Am 9. und 10. Juli 2025 lud das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) zum vierten Workshop über die Reichswehr nach Potsdam ein. Die Organisation übernahmen Dr. Frederike C. Hartung, Dr. Frank Reichherzer und Dr. Dennis Werberg. Ziel war es, die Reichswehr als Vorläufer und militärischen Vordenker der Wehrmacht im Kontext der „Blitzfeldzüge“ zu analysieren. Vor dem Hintergrund der frühen operativen Erfolge der Wehrmacht richtete sich der analytische Kern des Workshops auf drei zentrale Fragestellungen, die das Verhältnis zwischen technischer Modernisierung und militärischer Leistungsfähigkeit der Reichswehr aufzeigen sollten. Die erste Leitfrage lautete, ob und in welchem Maße die Reichswehr als konzeptioneller Ausgangspunkt für die operativen Erfolge der Luft-, See- und Landstreitkräfte in den Jahren 1939 bis 1941 verstanden werden kann. Die zweite Leitfrage widmete sich möglichen Einflussfaktoren, die die Entwicklung der Reichswehr geprägt haben könnten. Zusätzlich sollte die Analyse um internationale Dimensionen erweitert werden, um auch ausländische Sichtweisen auf die Reichswehr zu integrieren.
Den Auftakt bildeten die beiden Keynotes von MARKUS PÖHLMANN (Potsdam) und FRANK REICHHERZER (Potsdam). Ersterer stellte eine grundlegende Definition des Mobilitätsbegriffs im militärischen Kontext vor, die als Ausgangspunkt für die weiteren Beiträge diente. Mobilität wurde als die Fähigkeit zur absichtsvollen Bewegung von Menschen, Gütern und Informationen im Raum beschrieben. Im militärischen Zusammenhang müsse dieser Begriff jedoch immer im Verhältnis zu den Fähigkeiten anderer Akteure wie Verbündeten und Gegnern betrachtet werden. Die Reichswehr war ein Schmelztiegel für unterschiedliche und ambivalente Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg, wie FRANK REICHHERZER (Potsdam) hervorhob. Als Streitkraft mit strikten Beschränkungen konzentrierte sie sich in zukünftigen Szenarien auf ein möglichst schnelles Umschalten von einem Friedens- in den Kriegszustand. Dass die Reichswehr kausal die operativen Grundsteine für die „Blitzfeldzüge“ gelegt habe, ist jedoch kritisch zu hinterfragen. Zwar lassen sich Impulse für die Geschwindigkeit der Feldzüge in Denkräumen der Reichswehr finden, ein direkter Weg zum ‚Blitzkrieg‘ ergibt sich daraus jedoch nicht.
Die erste Sektion „Modernisierung, Motorisierung und Mechanisierung“ wurde von AGILOLF KESSELRING (Helsinki) geleitet. Den Auftakt übernahm ROMAN TÖPPEL (München), der die Bestrebungen der Reichswehr zur Motorisierung untersuchte. Deren Ziel war es, die Beweglichkeit der Truppen zu erhöhen und dadurch die räumliche Handlungsfähigkeit der Infanterie zu verbessern. Für seine Forschung analysierte er unter anderem eine Übung der Reichswehr, bei der verstärkte Infanterieregimenter über große Distanzen transportiert wurden. Töppel kommt zu dem Schluss, dass die Motorisierung der Reichswehr als Vorarbeit für die ab 1937 eingesetzten motorisierten Feldzüge der Wehrmacht im Rahmen des sogenannten Blitzkriegs diente. Diese Entwicklung stagnierte jedoch während des Zweiten Weltkriegs, da andere motorisierte Waffensysteme höher bewertet wurden, insbesondere der Panzer. Diese Überbewertung wirkt bis heute nach, weshalb die Motorisierung der Infanterie auch in der Geschichtswissenschaft lange vernachlässigt wurde.
Wie und ob sich das Streben nach Mobilität und Geschwindigkeit auf die Reichsmarine auswirkten, untersuchte JOHANNES FISCHBACH (Berlin) im zweiten Impulsvortrag der ersten Sektion. Geschwindigkeit in der maritimen Kriegführung bietet zwar operative Vorteile, geht jedoch häufig zulasten anderer entscheidender Faktoren wie Standfestigkeit und Feuerkraft. Fischbach betonte, dass gerade diese beiden Aspekte in den operativen Grundannahmen der Reichsmarine eine größere Rolle spielten. Zwar wurden auch deutsche Panzerschiffe gebaut, die eine Kombination aus Geschwindigkeit und Standfestigkeit anstrebten, doch führte dieses Konzept in eine strategische Sackgasse. Fischbach bewertet diese Entwicklung daher als Ausnahme, weshalb dem Faktor Geschwindigkeit beim Bau neuer Schiffe nur ein geringer Stellenwert beigemessen wurde.
Wie sich die technischen Modernisierungen und die Motorisierung des Heeres auf die Kavallerie auswirkten, war das Thema von FRIEDERIKE C. HARTUNG (Potsdam). Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs entwickelte sich in den Diskursen rund um „Pferd versus Motor“ auch ein innenorganisatorischer Machtkonflikt innerhalb des Heeres. Kavalleristen leisteten Widerstand gegen ihre Verdrängung durch Maschinen und Motoren. Selbst innerhalb dieser Debatte, die kein rein deutsches Phänomen war, herrschte im zeitgenössischen Kontext ein vielfältiges Meinungsspektrum. Während einige das Ende ihres Ranges befürchteten, sahen andere darin die Chance, ihre kavalleristischen Ideale auf andere maschinelle Waffengattungen zu übertragen. Spätestens der Rüstungsschub im Jahr 1932 besiegelte das vorläufige Ende der Kavallerie.
Die Inhalte der zweiten Sektion beschäftigten sich mit der „dritten Dimension“ der Luftfahrt im zeitlichen Kontext der Reichswehr. Die Leitung der Sektion übernahm JOHN ZIMMERMANN (Potsdam). Den Auftakt der Sektion bildete JENS WEHNER (Dresden), der sich mit Leitbildern des deutschen Luftkampfs in der Zwischenkriegszeit auseinandersetzte. Er argumentierte, dass das Leitbild in der Reichswehr vor allem durch den italienischen General Giulio Douhet geprägt war, der im Luftkampf insbesondere einen Austausch von Feuerkraft sah. Zwar wurden Aspekte wie Geschwindigkeit und Wendigkeit zunehmend wichtige Faktoren im technologischen Fortschritt der Luftfahrt, sie beeinflussten jedoch die übrigen Einschätzungen kaum. So wurde etwa durch bestimmte Flugzeugtypen wie den „Schweren Zerstörer“ versucht, Geschwindigkeit mit Feuerkraft zu verbinden.
Im Anschluss präsentierte KURT MÖSER (Karlsruhe) seine Forschungsergebnisse zum Gleitfliegen im Kontext der Reichswehr. Er untersuchte, wie sich das Gleitfliegen als Jugendinitiative im Zuge der allgemeinen Begeisterung für die Luftfahrt entwickelte und später teilweise von der Reichswehr genutzt wurde, um zukünftige Piloten für Jagd- und Bomberflugzeuge auszubilden. Die Ausbildung von Gleitflugpiloten bewegte sich dabei in einer rechtlichen Grauzone des Versailler Vertrags. Zudem war die Mortalitätsrate bei dieser Form der Flugausbildung deutlich geringer. Möser zeigte jedoch, dass das Gleitfliegen in der Reichswehr nicht nur technische und personelle, sondern auch kulturelle Einflüsse auf die spätere Luftwaffe hatte.
LUTZ BUDRASS (Bochum) widmete sich in seinem Vortrag der Entwicklung des Flugzeugbaus in den 1920er-Jahren. Nach dem Ersten Weltkrieg konzentrierte sich die deutsche Luftfahrtindustrie zunächst auf die Verbesserung der Flugsicherheit, anstatt den Schwerpunkt auf Geschwindigkeit zu legen. Diese sicherheitsorientierte Ausrichtung prägte die frühen Nachkriegsjahre. Eine Zäsur markierte der erfolgreiche Transatlantikflug von Charles Lindbergh im Jahr 1927. Dieses Ereignis löste einen Innovationsschub aus, bei dem sogenannte „Stromlinienflugzeuge“ in den Mittelpunkt rückten. Sie standen für eine neue Entwicklungsrichtung, die Geschwindigkeit und aerodynamische Effizienz miteinander verband und damit den bisherigen Kurs der Luftfahrttechnik grundlegend veränderte.
Die letzte Sektion widmete sich der Außenwahrnehmung der Reichswehr sowie Entwicklungen in anderen Ländern. Geleitet wurde sie von PIERRE KÖCKERT (Potsdam). Den ersten Vortrag hielt WIM KLINKERT (Amsterdam), der sich mit den Reaktionen auf die Bewaffnung der Reichswehr in den Niederlanden beschäftigte. Ausgehend vom Konzept eines „Kriegs der Zukunft“ analysierte Klinkert, wie sich die Niederlande nach dem Ersten Weltkrieg gegen eine potenzielle Bedrohung durch Deutschland wappnen wollten. Die militärischen Planungen und sicherheitspolitischen Debatten in den Niederlanden spiegelten dabei die Sorge wider, dass die Reichswehr trotz der Einschränkungen des Versailler Vertrags eine ernstzunehmende Gefahr darstellen könnte.
ALARIC SEARLE (Potsdam) warf einen genaueren Blick darauf, wie sich Großbritannien gegenüber der Reichswehr verhielt. Dafür analysierte er die innenpolitischen Diskurse in drei Phasen der Zwischenkriegszeit. Diese reichten von einer anfänglichen Gleichgültigkeit über eine positive Überraschung angesichts eines „neuen deutschen Patriotismus“ bis hin zur Erkenntnis der Gefahr durch die deutsche Aufrüstung.
Wie und ob sich der „Zeitgeist“ von Geschwindigkeit, Mechanisierung und Motorisierung auf die U.S. Army auswirkte, wurde von ALEXANDER REINEKE (Bochum) näher untersucht. Obwohl die U.S. Army einer Modernisierung und Technisierung der Truppen nicht grundsätzlich ablehnend gegenüberstand, wurden entsprechende Ideen, inoffiziell entwickelt und so formuliert, dass sie bestehende Institutionen nicht infrage stellten und die Kavallerie als essenzielle Truppengattung bestehen blieb.
Im letzten Vortrag des Tages sprach MICHAEL OLANSKY (Zürich) über die Perspektiven des Schweizer und des österreichischen Militärs auf die Reichswehr. Dabei vertrat er unter anderem die These, dass die Reichswehr vor allem aufgrund ihrer Beschränkungen durch den Versailler Vertrag für beide Streitkräfte als militärischer Referenzpunkt diente. Diese Auffassung änderte sich jedoch im Laufe der Jahre, je konkreter die Vorstellung eines möglichen Kriegsfalls wurde. In der anschließenden Diskussion ging es darum, die internationalen Perspektiven in den kontextuellen Rahmen von Motorisierung, Geschwindigkeit und Technisierung einzubetten. Bei einer reaktiven Aufrüstung zu Verteidigungszwecken gegen einen schnellen, motorisierten Gegner schwang stets auch eine implizite eigene Sehnsucht nach höherer und schnellerer Motorisierung mit. Sowohl die Niederlande als auch das Vereinigte Königreich nahmen die Reichswehr als Impulsgeber wahr. Im Gegensatz dazu konzentrierten sich die Vereinigten Staaten in dieser Zeit nicht auf Europa, sondern bereiteten sich strategisch auf einen möglichen Konflikt mit Japan vor. Diese unterschiedliche geopolitische Ausrichtung spiegelte sich auch in den jeweiligen militärischen Planungen und technologischen Prioritäten wider.
Tagungsprogramm
9. Juli 2025 Begrüßung durch Kommandeur ZMSBw Frank Hagemann
Keynotes
Sektionsleitung: Friederike C. Hartung (Potsdam)
Markus Pöhlmann, Die Mobilität des Militärs
Frank Reichherzer, Die Zeit(en) des Krieges
Diskussion
Sektion I: Modernisierung, Motorisierung und Mechanisierung
Sektionsleitung: Agilolf Keßelring (Helsinki)
Roman Töppel (München), „Wichtiger als militärische Gleichmäßigkeit ist die Ausnutzung der Geschwindigkeit“: Bestrebungen zur Motorisierung von Infanterie in Reichswehr und Wehrmacht
Johannes Fischbach (Berlin), Überholen ohne Einzuholen? Die Reichsmarine und die Herausforderungen neuer Gegner, neuer Verträge und neuer Schiffe
Friederike Hartung (Potsdam), Pferd vs. Motor? Die Kavallerie der Reichswehr im Kontext der zunehmenden Technisierung des Krieges
Diskussion
10. Juli 2025
Sektion II: Die Reichswehr und die 3. Dimension
Sektionsleitung: John Zimmermann (Potsdam)
Jens Wehner (Dresden), Feuerkraft versus Geschwindigkeit. Traditionelle und modernistische Leitbilder am Beispiel der Zerstörer der Luftwaffe
Kurt Möser (Karlsruhe), Gleitfliegen im Kontext, 1913 bis 1930
Lutz Budrass (Bochum), Sicherheit statt Tempo. Die technische Entwicklung im Flugzeugbau der 1920er Jahre und ihre Konsequenzen für Luft-Verkehr und Luftkriegsplanung
Diskussion
Sektion III: Internationale Perspektiven
Sektionsleitung: Pierre Köckert (Potsdam)
Wim Klinkert (Amsterdam), An admired enemy. Dutch military reflections on the German Army, 1918-1935
Alaric Searle (Potsdam), Britische Offiziere betrachten die Reichswehr: Berichterstattung, Beobachtungen und Auswertungen, 1919-1938
Alexander Reineke (Bochum), US-Kavallerie: Motorisierung und Mechanisierung vor und nach dem Ersten Weltkrieg
Michael M. Olsansky (Zürich), Die Reichswehr als paradigm army für die Schweizer Armee und das österreichische Bundesheer der Zwischenkriegszeit?
Diskussion
Zusammenfassung und Abschlussdiskussion
Sektionsleitung: Frank Reichherzer (Potsdam)
