Benjamin Pfannes
Buchbesprechung
Veröffentlicht am: 
26. April 2021 - 2:05

Das Buch „Die Schlacht um Berlin 1945“ von Peter Lieb erschien in der Reihe „Kriege der Moderne“, herausgegeben vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. [1] Dort forscht der Militärhistoriker seit 2015 unter anderem zur Strategie, Operationsgeschichte und Besatzungspolitik im Ersten und Zweiten Weltkrieg.

Lieb legt einen knappen Überblick der letzten Wochen und Monate des Dritten Reiches vor. Den Schwerpunkt seiner Darstellung bilden die militärischen Operationen sowie die Frage, warum Deutschland den Krieg so lange fortsetzte, obwohl die Niederlage längst unausweichlich war.

Eine der letzten großen Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges in Europa beginnt im April 1945 mit der Schlacht um Berlin, die am 2. Mai 1945 mit der Besetzung der Hauptstadt des Deutschen Reiches endet. Der Krieg, der von Berlin ausgegangen war, kehrte dorthin zurück. Während der Kämpfe sterben noch zehntausende Menschen einen sinnlosen Tod.

Das Buch ist in neun Kapitel mit Themenschwerpunkten von der Flucht junger Offiziere aus dem Berliner „Führerbunker“ nach Westen bis zu der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches gegliedert. Im Anhang seines Werkes fügte Lieb eine Zeittafel an, auf der die wichtigsten Ereignisse von September 1944 mit der Aufstellung des Volkssturms bis zur Konferenz von Potsdam im Juli/August 1945 verzeichnet sind. Ebenfalls wurde eine Seite mit Literaturhinweisen, ein Abbildungsverzeichnis sowie ein Personenregister angefügt.

Im Eröffnungskapitel skizziert Lieb die Flucht von zwei Gruppen junger Offiziere aus dem „Führerbunker“ in Berlin zu den Linien der Amerikaner im Westen. Diese Flucht steht sinnbildlich für die letzte Phase des Zweiten Weltkrieges, die durch Chaos, Zerstörung, Tod und Überleben gekennzeichnet ist (S. 12).

Das zweite Kapitel thematisiert die militärische und politische Lage zur Jahreswende 1944/45. Lieb erklärt den Verlauf sowie die Folgen der Ardennenoffensive im Dezember 1944. Infolge dieser Operation verbraucht das Deutsche Reich seine letzten Ressourcen. Für Hitler sind in der Folgezeit drei Komponenten von äußerster Wichtigkeit. Zum einen hofft er auf ein Zerwürfnis der deutschen Gegner und zum anderen ordnet er die Verteidigung der zu Festungen erklärten Städte an. Außerdem sah er es als seine „historische Aufgabe“, das Vernichtungswerk gegen die europäischen Juden fortzusetzen (S. 16).

Das nachfolgende Kapitel beleuchtet die personelle Situation der Wehrmacht und der Roten Armee in der Endphase des Krieges. Im Laufe der Kämpfe sterben viele „Spezialisten“ zum Beispiel Zugführer, Kompaniechefs oder Piloten. Schnelle Beförderungen können diese Verluste nicht adäquat ersetzen (S. 23). Während die Waffen-SS noch über kampfstarke Verbände verfügt, ist der Volkssturm schlecht ausgebildet und ausgerüstet (S. 30). Demgegenüber bescheinigt Lieb den sowjetischen Soldaten eine Weiterentwicklung der militärischen Fähigkeiten. Zu Beginn des Unternehmens Barbarossa kämpft die Rote Armee noch mit den Folgen der stalinistischen Säuberungswelle, der am Ende der 1930er Jahre rund zwei Drittel der Generalität zum Opfer fielen. Ein schier unerschöpfliches Reservoir an neuen Soldaten sowie die Ausrüstungshilfen der Briten und Amerikaner verhindern den Zusammenbruch der sowjetischen Armee im Jahr 1941 (S. 35). Zusätzlich müssen die Weite des Landes, der russische Winter und die viel zu breit angelegte Front als Faktoren für die Niederlage der Wehrmacht berücksichtigt werden.

Im vierten Kapitel erläutert der Autor den Zusammenbruch der deutschen Heeresgruppen an Ost- und Westfront. Der Durchbruch der Roten Armee an der Weichsel im Januar 1945 schafft den Ausgangspunkt für den Vormarsch bis zur Oder, die später als Ausgangsposition für die Schlacht um die deutsche Reichshauptstadt. Im Westen haben die Wehrmachtssoldaten dem Vormarsch der Alliierten nichts mehr entgegenzusetzen. Dennoch verbietet Oberbefehlshaber Eisenhower seinen Truppen die Eroberung Berlins.

Im darauffolgenden Teil des Buches widmet sich Lieb der Schlacht um Berlin. Stalin beobachtet das schnelle Vorrücken der Westalliierten, die in kurzer Zeit ganz Mittel- und Süddeutschland erobern, misstrauisch. Der russische Diktator beabsichtigt um jeden Preis die Hauptstadt Berlin als Erster einzunehmen – ohne die Rücksicht auf eigene Soldaten. Die Tagesverluste an Mensch und Material sind während dieser Operation die höchsten im Zweiten Weltkrieg (S. 98). Die Präsentation dieses Kapitels wird durch detailliertes Kartenmaterial, wie zum Beispiel einer Schlachtkarte des Kampfes um die Seelower Höhen und Statistiken zu Soldaten, Panzern, Geschützen und Flugzeugen, unterstützt.

Lieb führt im sechsten Kapitel die Verbrechen der Nationalsozialisten und der Roten Armee an. Auch in den letzten Kriegsmonaten zeigt sich der mörderische Charakter des NS-Regimes. Anfang 1945 befinden sich noch über 700 000 Menschen in Konzentrationslagern. Angesichts der militärischen Lage beginnt die Führung bereits im Sommer 1944 mit den Vorbereitungen zur Evakuierung der Lager. Auf sogenannten Todesmärschen werden Gefangene misshandelt und aufgrund völliger Erschöpfung erschossen (S. 103).

Das Dorf Nemmersdorf dient als Beispiel für die Verbrechen der Roten Armee auf deutschem Reichsgebiet. Bis heute wurden diese Vorgänge nicht vollständig aufgearbeitet, weil die Akten der Roten Armee noch immer unzugänglich sind.

Im siebten Kapitel geht Lieb der Frage nach, warum die Wehrmacht den Kampf ohne Aussicht auf Erfolg so lange fortsetzte. Als Gründe führt er zum einen den Eid, den die Offiziere auf den „Führer“ ablegten, an. Dieser ist ihnen wichtiger als ihre Verantwortung für die ihnen unterstellten Soldaten. Auch die Erfahrungen der älteren Offiziere am Ende des Ersten Weltkrieges dürfen sich aus deren Sicht nicht wiederholen. Sie sind davon überzeugt, dass Front und Heimat zusammenstehen mussten. Hinzu kommt die Furcht vor einer Gefangennahme durch die Rote Armee (S. 129f).

Im achten Kapitel erläutert Lieb die Gründe, die zur bedingungslosen Kapitulation führten. Im April 1945 existiert keine geschlossene Front mehr. Lediglich eine stützpunktartige Verteidigung ist noch vorhanden. Auch in den letzten Kriegstagen zeigen sich sowohl deutsche Politiker als auch Offiziere davon überzeugt, dass die Westalliierten ein Bündnis mit dem Deutschen Reich gegen die Sowjetunion eingehen würden. Kurz nach Mitternacht am 9. Mai 1945 unterzeichnen Vertreter der Wehrmacht schließlich die bedingungslose Kapitulation, was formell das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa bedeutet.

Das letzte Kapitel skizziert die Neuordnung der Welt nach 1945, von der Gründung der Vereinten Nationen am 26. Juni 1945 in San Francisco, über die Teilung Deutschlands seit 1949 bis zum Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991.

Die kompakte Darstellung Liebs fasst die wichtigsten Zusammenhänge von Hitlers Krieg gegen die eigene Bevölkerung, die Schlacht um Berlin und die Gründe für die bedingungslose Kapitulation zusammen. Eine Antwort auf die eingangs formulierte Frage, wie Deutschland trotz der ausweglosen Situation den Krieg so lange fortführte, ist nicht einfach zu finden. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle, wie zum Beispiel der Fanatismus der Anhänger der NS-Ideologie, der Eid der Soldaten auf Hitler sowie deren Furcht als Deserteure zu gelten und die Angst einer Gefangennahme durch die Rote Armee. Liebs Schilderungen werden durch anschauliches Kartenmaterial, eindrucksvolle Illustrationen sowie interessante Statistiken unterstützt. Der Leser darf während der Lektüre keine neuen historischen Erkenntnisse erwarten. Dennoch eignet sich Liebs Werk hervorragend als Ergänzung zu den bislang vorliegenden Standardwerken oder als Einstiegslektüre für den interessierten Laien.

[1] Auch andere Historiker befassten sich bereits mit dieser Thematik. Vgl. Antony Beevor, Berlin 1945, München 2002; Ian Kershaw, Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45, München 2011; Tony Le Tissier, Der Kampf um Berlin 1945. Von den Seelower Höhen zur Reichskanzlei, Frankfurt/Berlin 1991.

 

Peter Lieb, Die Schlacht um Berlin und das Ende des Dritten Reichs 1945, Ditzingen: Reclam 2020, 160 Seiten, gebunden, Illustrationen, Karten ISBN 978-3-15-011272-4, 14,95 €.

Lisa Marie Freitag