Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Christian Th. Müller
Buchbesprechung
Veröffentlicht am: 
13. Dezember 2021
Cover "Cabanes (Hg.), Eine Geschichte des Krieges"

Der Krieg ist bekanntlich ein „wahres Chamäleon“. Sein höchst wandelbares Erscheinungsbild sowie seine meist gravierenden Auswirkungen und die Wechselwirkungen mit praktisch allen gesellschaftlichen Bereichen machen ihn zu einem ebenso komplexen wie facettenreichen Phänomen. Bruno Cabanes ist sich der daraus resultierenden Probleme für eine umfassende Darstellung wohl bewusst. Sein in der Einleitung formulierter Anspruch besteht folgerichtig darin „eine, nicht die Geschichte des Krieges“ (13) zu erzählen.

Besonders interessiert den in den USA lehrenden französischen Militärhistoriker dessen grundlegender Wandel seit dem späten 18. Jahrhundert, genauer gesagt der Französischen Revolution, hin zum „modernen“ Krieg. Dieser steht für Cabanes gleich in mehrfacher Hinsicht im Zeichen der Totalisierung und Entgrenzung – durch umfassende Mobilisierung der Gesellschaften, die leistungsfähigere Bewaffnung, die Auflösung der klaren Grenzen zwischen Kombattanten und Nonkombattanten sowie schließlich die gesteigerte Gewalt, welche sich überdies immer stärker gegen Zivilisten richtet. (12)

Erklärtes Ziel ist es dabei, mit der bislang dominierenden „strikt westlichen Lesart“ zu brechen. (15) Dazu verfolgt der Band einen multiperspektivischen und multidisziplinären Ansatz. Die 63 Aufsätze von 57 zum großen Teil namhaften Autorinnen und Autoren aus den Bereichen Geschichte, Kunstgeschichte, Anthropologie, Soziologie und Politikwissenschaft konstituieren ein beeindruckendes Panorama. Die einzelnen Beiträge hat der Herausgeber vier Themenbereichen – moderner Krieg, soldatische Welten, Kriegserfahrungen und Kriegsfolgen – zugeordnet. Während auf detaillierte Quellen- und Literaturnachweise weitestgehend verzichtet wurde, enthält jeder Beitrag am Ende einen Absatz mit Literaturhinweisen sowie Querverweise auf die thematisch verwandten Beiträge des Bandes.

Die einzelnen Aufsätze variieren dabei nicht nur im Hinblick auf Umfang und methodischen Zugriff, sondern weisen auch hinsichtlich ihrer Qualität deutliche Unterschiede auf. Aufgrund der Fülle von Themen und Beiträgen kann dies im Folgenden allerdings nur exemplarisch dargestellt werden. Der mit dem Titel „Der moderne Krieg“ überschriebene erste Teil umfasst insgesamt 18 Beiträge deren thematisches Spektrum vom Versuch einer Begriffsbestimmung des modernen Krieges über die Rolle der Schlacht, Drohnen, Umweltzerstörung, Kriegsfinanzierung und Heimatfront bis hin zur historischen Rolle des Maschinenkarabiners AK-47 reicht.

Hervorzuheben sind an dieser Stelle die klugen Überlegungen Hew Strachans zum „Zweck der Schlacht“. Im Mittelpunkt steht dabei die der Schlacht oft zugeschriebene kriegsentscheidende Rolle. Strachan arbeitet klar heraus, dass es die Entscheidungsschlacht per se gar nicht gibt. Kriegsentscheidend werde eine Schlacht erst dann, wenn sie als entscheidend anerkannt wird. Dementsprechend wurde Königgrätz 1866 nur deshalb zur Entscheidungsschlacht, weil Österreich seine Niederlage anerkannte und Frieden schloss, während vier Jahre später selbst die vernichtende Niederlage von Sedan nicht ausreichte, um die französische Seite zur Annahme der deutschen Friedensbedingungen zu veranlassen. (64) Dies galt umso mehr im Zeitalter der Weltkriege als die Kampfhandlungen in Zeit und Raum eine Ausdehnung erfuhren, die – etwa bei der Luftschlacht um England oder der Atlantikschlacht – ihre Charakterisierung als Schlacht zumindest fragwürdig werden ließen. (72)

Sehr erhellend ist auch der Aufsatz über Umweltzerstörung von John R. McNeill, der ein weites Panorama des Verhältnisses von Krieg und Umwelt präsentiert. Anders als landläufig angenommen, ergaben sich die größten kriegsbedingten Umweltzerstörungen demnach nicht durch die bewaffneten Auseinandersetzungen selbst. Weit verheerender wirkte der Raubbau an der Natur, wenn die Eichenwälder Europas dem Kriegsschiffbau geopfert wurden (118) oder Intensivlandwirtschaft während des Ersten Weltkrieges zur Verödung der Böden führte. (124)

Andere Beiträge sind weniger überzeugend. Das trifft etwa auf den Beitrag von Michael Neiberg zum Verhältnis von Technologie und Strategie zu. Dessen Grundaussagen sind zwar insgesamt nachvollziehbar. Im Detail findet sich aber eine Reihe zweifel- bis fehlerhafter Aussagen. So behauptet der Autor apodiktisch, der gezogene Lauf sei „das tödlichste Stück Militärtechnologie, das es gibt.“ (134) Erscheint diese These in universalhistorischer Perspektive zumindest sehr fragwürdig, so ist die Charakterisierung des preußischen Dreyse-Zündnadelgewehrs als „ein schneller und präziser Hinterlader mit Metallpatronen, der eine beispiellose Kadenz von zehn bis zwölf Schuss pro Minute erreichte“ (135) gleich in mehrfacher Hinsicht falsch. Tatsächlich verschoss das Zündnadelgewehr Papierpatronen, während seine Feuergeschwindigkeit bei lediglich fünf, bei besonders geübten Einzelschützen bis zu sieben Schuss pro Minute lag.1

Die genannten Aussagen zum gezogenen Lauf und zum Zündnadelgewehr stehen stellvertretend für ein grundsätzliches Problem des Bandes. Die Aussagen zu Leistungsparametern und der daraus abgeleiteten Bedeutung der Militärtechnik erweisen sich bei näherer Betrachtung nicht selten als unzuverlässig. Das wird vor allem im chronologischen Abriss am Ende des Bandes deutlich. Da werden etwa in den 1860er Jahren die Vorderlader durch Repetiergewehre ersetzt, während „die Preußen“ 1870 bei Sedan durch die Eisenbahn und das – wohlgemerkt einschüssige – Zündnadelgewehr gesiegt hätten. (864)2

Gerade im Hinblick auf militärische Terminologie offenbaren sich zudem die Probleme der Übersetzung, die dann etwa Stilblüten wie „Gewehre mit einem Kugellauf“ (863) hervorbringt, die 1859 in der Schlacht bei Solferino eine große Rolle gespielt hätten. Ähnlich wie beim „Verschwinden der Linienschlacht“ (446) kann der Leser hier nur dunkel erahnen, was der jeweilige Autor wohl gemeint haben könnte. Hier wäre ein fachkundiges Lektorat oder die klärende Rücksprache mit den Autoren sinnvoll gewesen.

Unter den zwölf Beiträgen des mit „Soldatische Welten“ überschriebenen zweiten Teils ragt vor allem der Aufsatz von Manon Pignot über Kindersoldaten hervor. In ihrem von der spartanischen Agoge bis zu den minderjährigen Kombattant*innen von Frelimo und YPG gespannten Panorama bürstet Pignot das seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominante Opfernarrativ gehörig gegen den Strich. Der Begriff Kindersoldat suggeriere kindliche Unschuld und blende die oft bewusste Wahl der betreffenden Kinder und Jugendlichen aus. Besonders der nicht selten vorhandene Wunsch zur aktiven Beteiligung am bewaffneten Kampf werde in diesem – meist auf die Länder der sogenannten Dritten Welt verengten – Diskurs geradezu verschämt beschwiegen. (401) Pignots aus der Tiefe des historischen Erfahrungsraumes argumentierender Beitrag bietet dazu ein wertvolles Korrektiv. Die anderen Beiträge des zweiten Teils beschäftigen sich mit militärischer Sozialisation von Mannschaftssoldaten und Führungspersonal, Kolonialtruppen, Kriegsfreiwilligen, weiblichen Soldaten, Kriegsgefangenen sowie Kriegsdienstverweigerern.

Der insgesamt wohl interessanteste, dritte Teil des Bandes ist den Kriegserfahrungen von Soldaten und Zivilisten gewidmet. Anne Rasmussen und Thomas Dodman geben darin gelungene Überblicke zu den Themen Wunden und Verwundete bzw. Soldatsein und Emotion. Raphaelle Branche untersucht Methoden und Praxis des „verwilderten“ Krieges in den Kolonien sowie den damit einhergehenden Wissenstransfer, der bis in die Counterinsurgency-Konzepte des 21. Jahrhunderts fortwirkt. Aus der Perspektive der Zivilisten betrachtet Richard Overy den Bombenkrieg vom Boden aus. Besonders spannend sind Christian Ingraos Überlegungen zu den tatsächlichen oder vermeintlichen Extremen der Gewalt. Wie Ingrao klar herausarbeitet, wird Gewalt nicht durch die Gewalttat selbst extrem, sondern erst durch deren symbolische Aufladung und mediale Inszenierung. Am Beispiel des Zulukrieges 1879 wirft er die Frage auf, welche Gewalt wohl extremer sei – die postmortem ausgeübte Gewalt der Zulu gegen die Körper bereits toter Gegner oder die der modernen westlichen Waffen gegen lebendige Körper. In dieser Hinsicht attestiert er den Kolonialmächten eine „grundlegende Scheinheiligkeit“. (656)

Eine willkommene Horizonterweiterung über den eurozentrierten Tellerrand hinaus bieten die beiden Aufsätze von Ken Daimaru und Sheldon Garon über die japanische Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft. Daimaru thematisiert in seinem knappen und prägnanten Beitrag den gesellschaftlichen Umgang mit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima, die Marginalisierung der Überlebenden und das Beschweigen des Traumas. Garon untersucht demgegenüber die in den 1920er Jahren beginnende Formierung der japanischen Kriegsgesellschaft. Eine besondere Rolle weist er dabei den Nachbarschafts- und Sparvereinen zu, die nicht nur ein wesentlicher Hebel zur Mobilisierung der japanischen Bevölkerung waren, sondern auch ein engmaschiges System der sozialen Kontrolle darstellten. Deren Wirkung war insofern nachhaltig, als die Sparkampagnen der Zwischenkriegszeit nach 1945 fortgeführt wurden und bis heute Spuren in Mentalität und Konsumverhalten der japanischen Bevölkerung hinterlassen haben.

Der zwölf Beiträge umfassende vierte Teil ist schließlich den Kriegsfolgen gewidmet. Das Themenspektrum reicht von den Modi des Friedenschließens über den Umgang mit Kriegsheimkehrern und zerstörten Städten bis hin zu Trauer und juristischer Aufarbeitung. Besonders überzeugen können dabei Jochen Hellbecks Ausführungen zur Rolle der Schlacht von Stalingrad im deutschen und im (post-)sowjetischen kollektiven Gedächtnis, der pointierte Aufsatz von Meredith H. Lair über die Gespenster von My Lai sowie der äußerst instruktive Text von Thomas Dodman über den psychiatrischen und gesellschaftlichen Umgang mit Kriegstraumata in den vergangenen zwei Jahrhunderten. Insgesamt handelt es sich bei dem von Bruno Cabanes vorgelegten Band um ein wichtiges Buch, dass mit seinem Facettenreichtum immer wieder zum Nachdenken anregt. Dem vom Herausgeber formulierten Anspruch mit der „strikt westlichen Lesart“ zu brechen, wird es jedoch nur ansatzweise gerecht. Die nordamerikanisch-europäische Perspektive bleibt letztlich immer die dominante. Zusammen mit der Fokussierung auf das 19. bis 21. Jahrhundert führt dies dazu, dass mitunter bereits früher oder außerhalb Europas aufgetretene Kriegspraxen als neuartig eingestuft werden, obwohl sie es eigentlich nicht sind. Das betrifft etwa die Gewalt gegen Zivilisten, das Verschwimmen der Grenzen zwischen Kombattanten und Nonkombattanten ebenso wie die bereits im Peloponnesischen Krieg oder den Punischen Kriegen anzutreffenden Tendenzen zur Totalisierung des Krieges. Trotz dieser Einschränkungen und der im Detail nicht immer überzeugenden Argumentationen der einzelnen Autoren bietet der vorliegende Band willkommene Einblicke in die britische, nordamerikanische und nicht zuletzt die französische Forschung zum Thema Krieg.

 

Zitierempfehlung: Christian Th. Müller, Review zu Bruno Cabanes (Hg.), Eine Geschichte des Krieges. Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, in: Portal Militärgeschichte, 13. Dezember 2021, URL: http://portal-militaergeschichte.de/mueller_zu_cabanes_eine_geschichte (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu).

  • 1. Vgl. die Klarstellung bei Hans Delbrück, Geschichte der Kriegskunst. Die Neuzeit, Berlin 2008, S. 373.
  • 2. Tatsächlich wurden die gezogenen Vorderlader zunächst durch einschüssige Hinterladegewehre ersetzt, die bis in die 1880er Jahre die Infanteriebewaffnung prägten, während die deutschen Truppen – deren Zündnadelgewehr dem französischen Chassepotgewehr M 1866 klar unterlegen war – ihren Sieg bei Sedan vor allem ihrer artilleristischen Überlegenheit verdankten.
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