How the Bush Administration took America Into Iraq
Jonathan Zimmerli
Buchbesprechung
Veröffentlicht am: 
5. Juli 2021 - 1:00

„To Start A War“ oder „Wie beginnt man einen Krieg?“ Dieser Frage geht Robert Draper in seiner Untersuchung zur amerikanischen Invasion im Irak im Frühjahr 2003 nach. Drapers Narrativ beginnt mit den Anschlägen vom 11. September 2001 und beschreibt eine Regierung, die sich weniger als ein Jahr nach der Amtseinführung, ohne Vorwarnung, in einem scheinbar unerbittlichen Überlebenskampf gegen die terroristische Organisation Al-Qaida fand. Draper identifiziert schon in dieser frühen Phase die zentrale Schwäche der Administration George W. Bushs. Die Entscheidung in Afghanistan mit einer militärischen Bodenoffensive gegen die Taliban vorzugehen, fußte weder auf einer systematischen Ursachenanalyse, noch auf einer ernsthaften Diskussion oder Auseinandersetzung innerhalb der Regierung selbst. Dass Al-Qaida und die in Afghanistan herrschende Taliban nicht dieselben Organisationen waren, wurde übersehen. Nach den überraschend schnellen militärischen Erfolgen und der vermeintlichen Zerschlagung der Kerngruppe um Osama bin Laden wurden Stimmen innerhalb der Administration immer lauter, als nächsten Schritt eine Invasion des Iraks vorzubereiten.

Den Anfang machte Vizepräsident Dick Cheney mit einer unautorisierten Rede in Tennessee, in welcher er Saddam Hussein bezichtigte, Al-Qaida während der Vorbereitung auf die Anschläge aktiv unterstützt zu haben, ein Vorwurf, den die CIA von Anfang an als unglaubwürdig einstufte. Parallel zu dieser rhetorischen Offensive, änderte sich die Argumentationslinie einflussreicher Exiliraker wie Ahmed Chalabi. Waren bis zum 11. September 2001 Saddam Husseins Menschenrechtsverletzungen zentraler Anklagepunkt gegen die irakische Diktatur, trat nun die Gefahr potentieller Massenvernichtungswaffen in den Vordergrund.

Die Forderung nach einer aktiveren Eindämmungspolitik gegenüber dem Irak zeigte vorerst wenig Wirkung. Draper widerspricht damit einem viel zitierten Klischee, dass vorwiegend eine toxische Mischung aus überzeugten Neo-Konservativen und Exilirakern die Regierung auf einen Bodenkrieg im Irak einschwören konnte. Zwar gab es durchaus die neo-konservativen „Hardliner“ um Paul Wolfowitz oder Douglas J. Faith; diese hatten jedoch zu Beginn kaum substantiellen Einfluss auf Ziele und Vorgehen der Bush Administration.

Draper identifiziert vielmehr Bushs Führungsstil, unter anderem die Entscheidungsfindung innerhalb des National Security Council (NSC), dem Nationalen Sicherheitsrat, als zentralen Ausgangspunkt im Feldzug gegen den Irak. Während Präsident Clintons NSC in den 1990er Jahren einem Universitätskolloquium glich, in stundenlangen Sitzungen unterschiedliche Positionen diskutierte, bevorzugte George W. Bush, ein Absolvent der Harvard Business School, kurze, straff geführte Sitzungen. Die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, sorgte dafür, dass Konflikte oder divergente Positionen, die es innerhalb des Kabinetts durchaus gab, den Präsidenten gar nie erreichten. Diesem war es wichtiger, eine Sitzung pünktlich zu beenden als ein Problem in seiner gesamten Tiefe zu erfassen, vermerkt Draper pointiert.

Das Resultat dieser fehlenden Diskussionskultur war gravierend. Bis kurz vor der eigentlichen Invasion des Iraks im März 2003, so Draper, wurde zu keiner Zeit eine substantielle Debatte über Krieg und Frieden geführt. Keiner der Entscheidungsträger konnte später mit Sicherheit sagen, wann sich der Präsident für einen Krieg im Irak entschied. Vielmehr führten untergeordnete Arbeitsgruppen, welche Ideen und Konzepte wie die Invasion des Iraks ausarbeiteten, ein Schattendasein. Bestes Beispiel dafür war eine Gruppe unter der Leitung von Stabschef Stephen Hadley, welche mögliche Szenarien einer Kriegführung im Irak diskutierte und ausarbeitete, damit jedoch immer mehr zu einem Zugpferd einer sich verselbständigenden Kriegspolitik wurde, ohne dass der Präsident je den Befehl zur Planung erteilt hatte.

Mitten in diese dysfunktionale Führungsstruktur trat ein Nachrichtendienst, der sich zusehends instrumentalisieren ließ. Nach den für die CIA schwierigen Clinton-Jahren änderte sich der Stellenwert der einst stolzen Organisation mit Präsident Bushs Amtsantritt grundlegend. Das morgendliche „President’s Daily Brief“ (PDB), welches den Präsidenten über die wichtigsten geheimdienstlichen Operationen und Entwicklungen unterrichtet, wurde zum morgendlichen Fixpunkt des präsidialen Tagesablaufs.

Insbesondere nach den Anschlägen vom 11. September wurde das tägliche CIA Briefing, an dem sogar CIA Direktor George Tenet immer teilnahm, zu einem beängstigenden Kaleidoskop aus potentiellen Anschlags- und Bedrohungsszenarien, unter anderem auch durch Saddam Hussein. Die Frage, ob der irakische Diktator Massenvernichtungswaffen besaß, war aber selbst innerhalb der CIA umstritten. Unterschiedliche Bedrohungsszenarien diverser US-Nachrichtendienste standen am Anfang einer zunehmenden Besorgnis über die potentielle Gefahr aus dem Irak.

Die aus siebzehn unterschiedlichen Nachrichtendiensten bestehende „Intelligence Community“ (IC), eine spezifisch amerikanische Eigenart, führt dazu, dass diese 17 Geheimdienste in Konkurrenz zueinanderstehen. Drapers Fokussierung auf die CIA vermittelt jedoch ein zu eindimensionales Bild. Die Möglichkeit einer Administration, auf unterschiedliche nachrichtendienstliche Produkte zugreifen zu können, ermöglicht Einzelpersonen im unmittelbaren Umfeld des Präsidenten signifikante politische Einflussnahme. Genau dies geschah mit Rumsfelds „Policy Counter Terrorism Evaluation Group“. Diese benutzte im Vorlauf zum Irak Krieg selektiv geheimdienstliche Informationen, welche die Argumentation des Verteidigungsministeriums stützten. Auch die Tatsache, dass das „Bureau of Intelligence and Research“, der hauseigene Nachrichtendienst des Außenministeriums, der Analyse der CIA widersprach, wird durch Draper nicht weiter beachtet.

Der Außenminister und vormalige 4-Sterne General Colin Powell wird vielfach als die tragische Figur in einem undurchsichtigen Ränkespiel dargestellt. Draper widerspricht diesem Bild und skizziert den Außenminister als bewusst handelnden Bürokraten. Powell war mit Abstand das beliebteste Mitglied der Bush-Administration. Zwar war Powell vehement gegen eine Invasion des Iraks; er unterließ es jedoch, Präsident Bush in den häufigen persönlichen Gesprächen die potentiellen Auswirkungen einer Invasion aufzuzeigen, und schloss einen Rücktritt von seinem Amt kategorisch aus. Schließlich fühlte er sich geschmeichelt, dass der Präsident gerade ihn auswählte, um die wohl wichtigste Rede der Administration zu halten, ein „Adlai Stevenson-Moment“1 vor der UNO, ein Auftritt für die Geschichtsbücher. Eine Rede die jedoch mehrheitlich aus Falschaussagen bestand.

Drapers abschließende Erläuterungen zur militärischen Planung der Operation „Iraqi Freedom“, insbesondere der Nachkriegsphase, bestätigen nochmals das Bild einer zutiefst dysfunktionalen Administration. Rumsfelds Verteidigungsministerium hielt mit aller Macht die Kriegsplanung unter Kontrolle, vernachlässigte die Nachkriegsordnung absichtlich und in vollem Bewusstsein, obwohl Powells Außenministerium mit dem „Future for Iraq Project“ bereits über Pläne und Experten für eine Nachkriegsordnung verfügte.

Draper gelingt es in diesem packend geschriebenen Buch, die maßgeblichen Kräfte hinter der Invasion des Iraks zu identifizieren, er verharrt jedoch nicht in einem personenzentrierten Narrativ über neo-konservative Verschwörer und Exiliraker, sondern zeigt deutlich auf, in welcher Form fehlende Strukturen in der Entscheidungsfindung zum blinden Vorgehen und schlussendlich zu einem Krieg führten, der bis heute vor allem auf irakischer Seite mehr als hunderttausend Opfer forderte.

 

Robert Draper, To Start A War, How the Bush Administration took America Into Iraq, Penguin Press: New York, 2020, 496 S., ISBN 978-0525561040, 22,74 €

 

Zitierempfehlung: Jonathan Zimmerli, Review zu Robert Draper, To Start A War. How the Bush Administration took America Into Iraq, in: Portal Militärgeschichte, 05. Juli 2021, URL: https://www.portal-militaergeschichte.de/zimmerli_zu_draper_war, (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu).

  • 1. UNO-Botschafter Adlai Stevensons Rede vor der Vollversammlung der UNO während der Kuba Krise im Oktober 1962 gilt bis heute als eine der effektivsten Nutzungen nachrichtendienstlicher Quellen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung.
Bush, Cheney, Rice, 9/11/2001, National Archives, Vice Presidential Records of the Photography Office
Cheney, Rice, 9/11/2001, National Archives, Vice Presidential Records of the Photography Office
Powell 9/11/2001, National Archives, Vice Presidential Records of the Photography Office
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Christian Th. Müller