Kevin Sina
Buchbesprechung
Veröffentlicht am: 
26. Mai 2026
DOI: 
https://doi.org/10.60658/mug.v15i1.54

Die Schlachtfeldarchäologie (conflict archaeology) hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von einer Nischendisziplin zu einem methodisch hochentwickelten Forschungsfeld gewandelt. Dass sich das aktuelle Themenheft der „Bayerischen Archäologie“ diesem Schwerpunkt widmet, erscheint angesichts der konfliktreichen Geschichte des bayerischen Raums nur folgerichtig. Als wiederholter Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen bietet Bayern ein breites Spektrum, das in mehreren Beiträgen des Heftes fachkundig entfaltet wird.

Die Herausgeber verfolgen das Ziel, militärische Konflikte im Verlauf der bayerischen Geschichte archäologisch greifbar zu machen. Entsprechend folgt das Heft einer klaren chronologischen Struktur, die kriegerische Auseinandersetzungen von der Vorgeschichte bis in die Frühe Neuzeit beleuchtet. Den Autoren gelingt es dabei, den Bogen von den oft schwer fassbaren Konflikten der Bronzezeit über die römische Kaiserzeit bis hin zu den großflächigen Schlachtfeldern der Napoleonischen Kriege zu spannen.

Im Bereich der Vorgeschichte sticht insbesondere der Beitrag von Markus Schußmann heraus. Er betont, wie selten prähistorische Schlachtfelder archäologisch nachweisbar sind und entwickelt hierfür plausible Erklärungsansätze. Als Konfliktzentren identifiziert Schußmann Fortifikationen und zeigt auf, wie diese strategisch genutzt und weiterentwickelt wurden. Besonders anschaulich wird dies anhand eines LiDAR-Scans der Schellenburg, welcher den archäologischen Befund im Gelände zeigt. An diesem Beispiel verdeutlicht der Autor, wie sich anhand archäologischer Analysen Kampfabläufe rekonstruieren lassen. Schußmann untermalt seinen Beitrag unter anderem mit detaillierten Fotos von diversen Waffenfunden wie Pfeil- oder Speerspitzen.

Als besonders gewichtiger Beitrag des Heftes kann der Aufsatz „Germanenüberfälle und Ritterschlachten, Schlachtfeldarchäologie von der Römerzeit bis ins Spätmittelalter“ von Bernd Päffgen gelten. Der Text bietet auf Grundlage archäologischer Befunde und Funde einen luziden Überblick über unterschiedliche militärische Konflikte in Bayern. Päffgen betont den noch jungen Charakter der Schlachtfeldarchäologie und plädiert für eine intensivere interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Geschichtswissenschaft. Die Tragfähigkeit dieses Ansatzes unterstreicht er anhand ausgewählter Beispiele aus der Römerzeit sowie dem Früh-, Hoch- und Spätmittelalter.

Mit dem Beitrag „Wagenburg und Söldnerheere – Die Belagerung von Landau a. d. Isar im Landshuter Erbfolgekrieg 1504“ präsentieren Anja Hobmaier und Florian Eibl ein frühneuzeitliches Fallbeispiel der conflict archaeology. Sie skizzieren zunächst die historischen Hintergründe des Erbfolgekonflikts und analysieren anschließend die Belagerung von Landau sowie die strategische Bedeutung von Wagenburgen als mobile Kleinfestungswerke. Die Zerstörung der Stadt infolge der militärischen Auseinandersetzung wird anhand verschiedener Befunde, insbesondere von Brandhorizonten, überzeugend nachgewiesen. Darüber hinaus führen die Autoren weitere Funde und Befunde – etwa zur Bewaffnung der Soldaten – an und verknüpfen diese schlüssig mit dem historischen Geschehen. Darunter befinden sich unter anderem ein Ahlspieß oder ein Hodendolch im Fundzustand. Besonders hervorzuheben ist der archäologische Nachweis des Wagenburggrabens, der zugleich Einblicke in die Lebenswelt der beteiligten Soldaten ermöglicht.

Mit dem Beitrag „Das Massengrab von Alerheim – Ein Blick in den Dreißigjährigen Krieg“ eröffnet Stefanie Berg ein besonders visuelles Beispiel der Schlachtfeldarchäologie. Die Autorin arbeitet heraus, dass sich ein Großteil der bekannten Schlachtfelder des Konflikts auf bayerischem Boden befindet. Im Beitrag beleuchtet sie kurz umrissen die historischen Hintergründe des Krieges und geht im Anschluss auf den Umgang mit den Toten des Konflikts ein. Mit detaillierten Fotos von in situ durcheinander liegenden Skeletten zeigt die Autorin den archäologischen Befund eines Massengrabes, erläutert die ungewöhnliche Fundsituation und ordnet ihn in den historischen Kontext ein.

Die besprochenen Beiträge stehen exemplarisch für die weiteren Artikel des Heftes, die in ihrer Qualität in keiner Weise nachstehen. Insgesamt gelingt es der Publikation, einen fundierten historischen und insbesondere archäologischen Überblick über die Schlachtfeldarchäologie in Bayern bis in die Zeit der Napoleonischen Kriege zu bieten. Die Autoren rekonstruieren historische Ereignisse auf Grundlage archäologischer Funde und reflektieren zugleich die methodischen Herausforderungen, mit denen diese noch junge Teildisziplin konfrontiert ist.

Kritisch anzumerken ist jedoch, dass Beispiele aus den Weltkriegen vollständig ausgeklammert bleiben. Gerade für diesen Zeitraum existieren bereits vielversprechende Forschungsansätze, die im Kontext der Schlachtfeldarchäologie gewinnbringend hätten berücksichtigt werden können. Darüber hinaus ist festzuhalten, dass angesichts der Vielzahl an Beiträgen nicht jeder Aspekt in gleicher Tiefe behandelt werden kann. Dieses Manko wird jedoch durch die durchweg sorgfältig zusammengestellten und weiterführenden Literaturverweise weitgehend kompensiert.

Insgesamt erweist sich das Themenheft als ein überzeugendes Plädoyer für interdisziplinäre Forschung und stellt eine lohnende Lektüre für alle dar, die sich mit der bayerischen Landesgeschichte beschäftigen oder einen fundierten Einblick in die noch junge Forschungsdisziplin der Schlachtfeldarchäologie gewinnen möchten.

 

Bayerische Archäologie. Themenheft: Schlachtfeldarchäologie (1/2026), herausgegeben von Roland Gschlößl in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Archäologie in Bayern e.V., 64 S., ISBN 978-3-791-74036-2, 9,90 €.