Leben, Leiden und Sterben „kommunistischer“ Gefangener in Vietnams amerikanischem Krieg
Christian Koller
Buchbesprechung
Veröffentlicht am: 
1. Februar 2021 - 1:02

Der Vietnamkrieg als einschneidendes Ereignis des Kalten Krieges und „cause celèbre“ von „68“ war Gegenstand unzähliger wissenschaftlicher und journalistischer Studien. Gleichwohl gibt es noch einige wenig erforschte Aspekte. Dazu gehört erstaunlicherweise der Umgang mit „kommunistischen“, das heißt der Zusammenarbeit mit den Vietcong verdächtiger Gefangener durch amerikanische und südvietnamesische Truppen und Behörden. Obwohl Ermordungen, Folter und Vergewaltigungen „kommunistischer“ Gefangener bereits zeitgenössisch ein Thema von Medien, Memoiren und gerichtlichen Untersuchungen in den USA waren, sind sie in der Erforschung der Gewaltgeschichte des Vietnamkriegs und auch im westlichen kollektiven Gedächtnis hinter anderen Gräueltaten wie amerikanischen Massakern an der Zivilbevölkerung oder Folterungen amerikanischer Kriegsgefangener wie John McCain in nordvietnamesischen Gefängnissen zurückgetreten.

Marcel Berni untersucht in seiner preisgekrönten Hamburger Dissertation das Thema erstmals auf der Basis eines sehr breiten Quellenkorpus. Dieser umfasst Akten aus amerikanischen und vietnamesischen Archiven sowie dem Archiv des IKRK, zeitgenössische Medienberichte und Dokumentationen, Quelleneditionen, Selbstzeugnisse, zivile und militärische Rechtstexte sowie Bildquellen. Die breite Quellenbasis stellt sicher, dass es sich bei den geschilderten Gräueltaten keineswegs um Einzelfälle, sondern um Beispiele weit verbreiteter Praktiken handelt. Allerdings sind viele Akten zu CIA-Operationen, bei denen Gefangene gemacht wurden, immer noch unter Verschluss oder wurden vernichtet. Ein Einsichtsgesuch Bernis im Rahmen des „Freedom of Information Act“ zu Akten über die blutige Geheimoperation „Phoenix“ wurde während über vier Jahren nicht beantwortet.

Ein erster Hauptteil befasst sich mit den kriegsrechtlichen Normen zum Umgang mit Gefangenen. Sowohl die USA als auch Südvietnam bekannten sich grundsätzlich zu den Genfer Konventionen. Deren Normen flossen auch in die einschlägigen Feldhandbücher und Direktiven des amerikanischen Militärs ein. In der Praxis waren die GIs und auch viele der während des Kriegs immer schlechter ausgebildeten Kader aber über das humanitäre Völkerrecht bestenfalls sehr rudimentär informiert. Hinzu kam, dass in den militärischen Lehrgängen oftmals neben den offiziellen Lerngegenständen auch inoffizielle, nicht verschriftlichte Inhalte vermittelt worden zu sein scheinen. Dazu gehörten etwa Foltermethoden oder rassistische Stereotypen über die asiatischen „Gooks“. Der junge südvietnamesische Staat verfügte über eine nur schwach ausgebaute Rechtsordnung, die für Justizwillkür und Folter zahlreiche Schlupflöcher bot.

Im zweiten Kapitel untersucht Berni den Umgang mit „kommunistischen“ Gefangenen im Feld. Er betont hier die Verantwortung der Offiziere, die auf die Behandlung bzw. Misshandlung von Gefangenen einen entscheidenden Einfluss hatten. Neben Kadern, die die Einhaltung der kriegsrechtlichen Normen durchsetzten, standen Offiziere, die Folter oder gar Ermordung von Gefangenen duldeten, befahlen oder sich sogar persönlich daran beteiligten. Ein fatale Rolle hatte die Doktrin des anzustrebenden „cross-over-points“, der „Ausblutung“ des Feindes, indem man ihm möglichst hohe Verluste beifügte. Daraus leitete sich für die einzelnen Einheiten die Forderung nach Optimierung des „Body Count“ als vermeintlich messbares Kriterium des operativen Fortschritts ab. Dies war ein institutioneller Anreiz, Gefangennahmen zu vermeiden und besiegte Feinde an Ort und Stelle zu ermorden. Auch wurden Gefangene in die Flucht getrieben, um sie dann zu erschießen, oder aus Helikoptern in den sicheren Tod geworfen sowie Jagden auf Zivilistinnen und Zivilisten veranstaltet, auch wenn deren Bezug zum Vietcong zweifelhaft war. Dabei verbanden sich die institutionellen Anreize mit der Entladung aufgestauter Aggressionen und Frustrationen über den Kampf gegen einen „unsichtbaren“ Feind sowie Rachegefühlen. Die häufigen Verstümmelungen von Gefangenen vor oder nach ihrer Ermordung diente nicht nur der Sicherung von Belegmaterial wie abgeschnittenen Ohren für den individuellen „Body Count“, sondern auch der Dehumanisierung des Feindes zur Legitimation der eigenen Brutalität sowie Trophäenjagd, die sogar dazu führte, dass sich der amerikanische Zoll mit Paketsendungen bestehend aus Knochen, Schädeln und einbalsamierten Ohren konfrontiert sah.

Wer seine Gefangennahme überlebte, den erwarteten, wie die folgenden beiden Kapitel zeigen, häufig Folter, Misshandlungen, sexuelle Gewalt, Inhaftierung unter miserabelsten Bedingungen mit Hunger und kaum erträglichen sanitären Verhältnissen sowie nicht selten auch die Ermordung. Solcher Verbrechen machten sich nicht nur südvietnamesische Militär- und Polizeistellen schuldig, sondern auch, teils in Zusammenarbeit mit ihnen, teils unabhängig davon, Angehörige der amerikanischen Truppen und Geheimdienste. Zur Anwendung gelangte dabei die ganze Palette von Foltermethoden, von Schlägen, verschiedenen Varianten der Wasserfolter und Elektroschocks bis zu ausgesucht sadistischen und geschlechtsspezifisch variierten Marter- und Ermordungsarten, deren detaillierte Beschreibungen Bernis Buch über weite Strecken zu einer schwer verdaubaren Lektüre machen. Die Folter diente dabei, wie Berni überzeugend argumentiert, nur in geringem Masse der Gewinnung belastbarer nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, sondern war primär Mittel zur Rache, Selbstermächtigung sowie, bei öffentlichem Vollzug, auch der Abschreckung. Dasselbe gilt für die weit verbreiteten, häufig kollektiv verübten Vergewaltigungen.

All dies geschah keineswegs im Verborgenen. Bereits seit den frühen 60er-Jahren berichteten amerikanische Medien über Misshandlungen und Morde an vietnamesischen Kriegsgefangenen. Zunehmend wurde dann auch von Kriegsveteranen Kritik laut, am prominentesten mit der „Winter Soldier Investigation“ von 1971, an der der spätere Spitzenpolitiker John Kerry beteiligt war und aus der eine umfangreiche Dokumentation amerikanischer Kriegsverbrechen hervorging. Deren strafrechtliche Verfolgung wurde aber, wie Berni im letzten Hauptkapitel ausführt, durch verschiedene institutionelle Blockaden behindert. Wenn es überhaupt zu Anklagen kam, wurden Anklagepunkte nicht selten bereits im Vorverfahren gemildert. Freisprüche und milde Strafen waren die Regel, schärfere Strafen wurden in Berufungsverfahren zuweilen massiv reduziert. Zudem mussten in zahlreichen Anklagefällen Mannschaftssoldaten für die Unterlassungssünden ihrer Vorgesetzten büßen. Berni gewinnt aus seiner Analyse der gerichtlichen Verfolgung von Kriegsverbrechen den Eindruck eines „Täterschutzes, der Signalwirkung hatte“ (335).

Insgesamt rekonstruiert Bernis Buch auf breiter Quellengrundlage ein Panoptikum des Grauens, dessen Ursachen, Dimensionen und Perzeptionen sorgfältig analysiert werden. Berni ist unbedingt zuzustimmen, wenn er vor monokausalen Erklärungen warnt und stattdessen Ursachenbündel von strukturellen und situativen, institutionellen, gruppendynamischen und individuellen Faktoren diskutiert. Dadurch entsteht eine Studie, die weit über den Vietnamkrieg hinaus für die Gewaltgeschichte „asymmetrischer“ Kriege von größter Bedeutung ist und unbedingt auch in englischer Übersetzung vorgelegt werden sollte.

Marcel Berni, Außer Gefecht. Leben, Leiden und Sterben „kommunistischer“ Gefangener in Vietnams amerikanischem Krieg, Hamburg: Hamburger Edition 2020, 440 Seiten, gebunden, 36 Abb., 5 Karten ISBN 978-3-86854-348-3, 28,00 €.

 

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Christian Th. Müller