Wirken, Werk und Wirkung
Christian Th. Müller
Projektskizze
Veröffentlicht am: 
21. Dezember 2020 - 2:38

Carl von Clausewitz (1780-1831) ist heute nicht nur neben Sunzi der wahrscheinlich bekannteste Theoretiker des Krieges. Er ist auch ein Klassiker der politischen Theorie und der Weltliteratur. Als solcher wird er gern zitiert, aber wenig gelesen und noch weniger verstanden.

In der Konsequenz ist Clausewitz lange Zeit nur bruchstückhaft und verkürzt rezipiert worden. Vor allem die Leser aus dem Militär suchten in seinem Werk nach Siegesrezepten und interessierten sich nicht für seine komplexen Aussagen zum Verhältnis von Politik und Kriegführung oder zur Relation von Zweck, Ziel und Mittel. Stattdessen wurde aus seinem Hauptwerk „Vom Kriege“ vorzugsweise das herausgelesen, was im militärischen Zeitgeist gerade Mode war. Für den breiteren Leserkreis erfolgte die Clausewitz-Rezeption dabei überwiegend aus zweiter Hand durch Werke über ihn oder mit Clausewitz-Zitaten geschmückte militärische Handbücher. Nach Einschätzung Werner Hahlwegs vergingen fast 120 Jahre, bis die Clausewitz-Forschung ein einigermaßen umfassendes und adäquates Verständnis seines hinterlassenen Werkes entwickelt hatte. [1]

Bis dahin hatte sich jedoch bereits ein in mehrfacher Hinsicht verkürztes, ja verzerrtes Clausewitz-Bild herausgebildet, welches bis heute mannigfach reproduziert wurde und wird. Neben der Reduzierung seiner Überlegungen auf den Vernichtungsgedanken, aus der nach 1918 dann vor allem in Großbritannien der Vorwurf erwuchs, Clausewitz sei der Apostel des Vernichtungskrieges und als solcher gleichsam der geistige Urheber des Grauens der beiden Weltkriege, betrifft dies vor allem seine Politikbegriffe sowie die „wunderliche Dreifaltigkeit“. Besonders publikumswirksam waren und sind in dieser Hinsicht die Werke von Basil Henry Liddell Hart, John Keegan und Martin van Creveld, wobei letzterer die Auffassung vertrat, dass Clausewitz‘ Überlegungen zum Thema Krieg überholt und für die aktuelle Praxis nicht mehr relevant seien. [2]

Die Clausewitz-Forschung hat diesen Verkürzungen zwar ein differenziertes und auf gründlichem Quellenstudium basierendes Clausewitz-Bild entgegengesetzt. Nach den klarsichtigen Arbeiten von Werner Hahlweg [3] ist es aber in den letzten fünf Jahrzehnten zunehmend die Clausewitz-Forschung selbst, die für Verwirrung sorgt. Ein Großteil der inzwischen kaum noch zu überblickenden Menge an Büchern und Aufsätzen über Clausewitz‘ Person und Werk wendet sich in erster Linie an einen kleinen Kreis von Spezialisten und ist oft auch nur für diese verständlich.

Neben Spezialthemen von nicht selten eher nachgeordneter Relevanz ist es vor allem der Umstand, dass Clausewitz sein zwischen 1816 und 1830 entstandenes Hauptwerk nicht mehr vollenden konnte, der in der Forschung immer wieder diskutiert wird. So war es nach Clausewitz‘ plötzlichem Tod 1831 an seiner Witwe Marie von Clausewitz (1779-1836) und ihren Helfern, die zum Teil in mehreren Varianten hinterlassenen Manuskripte der einzelnen Bücher und Kapitel zu sichten, die jeweils als letztgültig zu betrachtende Fassung zu bestimmen und zu dem Werk „Vom Kriege“, wie wir es heute kennen, zusammenzustellen.

Unter diesen Umständen war es fast zwangsläufig, dass die zu verschiedenen Zeiten und im Hinblick auf verschiedene Aspekte seines Themas von Clausewitz niedergeschriebenen Gedanken in ihrer Gesamtheit auch inhaltliche Inkonsistenzen ebenso wie Varianzen im Verständnis der verwendeten Begriffe aufweisen. Es ist aber auch mehr als zweifelhaft, ob Clausewitz diese, wenn er länger gelebt hätte, tatsächlich hätte beseitigen können oder dies überhaupt gewollt hätte. Stattdessen hätte der Blick auf bislang nicht näher betrachtete historische Beispiele und deren spezifische Konstellationen wahrscheinlich zu neuen Erkenntnissen geführt, die zwar inhaltlich in Spannung zu Clausewitz‘ älteren Überlegungen stehen mochten, aber nicht per se einen höheren Wahrheitsgrad für sich in Anspruch nehmen könnten.

Von einem großen Teil der Clausewitz-Forscher wurden diese Inkonsistenzen als Defizit betrachtet. Manche von ihnen machten sich auf die Suche nach dem „wahren“ Clausewitz und spekulierten darüber, welche Positionen Clausewitz in einem vollendeten Werk wohl schlussendlich eingenommen hätte. So verglich Raymond Aron „Vom Kriege“ mit einem Kriminalroman, „dem das letzte Kapitel fehlt“, was dazu führe, das jeder Leser „das Geheimnis auf seine Weise“ löse. [4]

Andreas Herberg-Rothe betrachtet demgegenüber vor allem die argumentativen Inkonsistenzen und immanenten Widersprüche wie unter einem Brennglas und erklärt Clausewitz insgesamt zum „Rätsel“. Dabei geraten jedoch nicht nur die offensichtlichen begrifflichen und argumentativen Kontinuitäten im Clausewitzschen Werk aus dem Blick, sondern auch die Möglichkeit, dass es sich bei den festgestellten Widersprüchen vielleicht auch nur um die Darstellung von zwei Seiten derselben Medaille handeln könnte. [5]

Deutlich sinnvoller als solche, dem Verständnis eher abträgliche „Verrätselung“ ist daher der Vorschlag von Hew Strachan, „Vom Kriege“ als „work in progress“ zu betrachten. Sein Charakter als unvollendetes Werk sollte demnach weniger als Problem, sondern vielmehr als Stärke betrachtet werden, welche das Vorstellungsvermögen beim Nachdenken über kriegerische Auseinandersetzungen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eher fördert als behindert. [6]

Die Erschließung und Nutzung dieses Erkenntnispotenzials setzt freilich ein gründliches Studium der Clausewitzschen Texte und die kritische Auseinandersetzung mit den darin enthaltenen Gedanken voraus. Gerade Studierende und Leser, die sich das erste Mal mit Clausewitz beschäftigen, zeigen sich mit der eigenständigen Erschließung der Clausewitzschen Gedankenwelt – dem Wechselspiel von Satz und Gegensatz, einerseits und andererseits, Begriff und Realität – jedoch zumeist überfordert. John Lewis Gaddis warnte seine Studenten sogar davor, dass die sorgfältige Lektüre – „close reading“ – von „Vom Kriege“ das Risiko geistiger Verwirrtheit mit sich bringe. [7]

Eine Folge dieses Erschließungsproblems besteht darin, dass in Deutschland nur ein kleiner Kreis von in der Regel Politikwissenschaftlern und Historikern aus dem zivilen Bereich überhaupt näher mit dem Clausewitzschen Werk vertraut ist. Die Bundeswehr nutzt Clausewitz zwar gern als Namenspatron, verfügt aber kaum über eigene Clausewitz-Expertise und nutzt ihn dementsprechend auch nicht in der Ausbildung. Wie Beatrice Heuser hervorhebt, konzentriert sich die Lehre an der Führungsakademie der Bundeswehr vor allem auf Truppenführung und Taktik. Strategie und strategisches Denken werden als Sache der NATO betrachtet und kommen in der Lehre allenfalls am Rande vor. Für deutsche Politiker sei Clausewitz ohnehin „passe´“. [8]

Dieser Befund korrespondiert mit den bereits seit Längerem immer wieder beklagten Strategiedefiziten der deutschen Sicherheitspolitik. [9] Dementsprechend sieht Lennart Souchon bei den jüngeren Auslandseinsätzen der Bundeswehr immer wieder ein ähnliches Muster. Wo komplexe Konfliktszenarien strategisches Denkvermögen erforderten, dominiere in der Praxis „taktische Vorteilsnahme” und „vordergründiges Durchwursteln”. Beides blockiere strategisches Denken und die Entwicklung einer stimmigen und realistischen grand strategy. [10]

Wohl nicht zuletzt mit Blick auf den Vietnamkrieg war Werner Hahlweg bereits vor mehr als vier Jahrzehnten zu einem ähnlichen Befund gelangt:

„Die Kriegspraxis unserer Epoche beweist, wie schwer es verantwortlichen politischen und militärischen Führern fällt, Zweck, Ziel und Mittel in der Wirklichkeit sinnvoll zu koordinieren, wiewohl die Notwendigkeit einer solchen Koordinierung in der Vorstellung leicht einleuchtet.“ [11]

Die Clausewitzsche Theorie bietet dementsprechend ein wichtiges heuristisches Mittel bei der Analyse konkreter Konfliktszenarien. Darüber hinaus sensibilisiert sie für die Diversität des historisch und daher auch zukünftig Möglichen und schult auf diese Weise das Urteilsvermögen von Analytikern und Entscheidungsträgern.

Allerdings ist damit das Erschließungsproblem noch nicht gelöst. Trotz verschiedener Anläufe [12] fehlt bislang immer noch ein Buch, welches den mit Clausewitz noch nicht vertrauten Leser an dessen Werk auf der Höhe der Forschung, systematisch und allgemeinverständlich heranführt.

Zweck des geplanten Buches ist es daher, diese Lücke zu schließen. Nah an den Originaltexten sollen Clausewitz‘ Gedanken präsentiert und für einen breiten Leserkreis erschlossen werden. Auf diesem Wege soll einerseits die Lektüre seines Hauptwerkes „Vom Kriege“ für Studierende sowie für zukünftige politische und militärische Entscheidungsträger erleichtert werden und andererseits die Clausewitzsche Theorie als analytische Ressource fruchtbar gemacht werden.

Gleichzeitig stellt dieses Buch die – vorläufige – Quintessenz meiner eigenen langjährigen Beschäftigung mit Clausewitz dar. Diese begann vor mehr als einem Vierteljahrhundert mit einem Clausewitz-Seminar bei Herfried Münkler an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit dem Sommersemester 2002 führte ich dann selbst Clausewitz-Seminare an den Universitäten Potsdam und Hamburg durch, die seit 2011 zu meinem regelmäßigen Lehrangebot als Privatdozent an der Universität Potsdam gehören.

Der Aufbau des Buches entspricht dabei im Wesentlichen dem meines Seminars. Nach einem Überblick auf Leben und Werk des Carl von Clausewitz werden zunächst dessen Kriegsbegriff und Theorieverständnis erörtert. Dem folgen sechs Kapitel zu den wesentlichen Aspekten seiner Theorie: moralische Kräfte und Friktion, Zwecke und Mittel, Politik und Kriegführung, Strategie und Taktik, Angriff und Verteidigung sowie Kleiner Krieg und Volkskrieg. Das elfte Kapitel beschäftigt sich mit der deutschen und internationalen Clausewitz-Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert. Im zwölften wird Clausewitz‘ Theorie auf ausgewählte historische Beispiele angewendet, bevor im dreizehnten Kapitel die Erkenntnispotenziale der Clausewitzschen Theorie im 21. Jahrhundert analysiert werden. Den Abschluss der Darstellung bildet ein resümierender Rück- und Ausblick. Aktuell stehen die Arbeiten am Manuskript unmittelbar vor dem Abschluss. Die Veröffentlichung ist für Frühjahr 2021 im Schöningh Verlag (Link zur Verlagsseite) vorgesehen.

 

Anmerkungen:

[1] Werner Hahlweg, Das Clausewitzbild einst und jetzt. In: Vom Kriege. Hinterlassenes Werk des Generals Carl von Clausewitz. Vollständige Ausgabe im Urtext, drei Teile in einem Band. Hrsg. von Werner Hahlweg, Bonn 1980 , S. 154.
[2] Vgl. Basil Henry Liddell Hart, Strategie, Wiesbaden 1955. John Keegan, Die Kultur des Krieges, Reinbek bei Hamburg 1997. Martin L. van Creveld, Die Zukunft des Krieges, München 1998.
[3] Werner Hahlweg, Carl von Clausewitz. Soldat, Politiker, Denker, Göttingen, Zürich, Frankfurt am Main 1969. Hahlweg, Clausewitzbild (wie Anm. 1).
[4] Raymond Aron, Clausewitz, den Krieg denken, Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980, S. 19.
[5] Andreas Herberg-Rothe, Das Rätsel Clausewitz. Politische Theorie des Krieges im Widerstreit, München 2001.
[6] Hew Strachan, Carl von Clausewitz's On war. A biography, London 2008, S. 193.
[7] John Lewis Gaddis, On grand strategy, New York, NY 2018, S. 190.
[8] Beatrice Heuser, Clausewitz lesen! Eine Einführung, München 2005, S. 27.
[9] Vgl. etwa die Studien von Philipp Münch, Strategielos in Afghanistan. Die Operationsführung der Bundeswehr im Rahmen der International Security Assistance Force, Halle (Saale), Berlin 2011 sowie Klaus Naumann, Einsatz ohne Ziel? Die Politikbedürftigkeit des Militärischen, Hamburg 2011.
[10] Lennart Souchon, Carl von Clausewitz. Strategie im 21. Jahrhundert, Hamburg, Berlin, Bonn 2012, S. 11-14.
[11] Hahlweg, Clausewitzbild (wie Anm. 1), S. 50.
[12] Die bislang vorliegenden Werke geben Clausewitz‘ Gedanken zum Teil stark verkürzt oder gar fehlerhaft wieder: vgl. Albert A. Stahel, Klassiker der Strategie – eine Bewertung, Zürich 1996. Heuser, Clausewitz (wie Anm. 8). Andere konzentrieren sich lediglich auf Teilaspekte oder sind analytisch nur unzureichend durchgearbeitet: vgl. Souchon, 21. Jahrhundert (wie Anm. 10). Dietmar Schössler, Clausewitz - Engels - Mahan: Grundriss einer Ideengeschichte militärischen Denkens, Berlin, Münster 2009. Sebastian Schindler, Clausewitz zur Einführung, Hamburg 2020, während die analytisch zum Teil brillanten Arbeiten ausgewiesener Clausewitz-Forscher für den Clausewitz-Neueinsteiger nicht oder nur schwer verständlich sind: vgl. Strachan, Clausewitz (wie Anm. 6). Panajotis Kondylis, Theorie des Krieges. Clausewitz - Marx - Engels - Lenin, Stuttgart 1988.

Gliederung

1. Warum dieses Buch?
2. Carl von Clausewitz. Leben und Werk
Epoche und frühe Prägung
Niederlage und Reform
Russlandfeldzug und Befreiungskrieg
In der Restaurationszeit
Methode und geistige Prägung
Die Entstehung des Hauptwerks
Die Edition der „Hinterlassenen Werke“
3. „Was ist der Krieg?“
4. Die Probleme einer Theorie des Krieges
5. Die moralischen Kräfte und das Phänomen der Friktion
6. Zwecke und Mittel
7. Politik und Kriegführung
8. Strategie und Taktik
9. Angriff und Verteidigung
10. Kleiner Krieg und Volkskrieg
11. Die Clausewitz-Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert
12. Clausewitz und die Militärhistoriographie
Der Russlandfeldzug von 1812
Schlieffenplan und Marneschlacht
Der Vietnamkrieg
13. Clausewitz und die Kriege des 21. Jahrhunderts
14. Rückblick und Ausblick
Anhang:
Abkürzungsverzeichnis
Gliederungsübersicht von Carl von Clausewitz, Vom Kriege
Literaturverzeichnis
Deutschsprachige Ausgaben von „Vom Kriege”
Abbildungsnachweis
Personenregister

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Christian Th. Müller