 Zum einen blieben aufgrund der organisationsstrukturellen Komplexität des Militärs und der militärischen Sicherheitsvorgaben ethnografische Einblicke in die internen Organisationsstrukturen zumeist verwehrt, zum anderen verfestigte sich mit dem historischen Hintergrund der eigenen fachlichen Beteiligungen an den Vernichtungsfeldzügen des Zweiten Weltkrieges eine Fachkonstellation, die sich gegenüber einem militärbezogenen Forschungsfeld zu distanzieren versucht. Die Folge: Ein fachspezifisches „Tabu“ gegenüber allem Militärischen.

Dementsprechend konnte sich im deutschsprachigen Raum bis in die Gegenwart hinein keine militärethnologische Fachrichtung etablieren, welche sich explizit der Institution Militär und deren Angehörigen als Forschungsfeld annimmt. Dies hat zur Folge, dass die Bundeswehr aus ethnologischer Sicht bis heute zum größten Teil eine wissenschaftliche Blackbox geblieben ist.

Zudem standen Ethnologinnen und Ethnologen, welche sich diesem Feld dennoch angenähert haben, einem Sozialraum gegenüber, zu welchem sie kaum Zugang bekamen.

Erkenntnistheoretischer Rahmen

Aus dem Forschungsstand und der Zielsetzung ergibt sich die zentrale Frage des Promotionsprojektes: Wie kann eine Militärethnologie als eigenständige und anwendungsorientierte Fachrichtung aussehen, die sich entlang der Praxis und dem Alltag ihrer Forschungsfelder orientiert und so für das Fach, die Gesellschaft und die möglichen Anwendungsbereiche innerhalb der deutschen Streitkräfte einen Mehrwert darstellt? Begleitend wird das Erkenntnisinteresse um die Frage erweitert: Welche ethnologischen und multimethodischen Ansätze bieten sich für eine militärethnologische Fachrichtung in Bezug auf das Forschungsfeld „Bundeswehr“ und Militär im Allgemeinen an und wie können diese dem formulierten Praxisanspruch gerecht werden?

Diese Leitfragen bestimmten den erkenntnistheoretischen Rahmen der Forschung und beziehen sich auf die Zielsetzung, in methodischer Abgrenzung zur Militärsoziologie ein neues praxisbezogenes Design einer Militärethnologie zu formulieren. Hierzu soll die Militärethnologie über ihre Forschungsgegenstände und -felder, sowie über die Praxisausrichtung und die ethnografische Methodenvielfalt definiert werden. Im Zentrum stehen die folgenden drei militärbezogenen Forschungsfelder: Bundeswehr als sozio-kultureller Raum (Forschungsfeld A), der Kommunikationsraum zwischen Bundeswehr und Zivilgesellschaft (Forschungsfeld B) und die Militärethnologie als anwendungsorientiertes Element (Forschungsfeld C).

Als Gesamtergebnis wird ein übergreifendes Design für eine Militärethnologie abgeleitet, welches eine praxisorientierte Theorie, ein spezifisches Methodenspektrum, fachliche Grenzen der Anwendungsmöglichkeiten und ethische Leitlinien umfasst. Im letzten Schritt wird eine solche Militärethnologie innerhalb der Fachdisziplin selbst verortet. Dies folgt der persönlichen Zielsetzung, die Ethnologie insgesamt öffentlich relevanter zu machen. In diesem Zusammenhang werden ein forschungspraktischer „Werkzeugkasten“ geschaffen sowie Forschungsanreize zur ethnologischen Befassung mit der Bundeswehr gegeben.

Methodenspektrum

Das gesamte Forschungsdesign zeichnet sich durch einen „Blick von unten“ aus. Dabei wird weniger in institutionellen und organisatorischen Strukturen gedacht, als vielmehr die Menschen mit und ohne Uniform in den Mittelpunkt gestellt. Dieser „ethnologische Blick“ dient als Element des tieferen Verstehens und durchdringt dieses Promotionsprojekt auf allen Ebenen.

Das Methodenspektrum wird mit Blick auf diesen Ansatz durch ein qualitativ-analytisches Vorgehen sowie eine empirische Datenerhebung bestimmt, welche sich in ihrer Gesamtheit an der Grounded Theory ausrichten. Die Grounded Theory dient der systematischen Auswertung qualitativer Daten zum Zwecke der praxisnahen Theoriegenerierung im Rahmen der jeweiligen Forschungsfelder. Dem Begriff der Akteure kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, da es erst die Akteursperspektive ermöglicht, den konstruktiven Einfluss handelnder Akteure im Kontext der einzelnen Forschungsfelder abzubilden. Dieser Annahme folgend bilden ausgewählte Akteure der Forschungsfelder die Informantenschaft, welche unter Berücksichtigung der organisationsspezifischen und militärkulturellen Einflüsse erfasst werden.

Für die Datenerhebung wird die interpersonelle Direktkommunikation in den Fokus der qualitativen Erhebungsmethoden gestellt und vornehmlich auf informelle Gespräche und Experteninterviews zurückgegriffen. Die Kommunikation face-to-face wird – wann immer dies möglich ist – im Sinne der ethnologischen Methode der Teilnehmenden Beobachtung auf die Grundlage von deskriptiven sowie selektiven Beobachtungen aus den Forschungsfeldern gestellt, die eine kontinuierliche Introspektion und Reflexion des Forschungsprozesses notwendig machen. Die forschungsstrategische Herausforderung besteht hierbei in der Verschlossenheit der militärischen Binnenkultur und soldatischer Subkulturen.

Stand des Promotionsprojekts

Die Datenerhebung und -analyse sind bereits abgeschlossen und die Dissertationsschrift wird voraussichtlich Ende 2021 abgeschlossen sein. Das Promotionsvorhaben wird durch Prof. Dr. Susanne Schröter (Erstbetreuerin, Goethe-Universität Frankfurt am Main) und Prof. Dr. Sönke Neitzel (Zweitbetreuer, Universität Potsdam) betreut und durch ein Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes e.V. und der Hanns-Seidel-Stiftung e.V. gefördert.

Zitierempfehlung: Philipp Fritz, Militärethnologie. Das Design einer neuen praxisbezogenen Fachrichtung in der deutschsprachigen Ethnologie, in: Portal Militärgeschichte, 24. Mai 2021, URL: http://portal-militaergeschichte.de/fritz_militaerethnologie, (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu).

  • 1. Tomforde, Maren (2010): „Neue Militärkultur(en). Wie verändert sich die Bundeswehr durch die Auslandseinsätze?“ In: Apelt, Maja (Hg.): Forschungsthema Militär. Militärische Organisation im Spannungsfeld von Krieg, Gesellschaft und soldatischen Subjekten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 193-221.
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