In den vergangenen Jahren rückten Therapien psychischer Erkrankungen im Militär sowie der generelle Umgang mit psychisch versehrten Soldaten immer mehr in den Blickpunkt von wissenschaftlichen Untersuchungen.1 Die erschienen Publikationen untersuchten vor allem Umgang und Behandlungen von Mannschaftssoldaten, Offiziere waren bisher selten bis überhaupt kein Gegenstand der Forschung.
Diese Lücke möchte Gundula Gahlen mit einer überarbeiteten Fassung ihrer 2021 von der Freien Universität Berlin angenommenen Habilitationsschrift unter dem Titel „Nerven, Krieg und militärische Führung. Psychisch erkrankte Offiziere in Deutschland (1890–1939)“ schließen.
In ihrer Studie untersucht die Verfasserin unter anderem die verschiedenen Anforderungen an militärische Führer und geht dabei den Fragen nach dem Umgang mit psychisch erkrankten Offizieren, der Selbstwahrnehmung der Krankheitsbilder durch die Betroffenen sowie den Auswirkungen auf ihre Lebensläufe nach. Ziel ist es, „eine Geschichte der Erkrankung extremer Erlebnisse durch die Betroffenen, die psychiatrische Wissenschaft, durch Militär, Staat und Gesellschaft zu schreiben“,2 gleichzeitig „militärhierarchische Perspektiven zu verschränken und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Offizieren und Soldaten herauszuarbeiten“.3
Dazu wertete Gahlen Kranken-, Personal- und Versorgungsakten, Ego-Dokumente psychisch versehrter Offiziere und medizinische Publikationen aus. Der Untersuchungszeitraum reicht von der Wilhelminischen Ära bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit des Ersten Weltkriegs liegt. Neben einem Einleitungskapitel mit Ausführungen zum Forschungsansatz, der Methodik, Quellenlage sowie zum Aufbau der Arbeit gliedert sich das Werk in fünf größere Abschnitte, die jeweils mit einem Zwischenfazit schließen, sowie einer instruktiven Zusammenfassung und den üblichen Quellen- und Literaturverzeichnissen.
Unter dem Titel „Der Umgang mit psychischen Leiden bei Offizieren im Kaiserreich bis 1914“ werden die prestigeträchtige soziale Stellung der Offiziere in der Wilhelminischen Ära, die psychischen Voraussetzungen – die sich zunächst nicht von den Anforderungen anderer Dienstgradgruppen unterschieden – für die Offizierslaufbahn, sowie die damals vorhandenen Erklärungsversuche von psychischen Erkrankungen bei Offizieren und mögliche Konsequenzen dargestellt. Der zunehmende Bedeutungsgewinn und die einsetzende Professionalisierung der Psychiater schlugen sich im Aufbau militärpsychiatrischer Strukturen nieder, die allerdings überwiegend der Diagnostik und weniger der Therapie von psychischen Erkrankungen dienten.
Militärischer Diskurs und Handlungsstrategien im Zusammenhang mit psychisch erkrankten Offizieren im Ersten Weltkrieg stehen im Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Gahlen gelingt es darin, den Unterschied zwischen öffentlichen Äußerungen, in denen „die ständige Nervenstärke der Offiziere als unabdingbar für ihre Stellung und als kriegsentscheidend bewertet wurde“,4 und privaten Austauschen unter Kameraden und Vorgesetzten, in denen psychische Leiden als behandlungsbedürftige Krankheiten akzeptiert wurden, herauszuarbeiten. Erkrankte Offiziere erhielten innerhalb des Offizierskorps zunächst überwiegend Zuspruch und Unterstützung, Karrierenachteile traten kaum auf. Zeigten sich allerdings während des unmittelbaren Fronteinsatzes entsprechende Symptome, änderte sich dies spürbar: Schnell wurde in solchen Fällen von Versagen gesprochen. Vor diesen Hintergründen war man bemüht, bereits manifeste psychische Erkrankungen im Zuge von Rekrutierungsmaßnahmen zu diagnostizieren und Betroffenen den Zugang zum Militär zu verwehren, musste dieses Ansinnen bedingt durch den einsetzenden Mangel an Offizieren gerade in der zweiten Kriegshälfte aber oft aufgeben.
Unter der Überschrift „Offiziere in psychiatrischer Behandlung im Ersten Weltkrieg“ erläutert die Autorin zunächst ausführlich die im Zusammenhang mit den Diagnosestellungen bei psychisch erkrankten Soldaten vorherrschende fachliche Ursachendebatte von Kriegsneurosen, bevor sie sich der Darstellung der verschiedenen Therapieansätze und den Rahmenbedingungen von stationären Aufenthalten widmet. Sie kann aufzeigen, dass sich die Unterbringung von erkrankten Offizieren zwar deutlich von den einfachen Soldaten unterschied, letztlich die Behandlungen aber nahezu deckungsgleich erfolgten. Lediglich die sogenannten aktiven Therapiemaßnahmen, wie beispielsweise Elektroschockbehandlungen mit Starkstrom, kamen bei Offizieren weniger zur Anwendung als bei Mannschaftssoldaten.
Im vorletzten Abschnitt „Leidenserfahrungen und Selbstbild psychisch versehrter Offiziere im Ersten Weltkrieg“ werden vorhandene Krankenakten und Ego-Dokumente unter verschiedenen Aspekten (beispielsweise Kriegserlebnisse, psychische Symptome, Haltung der Betroffenen zur Psychiatrie und Diagnose, Auswirkungen auf das Verhältnis zum Krieg sowie das Selbstbild als Offizier) untersucht. Dabei wird deutlich, in welchem Spannungsfeld (Krankheit, Professionalität, Ehre, Männlichkeit und soziale Stellung) sich die erkrankten Offiziere bewegten.
Das letzte Kapitel „Psychisch versehrte Offiziere a. D. und der Umgang mit psychischen Leiden bei militärischen Führern in der Zwischenkriegszeit“ verdeutlicht die Herausforderungen und Folgen, mit denen psychisch kranke Offiziere nach Kriegsende leben mussten. Besonders einschneidend wirkten sich die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und die sich daran anschließenden Anpassungen der Versorgungsgesetzgebung aus. In der Folge strich man vielen Traumatisierten Renten und bezeichnete sie als Geisteskranke oder Simulanten.
Gundula Gahlen ist es in ihrer sehr lesenswerten Arbeit gelungen, die bisherige Forschungslücke zum Umgang mit psychisch versehrten Offizieren zu schließen und dabei auch bisherige Annahmen – beispielsweise zu einer vermeintlichen Zwei-Klassen-Medizin unter den verschiedenen Dienstgradgruppen – zu korrigieren.
Die im Gesamteindruck überaus positiv zu bewertende Publikation ist sowohl für Medizin- und Militärhistoriker als auch für Psychiater, die sich mit der Geschichte des Faches beschäftigen, interessant und empfehlenswert.
Gundula Gahlen, Nerven, Krieg und militärische Führung. Psychisch erkrankte Offiziere in Deutschland (1890–1939), Frankfurt am Main 2022 (= Krieg und Konflikt, 17), 852 S., ISBN 978-3-593-51495-6, 64,00 €
- 1. Beispielhaft soll an dieser Stelle auf folgende Publikationen verwiesen werden: Wolfgang U. Eckart, Medizin und Krieg. Deutschland 1914–1924, Paderborn 2014; Livia Prüll/Philipp Rauh (Hrsg.), Krieg und medikale Kultur. Patientenschick-sale und ärztliches Handeln in der Zeit der Weltkriege 1914–1945, Göttingen 2014; Philipp Rauh/Livia Prüll, Krank durch den Krieg? Der Umgang mit psychisch kranken Veteranen in Deutschland in der Zeit der Weltkriege, https://www.portal-militaergeschichte.de/sites/default/files/pdf/rauh_pruell_krank.pdf (letzter Zugriff: 11.08.2026); Thomas Becker/Peter Fassl/Heiner Fangerau/Hans-Georg Hofer (Hrsg.), Psychiatrie im Ersten Weltkrieg, 2. Aufl., Mün-chen 2021 (= Irseer Schriften, N.F., 12).
- 2. Gundula Gahlen, Nerven, Krieg und militärische Führung. Psychisch erkrankte Offiziere in Deutschland (1890–1939), Frankfurt am Main, New York 2022, S. 24.
- 3. Ebd., S. 25.
- 4. Ebd., S. 276.
