Christian Th. Müller
Buchbesprechung
Veröffentlicht am: 
11. April 2022

Die Schlacht bei Tannenberg ist schon oft erzählt worden. Vor allem ist sie nacherzählt worden, wobei die mit ihr verbundenen Mythen und Legenden zumeist unkritisch reproduziert wurden. So wurde Tannenberg als Entscheidungsschlacht stilisiert, in der die deutsche 8. Armee Dank überlegener Führungskunst eine russische Übermacht vernichtend geschlagen hätte. Ihre propagandistische Instrumentalisierung sollte über das Scheitern des deutschen Operationsplanes im Westen hinwegtäuschen und begründete den noch Jahrzehnte nachwirkenden Hindenburg-Mythos. Für John Zimmermann ist dies Grund genug „ein weiteres Buch über Tannenberg“ zu schreiben. (1) In seiner klar gegliederten und akribisch aus den Quellen gearbeiteten Studie rekonstruiert er nicht nur die Ereignisse detailliert. Sein besonderes Augenmerk gilt darüber hinaus den vielfach widerstreitenden Darstellungen des Geschehens und dem damit verbundenen Kampf um die Deutungshoheit.

Zimmermanns Darstellung gliedert sich in sechs Kapitel. Nachdem er in seiner Einleitung zunächst Anliegen und Aufbau des Buches vorgestellt hat, ist das zweite Kapitel den militärgeographischen Rahmenbedingungen der Provinz Ostpreußen, den Vorkriegsplanungen beider Seiten und dem Zustand ihrer Streitkräfte gewidmet. Besonders beachtenswert ist hier vor allem der Umstand, dass bereits in der Generalstabsreise Ost 1894 ein ähnliches Szenario durchgespielt worden war, wie es 1914 Realität werden sollte. Für die mit der Verteidigung Ostpreußens befassten deutschen Generalstabsoffiziere gehörte das Operieren auf inneren Linien seitdem zum Standardrepertoire, um die aus Osten und Süden erwarteten russischen Angriffe auch mit zahlenmäßig schwächeren Kräften abwehren zu können.

Im dritten Kapitel werden die Kämpfe gegen die russische 1. Armee, die Krise und der Wechsel im deutschen Armeeoberkommando 8 (AOK 8) betrachtet sowie die damit verbundene Meistererzählung mit der historischen Realität kontrastiert. Wie Zimmermann herausarbeitet, war das AOK 8 bereits frühzeitig durch die Luftaufklärung über das Herannahen zweier russischer Armeen bei Kowno und am Narew orientiert. Die zunächst vorgesehene Abwehr der russischen 1. Armee verlief aufgrund der Eigenmächtigkeiten vor allem des Kommandierenden Generals des I. Armeekorps Hermann von Francois jedoch anders als geplant. In der Folge erlitten die deutschen Truppen am 19. und 20. August 1914 in der Schlacht bei Gumbinnen beträchtliche Verluste.

Angesichts der Meldungen über die unerwartete Stärke der von Süden herannahenden russischen 2. Armee sahen Oberbefehlshaber und Generalstabschef der 8. Armee am Abend des 20. Augusts daher keine Alternative, als das Gefecht sofort abzubrechen und die Truppen zurückzuziehen. Zum Verhängnis wurde Generaloberst Maximilian von Prittwitz und seinem Generalstabschef Waldersee ihre als panisch interpretierte Meldung an die Oberste Heeresleitung (OHL), die Generalstabchef Helmuth von Moltke noch in der gleichen Nacht zum Austausch des Oberkommandos veranlasste. Dieser drastische Schritt resultierte wesentlich aus persönlichen Animositäten in der OHL gegen Prittwitz und Waldersee. Hinzu kamen wohl auch die Interventionen ostpreußischer Gutsbesitzer, welche die befürchtete Preisgabe Ostpreußens nicht hinnehmen wollten (108). Zum neuen Führungsduo der 8. Armee bestimmte Moltke Generalmajor Erich Ludendorff und den bereits pensionierten General Paul von Hindenburg. Die entscheidende Person für Moltke war dabei Ludendorff, der sich gerade als „Held von Lüttich“ einen Namen gemacht hatte. Hindenburg wurde vor allem deshalb als Oberbefehlshaber ausgesucht, weil er gerade nicht als talentierter Feldherr, sondern als Phlegmatiker galt, der Ludendorff nicht in die Quere kommen würde (97).

Sodann dekonstruiert Zimmermann die maßgeblich durch das Reichsarchiv geprägte Meistererzählung, wonach das neue Führungsduo die Umgruppierung der deutschen Truppen gegen die russische 2. Armee eingeleitet, den Plan zur Vernichtungsschlacht geschmiedet und dann – wie vor allem die 1928 von Walter Elze herausgegebene Quellensammlung suggeriert – „jederzeit das Heft des Handelns in der Hand gehabt und die Schlacht im wahrsten Sinne des Wortes geführt“ hätte (148).

Tatsächlich hatte sich das AOK 8 bereits am 21. August zur Operation gegen die russische 2. Armee entschlossen, so dass bei Eintreffen von Hindenburg und Ludendorff zwei Tage später alle notwendigen Befehle bereits gegeben waren (111). Allerdings war zu diesem Zeitpunkt von einer beabsichtigten Kesselschlacht noch keine Rede. Anders als vom Reichsarchiv suggeriert, wurde diese Möglichkeit vom AOK 8 erst seit dem Abend des 27. Augusts ernsthaft verfolgt (183).

Fast bis zum Ende der im vierten Kapitel detailliert nachgezeichneten Schlacht konnte von einem planmäßigen Verlauf oder wirklich überlegener deutscher Führung keine Rede sein. Stattdessen resultierte die Lageentwicklung aus dem komplexen Zusammenwirken höchst unterschiedlicher Faktoren, welches sowohl eine detaillierte Planung als auch eine direkte Führung der Operationen durch die Armeeoberkommandos beider Seiten illusorisch machte. Das begann bei den dürftigen Fernmeldeverbindungen und der oft unzureichenden, auf russischer Seite geradezu sträflich vernachlässigten Aufklärung. Die Erstellung eines adäquaten Lagebildes wurde so deutlich erschwert. Während das AOK 8 durch die Funkaufklärung über die Absichten der beiden russischen Armeen im Großen und Ganzen Bescheid wusste, agierte das Oberkommando der russischen 2. Armee praktisch blind. Letzteres bedingte, dass die Lageeinschätzung insbesondere ihres Oberbefehlshabers General Alexander Wassiljewitsch Samsonow den realen Gegebenheiten nicht entsprach.

Zu diesen Fehlperzeptionen trugen auch wesentlich die Friktionen auf deutscher Seite bei. Besonders ist in diesem Zusammenhang die faktische Befehlsverweigerung von General von Francois hervorzuheben, welcher den Angriff seines Korps bei Usdau um einen Tag verzögerte, was dazu führte, dass Samsonow die Gefahr an seiner linken Flanke nicht erkannte und weiterhin die Entscheidung durch offensives Vorgehen im Zentrum suchte (182).

Eine weitere Eigenmächtigkeit Francois‘ war es schließlich auch, welche die Einkreisung der russischen 2. Armee einleitete. Am Abend des 27. August ignorierte er den Befehl, weiter auf Lahna vorzustoßen. Stattdessen ließ er die Verbindungsstraße Neidenburg-Willenberg durch Vorausabteilungen besetzen, wodurch den nördlich davon stehenden russischen Truppen der Rückzug abgeschnitten wurde (181 f.).

Friktionen und Eigenmächtigkeiten einzelner Truppenführer prägten auch den weiteren Verlauf der deutschen Operation. Das zeigte sich bereits am folgenden Tag beim Angriff des XX. Armeekorps, der 3. Reservedivision und der 1. Landwehrdivision bei Mühlen und Hohenstein. Erst verzögerte sich der Angriffsbeginn, weil sich mehrere Truppenteile im Nebel verirrt hatten und das Generalkommando XX zeitweise keine Verbindung zu den unterstellten Verbänden hatte. Als dann die 3. Reservedivision eigenmächtig angriff, gingen schließlich auch Teile der Nachbarverbände vor. Die unkoordinierten deutschen Angriffe und der teils erbitterte russische Widerstand bedingten einen höchst unübersichtlichen Gefechtsverlauf, bei dem deutsche Truppen sich mehrfach auch gegenseitig beschossen (189).

Zimmermann charakterisiert diesen Angriff in seinem Resümee als „komplette[s] Durcheinander […], das sich irgendeiner zentralen Führung von Anfang an entzog.“ Der schlussendliche Erfolg war daher nur möglich, „weil sich eigentlich niemand so recht an die Befehle hielt“. In dieser Hinsicht taten sich abermals General von Francois und sein Kollege August von Mackensen vom XVII. Armeekorps hervor, die eigeninitiativ viel tiefer vorstießen, als es das AOK 8 intendiert hatte (250 f.).

„Dass Francois schließlich auf die Aufforderung Ludendorffs, die Lücke bei Mühlen zu decken, gar nicht erst antwortete und stattdessen weiterhin seinen eigenen Krieg führte, lässt die zentrale Aussage der Meistererzählung, es habe sich bei der Schlacht um ein Musterbeispiel deutscher Feldherrenkunst gehandelt, beinahe lächerlich erscheinen.“ (251).

Bevor er jedoch seine Bilanz zieht, wirft Zimmermann im fünften Kapitel noch einen knappen Blick auf den weiteren Verlauf der Kämpfe im Jahr 1914. Dabei wird vor allem deutlich, dass Tannenberg bei der deutschen Verteidigung Ostpreußens nur ein Etappensieg war.

Insgesamt gelingt es John Zimmermann sehr gut, die mit der Schlacht verbundenen Mythen und Legenden zu dekonstruieren. Nicht zuletzt wird die Vorstellung von der Führbarkeit komplexer militärischer Operationen angesichts eines stets lückenhaften Lagebildes, allgegenwärtiger Friktion und eines eigenständig agierenden Gegners als Fiktion entlarvt. Kritisch ist allerdings anzumerken, dass die Angaben zu Struktur und Bewaffnung der Streitkräfte beider Seiten mitunter erstaunlich unzuverlässig sind.1 Dieses Defizit im Detail kann jedoch den eigentlichen Wert der vorliegenden Darstellung nicht schmälern, zeigt sie uns doch die Schlacht bei Tannenberg in einem weitgehend neuen Licht.

 

John Zimmermann, Tannenberg 1914. Der Erste Weltkrieg in Ostpreußen (= Zeitalter der Weltkriege, Bd. 23), De Gruyter Oldenbourg: Berlin, Boston 2021, 288 Seiten, 8 farbige Karten, ISBN 978-3-11-073483-6, € 39,95.

 

Zitierempfehlung: Christian Th. Müller, Rezension zu: John Zimmermann, Tannenberg 1914. Der Erste Weltkrieg in Ostpreußen, in: Portal Militärgeschichte, 11. April 2022, URL: https://portal-militaergeschichte.de/mueller_zu_zimmermann_tannenberg (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu).

  • 1. Das zeigt sich etwa bei den Angaben zur Artillerieausstattung beider Seiten. Da werden die 144 leichten Feldkanonen und leichten Feldhaubitzen jedes deutschen Armeekorps komplett durch die tatsächlich höchst seltenen 13,5 cm Kanonen ersetzt; oder es wird behauptet, die russische Artillerie hätte kein der deutschen schweren Feldhaubitze vergleichbares Geschütz besessen. Tatsächlich verfügte sie – wenn auch in überschaubarer Stückzahl – über die schwere Feldhaubitze 1909 mit einem Kaliber von 152 mm (42). Völlig durcheinander geraten die Angaben bei der Beschreibung von Stärke und Ausstattung der deutschen Kavalleriebrigaden (49). Die genannte Stärke von 680 Reitern entsprach lediglich der eines Kavallerieregiments, während es sich bei den angegebenen drei Batterien und der MG-Kompanie um die Unterstützungswaffen für eine ganze – aus drei Brigaden zu zwei Regimentern gebildete – Kavalleriedivision handelte.