1. Einleitung
Das Jahr 2026 begann für viele humanitäre Nichtregierungsorganisationen (NROs), die in Israel-Palästina tätig waren, unter erhöhtem Druck, da Israel drohte, ab dem 1. März 2026 diesen NROs die Arbeit zu untersagen. Israelische Behörden verlangten eine erneute Registrierung der NROs, die für viele als eine Beschneidung der humanitären Neutralität und Unabhängigkeit gewertet wurde. Vor allem die Forderung, einer Liste aller Mitarbeitenden vorzulegen, hielten sie für unzumutbar und eine potenzielle Gefahr, insbesondere für palästinensische Mitarbeitende. Humanitäre Hilfe und der Zugang zu humanitärer Hilfe, so das Argument, würden in einer Art politisiert und unter Vorbehalt gestellt, die gegen die legale Verpflichtung für den Zugang zu Hilfe verstößt.1 Die potenzielle Infragestellung humanitärer Prinzipien wie Neutralität, Unparteilichkeit, Unabhängigkeit vor allem in Konflikten scheint somit aktuell wie nie. Gleichzeitig steigt die Gefahr gewaltvoller Angriffe auf humanitäre Helfende infolge kriegerischer Auseinandersetzungen, auch bei vorherigem Austausch zwischen Konfliktparteien und Nothilfeakteuren.2
Im vorliegenden Fall übt die die israelische Regierung darüber hinaus Druck auf Hilfsorganisationen aus, nicht öffentlich über die Situation vor Ort und damit möglichen Missbrauch von Hilfsgütern oder andere Brüche des humanitären Völkerrechts zu reden – für viele Organisationen eine unmögliche Aufforderung zur Verschwiegenheit.3 Einer solchen Problematik widmet sich der vorliegende Artikel aus historischer Perspektive: Er zeichnet die Konkurrenz um humanitäre Hilfe während der Hungersnot im umkämpften Norden Äthiopiens 1984–1985 nach. Ungleich der aktuellen Situation in Israel-Palästina diktierte die äthiopische sozialistische Regierung keine harten Voraussetzungen, denen Hilfsakteure nachkommen sollten, jedoch wies sie nach einer Reihe von Auseinandersetzungen über die Hilfsanstrengungen die französische Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“ (Médecins Sans Frontières, MSF) des Landes. Eine Dürre in der Sahelzone, Bürgerkriege in den äthiopischen Provinzen Eritrea und Tigray sowie eine militärische Umsiedlungsaktion des sozialistischen Regimes unter Mengistu Haile Mariam führten im Herbst 1984 zu einer schweren Hungerkatastrophe in den nördlichen und östlichen Provinzen Tigray, Wollo und Eritrea. Zwar hatte die Regierung die Verwaltung der Nothilfe unter Aufsicht der staatlichen Relief and Rehabilitation Commission (RRC) gestellt, doch stritten RRC und Regierung bereits früh über das Ausmaß und die richtige Reaktion auf die Krise.4 Die staatliche Ausrufung der Krise durch die äthiopische Regierung ab Herbst 1984 führte zu einer beispiellosen globalen Hilfsaktion, die die Geschichte der Medienberichterstattung über humanitäre Krisen, Spendenpraktiken sowie Narrative über Hunger und ‚Afrika‘ prägte.5 Kriege, Umsiedlungen und Hunger forderten in den Jahren 1984–1986 zwischen 600.000 und einer Million Todesopfer. Hinzu kommen ca. 2,5 Millionen Vertriebene im In- und Ausland. Die Erinnerung und juristische Aufarbeitung der Rolle der sozialistischen Staatsführung fallen jedoch spärlich aus.6
‚Äthiopien‘, wie bereits ‚Biafra‘ in den 1960er Jahren, war prägend für die Auseinandersetzung über politische Einflussnahme auf humanitäre Krisen und die Geschichte humanitärer Organisationen.7 An diesem Beispiel zeige ich verschiedene Ebenen der Konkurrenz um und Funktionen humanitärer Hilfe für verschiedene Akteure: die Konkurrenz innerhalb der äthiopischen Regierung, zwischen externen Akteuren um Bilder, Aufmerksamkeit, Gelder und Einfluss. Dies wird vor allem am Beispiel der Konkurrenz um die Deutungshoheit sowie Auseinandersetzungen zwischen MSF France und der RRC deutlich. Durch die Nachzeichnung der verschiedenen Eskalationsstufen, die in der Ausweisung von MSF France kulminierten, analysiere ich die Aspekte, die den Hunger und die politisch-öffentliche Auseinandersetzung für MSF France sowie MSF Belgien nutzbar machten.8 Welche Ziele verfolgten verschiedene Akteure – Militärregierung, Rebellengruppen, Nothilfeorganisationen, mediale Öffentlichkeit – vor der Folie militärischer Konflikte und Hungersnot? Die humanitäre(n) Krise(n) im Norden Äthiopiens stehen in einem Kontext von Regierungskonsolidierung, der Auseinandersetzung um Unabhängigkeit und den globalen Gegensätzen des Kalten Krieges.
Als maßgeblicher Quellenkorpus dient die Quellensammlung „Famine et Transferts Forcés de Populations En Ethiopie 1984–1986“, die durch die Journalistin Laurence Binet im Auftrag der Internationalen Vereinigung Médecins Sans Frontières erarbeitet wurde. 2005 zunächst als internes Lernmittel für die Mitarbeitenden von MSF gedacht, wurde sie 2013 digital veröffentlicht.9 Anhand einer Reihe sogenannter Speaking-Out Situationen (bis in die 1990er-Jahre Témoignage), die innerhalb der Organisation fast mythische Praxis öffentlicher Positionierung, sollen Mitarbeitende und Freiwillige über vergangene Erfahrungen aufgeklärt werden.10 Diese Sammlung steht in einer Tradition selbstveröffentlichter Narrative über die Hilfsorganisation, die auch der Selbststilisierung dient und prägt maßgeblich eine Lesart und Setzung der äthiopischen Erfahrung als richtungsweisend für die politische und öffentliche Positionierung von MSF: Intern stieß diese von vielen als französisch geprägte Sichtweise durchaus auf Kritik, extern nutzte MSF France öffentliche Positionierungen zur Festigung der Außenseiterrolle im humanitären System.11 Generell erregten die öffentlichen Stellungnahmen durchaus (interne und externe) Kritik, da sie gegen die humanitären Grundsätze der Neutralität und Unparteilichkeit verstoßen würden.12
In Äthiopien arbeiteten Teams von MSF France (französische Sektion) und MSF Belgium (belgische Sektion) zunächst in Gesundheits- und anschließend in Ernährungszentren in Tigray, Wollo und Eritrea.13 Mitglieder von MSF France warfen der sozialistischen Regierung unter Mengistu ab Mitte 1985 zunächst persönlich, dann öffentlich den Missbrauch der Hilfe und die Bedingungen der staatlichen Umsiedlungen vor. Sie unterfütterten ihre öffentliche Anklage durch Augenzeugenberichte. Die Umsiedlungen waren eine Maßnahme der äthiopischen sozialistischen Regierung, der Hungersnot entgegenzuwirken, indem Menschen in den fruchtbaren Süden verbracht wurden. Die erzwungenen Bevölkerungsbewegungen waren Teil der militärischen Strategie in Tigray und Eritrea: Die Regierungstruppen hatten bereits hohe Sterberaten in den Kämpfen gegen die sezessionistischen Gruppen erlitten und die Regierung die Kontrolle über weite Teile der aufständischen Provinzen verloren. Im Zuge der Hungersnot wurden Menschen vor allem aus Tigray und Wollo zwangsumgesiedelt, was zu hohen Sterberaten führte. Ein zentraler öffentlicher Kritikpunkt verschiedener Akteure, den auch MSF-France-Teams wiederholt vorbrachten, war die strategische Nutzung der Ernährungszentren und Camps, die der Armee als Sammelpunkte zur Umsiedlung dienten sowie die Nutzung internationaler Spendengelder hierfür. Die französische Sektion wurde am 2. Dezember 1985 aufgrund der öffentlichen Anprangerung durch die äthiopische Regierung ausgewiesen.14
Im Folgenden skizziere ich zunächst die Situation in Äthiopien 1984–85 und dann die humanitären Anstrengungen. In einem dritten Schritt beschreibe ich die Funktion humanitärer Hilfe und öffentlicher Kritik von Hilfsorganisationen wie MSF in politisch-militärisch-humanitären Situationen.
2. Die Hungerkatastrophe im Äthiopien der 1980er Jahre
Der Norden Äthiopiens steht in einer längeren Geschichte von Hunger in der Region. Bereits in den Jahren 1973–1974 führten eine Dürre und das Ausbleiben von Maßnahmen der politischen Führung unter Kaiser Haile Selassie zu einer Hungersnot im Norden des Landes. Mindestens 200.000 Menschen starben.15 1974 wurde Selassie gestürzt und ein Militärregime, der Derg (so der amharische Begriff für den sogenannten Provisorischen Militärverwaltungsrat), später unter der prominenten Führung von Major Mengistu Haile Mariam, übernahm die Macht.16 Äthiopien wurde zu einem sozialistischen Einparteienstaat erklärt; Wirtschaft und Landwirtschaft verstaatlicht und kollektiviert, was maßgeblich zur eskalierende Hungersnot Mitte der 1980er Jahre beitrug.17 Die Kollektivierung von Land verkleinerte die zu bearbeitenden Flächen einzelner Landwirte und führte zusammen mit der eingeschränkten Bewegungsfreiheit der Landbevölkerung zur Überbevölkerung und Übernutzung des Landes, vor allem in Wollo und Tigray. Die Landwirtschaft wurde in ein marktwirtschaftliches System überführt, sodass Landflächen, die gerade einmal zur Subsistenzwirtschaft ausreichten, höhere Erträge für die wirtschaftliche Nutzung erbringen mussten. Die Dürre intensivierte somit den Druck auf Böden und die schwierige Versorgungslage der Landbevölkerung.18
Der Regimeumsturz 1974 wurde vor allem von der städtischen Bevölkerung aus Lehrkräften, Studierenden, Beamten und Soldaten getragen. Von 1977 bis 1978 führte der als Red Terror19 bezeichnete blutige Machtkampf zur Konsolidierung des Militärregimes.20 Im Norden, besonders den Provinzen Tigray und Eritrea, sowie im Südwesten in Oromia und Ogaden stand die Zentralregierung allerdings unter Druck. Seit 1961 herrschte Bürgerkrieg zwischen der Eritrean Liberation Front (ELF) und der Eritrean People’s Liberation Front (EPLF) sowie ab 1978 der äthiopischen Armee im zu Äthiopien gehörigen Eritrea. Letztere verlor ab 1982 größtenteils die Kontrolle über Gebiete und Städte in einem fünf Jahre anhaltenden Guerillakrieg gegen die EPLF.21 In Tigray kam es ab 1975 zu einer bewaffneten Rebellion gegen den Derg durch die neu gegründete Tigray People's Liberation Front (TPLF), seit 1976 herrschte ein bewaffneter Konflikt zwischen der Militärregierung und der Oromo Liberation Front (OLF). 1977 intensivierte Somalia den bereits existierenden Konflikt in der Region Ogaden zwischen der von Somalia unterstützten Western Somalia Liberation Front (WSLF) und Äthiopien. Im Jahr 1978 war die Region wieder unter äthiopischer Kontrolle, wodurch die äthiopische Armee die Kämpfe gegen EPLF, ELF und TPLF ausweitete. Hierfür musste sie konstant Nachschub an Soldaten sowie deren Versorgung sicherstellen.22 Die Kriegsführung der äthiopischen Regierung zielte darauf ab, die landwirtschaftliche Basis der Bevölkerung zu zerstören, um der TPLF die Unterstützung zu entziehen, um Zugriff und Kontrolle über das Land in Tigray zurückzuerlangen. Diese Politik der verbrannten Erde führte bereits Anfang der 1980er Jahre zur Zerstörung der Anbaugebiete.23 Die Hungersnot, die Wehrpflicht und die Blockade von Hilfsleistungen in die Rebellengebiete, vor allem Tigray, sicherten tatsächlich der TPLF jedoch die Unterstützung der Landbevölkerung gegen die oppressive Politik der Zentralregierung.24
Darüber hinaus wurden Hungersnot und Nahrungsmittelversorgung von der Regierung durch ein Programm zur Zwangsumsiedlung von Landbewohner:innen aus dem Norden, vor allem aus Tigray und Wollo, in den Süden genutzt, offiziell zur Linderung des Hungers, indem die Bevölkerung besseren Zugang zu staatlichen Leistungen bekäme, eigentlich jedoch zur besseren Bevölkerungskontrolle: So wurden den Bürgerkriegsparteien mögliche Anhänger:innen entzogen, wenn tigrische Bäuer:innen zu den Nahrungszentren gingen – und von dort in ein Umsiedlungsprogramm eingebunden wurden.25 Die Umsiedlungen wurden so Teil der Kontrolle und Kriegsführung der Militärregierung, der Hunger wurde zum politischen und militärischen Mittel im Konflikt um Macht innerhalb des äthiopischen Kernlandes und den Rebellengebieten. Der Missbrauch von Nahrungsmittelhilfe durch die äthiopische Regierung zugunsten des Militärs zur Versorgung der Truppen in den Bürgerkriegsgebieten und die Einführung einer Steuer auf ausländische Hilfslieferungen, die der Regierung notwendige Gelder einbrachte, verschlimmerten die Situation. Für die Umsiedlungen wurden die Logistik und Ausrüstung der Hilfsorganisationen genutzt, die Verteilzentren dienten als Orte militärischer Razzien, und lokale Behörden wurden zur Zusammenarbeit bei den Umsiedlungen unter Androhung der Einstellung von Hilfsgeldern gezwungen.26 Da der Großteil der Hilfslieferungen über die äthiopische Zentralregierung erfolgte, konnte diese systematisch Hilfe in Rebellengebieten unterbinden, wodurch Nahrung zu einer Waffe in den militärischen Auseinandersetzungen in Tigray und Eritrea wurde. Einzelne Hilfsorganisationen arbeiteten jedoch jenseits der Fronten in den von Rebellen beherrschten Gebieten.27
Die Ursache des Hungers lag demnach nicht allein in der Dürre. Kombiniert mit den Konflikten in den nördlichen Provinzen, die zu Ernteausfällen, Zerstörung der Anbaugebiete, Märkte und Versorgungswege führten, wurde der Hunger militärisch wie politisch von Derg wie auch Rebellengruppen genutzt, um Druck auf die Landbevölkerung auszuüben, militärische Erfolge zu verzeichnen und die eigene Kontrolle auszuweiten. Woher die Hilfslieferungen kamen und wie sie durch den Derg logistisch genutzt werden konnten, behandelt der nächste Abschnitt.
3. Humanitäre Hilfe in Äthiopien
Um die Nothilfe innerhalb des Landes zu koordinieren und durchzuführen, übernahm der Derg die staatliche Relief and Rehabilitation Commission, die 1974 noch unter Selassie gegründet worden war. Unter dem Derg hatte seit 1983 der Offizier und Mitglied des Politbüros Dawit Wolde Giorgis den Vorsitz der Kommission inne. Die RRC musste sich immer wieder gegen die politische Ausrichtung der Nothilfe durch den Derg durchsetzen. So gab es vor September 1984 Uneinigkeit über das Ausmaß des Hungers und die Notwendigkeit öffentlicher Hilfsappelle.28 Der Derg arbeitete zum Teil gegen die eigene Behörde der RRC: Da diese eine Art Pufferrolle zwischen Derg und westlichen Gebern wie humanitären Akteuren innehatte, stand sie zwischen dem politischen Druck des Derg sowie der (eigenen wie externen) Erwartung möglichst effizienter Nothilfe.29 Eine Konsequenz dieser Auseinandersetzungen war Wolde Giorgis‘ Flucht 1985 in die USA. Von dort kritisierte er prominent die Rolle des Derg und dessen brutale Herrschaft.30 Die Auseinandersetzung um die Hilfsanstrengungen diente so auch der (politischen) Profilbildung und Positionierung einzelner Akteure. Die interne Konkurrenz zwischen dem Derg und der RRC verschärfte sich Ende Oktober 1984, als das mit hohen Mitgliedern des Derg besetzte Nationale Komitee für Dürreprävention und -hilfe (National Committee for Drought Prevention and Relief) gegründet wurde, um die äthiopische Nothilfe zu institutionalisieren. Hierdurch wurde zugleich die RRC marginalisiert und der Derg konnte seine Macht ausbauen.31
Die Hungersnot wurde bis zum zehnten Jahrestag der Machtübernahme im September 1984 von der sozialistischen Regierung vernachlässigt. Die Ausmaße hätten ihre (internationale) Legitimität untergraben. Die RRC plädierte bereits seit Frühjahr 1984 für einen öffentlichen Appell um humanitäre Hilfe, wurde jedoch vom Derg in ihren Bemühungen gehindert: Während der Monate rund um den September 1984 ist in offiziellen Presseberichten keine Rede von Dürre oder Hunger.32 International gab es zwar Kritik gegenüber der Nothilfekoordination durch RRC und Derg. Dennoch zielte die RRC darauf ab, überfüllte Lager durch einen öffentlichen Aufruf für Unterstützung durch andere Staaten, die UN und Hilfsorganisationen zu entlasten und das Anwachsen der Betroffenenzahl einzudämmen.33 Die Deutungshoheit über die humanitäre Krise zwischen dem Derg, der politische wie militärische Stärke zum Jahrestag priorisierte, und der RRC, die wachsende Todes- und Unterernährungszahlen verzeichnete, wird hier sichtbar.
Bis Herbst 1984 durften kaum ausländische Journalist:innen außerhalb der Hauptstadt Addis Abeba reisen, wodurch die Informationen über das Ausmaß der Hungersnot in der internationalen Presse beschränkt waren. Nur einige internationale Hilfsorganisationen waren in Absprache mit der RRC schon vor dem großen öffentlichen Hilfsaufruf im Oktober 1984 vor Ort. So leistete seit April 1984 eine Gruppe von MSF France und dem Save the Children Fund (SCF) medizinische Versorgung und Nahrungsmittelhilfe in einem von der RRC betriebenen Lager in Korem (Wollo).
Im Oktober 1984 begann die ausländische Berichterstattung über die Ausmaße der Hungerkatastrophe, die für Darstellungen von Hunger und Camps bis heute stilprägend ist.34 Derg, Rebellengruppen, NROs und Medien versuchten, das Bild einer Naturkatastrophe (Dürre) aufrechtzuerhalten, wodurch Äthiopien zum Sinnbild einer „Wüste bevölkert von Leichen“ wurde.35 Grundlage hierfür war der BBC-Beitrag des Regisseurs Michael Buerk am 23. Oktober 1984, der die Situation als „biblische Hungersnot“ betitelte und den Ton für die weitere Berichterstattung setzte: In einfachen Erklärungsmustern – durch eine Dürre, eine plötzliche, unvorhergesehene Naturkatastrophe, den politisch-militärischen Kontext ausblendend – mit eindrücklichen Bildern von Massen an Menschen, vor allem Kindern. Es dominieren Erdtöne, zentriert sind Körper voller Leid. Zur Sprache kamen vor allem (weiße) humanitäre Helfende.36 Diese Stereotype beeinflussten die folgende humanitäre und mediale Kommunikation der Hungersnot in Äthiopien und darüber hinaus.
Der Bericht löste eine bis dato unbekannte Menge an (westlichen) Hilfsleistungen aus. In Äthiopien leisteten ca. 50 Organisationen aus verschiedenen Teilen der multipolaren Welt des Kalten Krieges ihre Hilfe durch die Kanäle der RRC sowie heimlich in den Rebellengebieten. Nach der Ausstrahlung in (westlichen) Sendeanstalten stiegen die Spendengelder an verschiedene NGOs ab Ende 1984 an. Humanitäre Nothilfe – und humanitäre Krisen – wurden somit zum Schauplatz von Konkurrenzen um wachsende Summen finanzieller Mittel.
Das Interesse führte zudem zu neuen Akteuren im humanitären Feld und in der Spendengenerierung: Die Rolle von Prominenten als Fürsprechende und die Verbindung von Spenden mit (Massen-)Konsum in Form von CDs oder Konzertbesuchen sind in den Band-Aid- und Live-Aid-Projekten besonders deutlich zu erkennen.37
Anhand dieser Beispiele zeigt sich eine Entpolitisierung der Krise. Die Darstellung einer natürlichen Hungersnot täuscht über die verschiedenen Interessen der Akteure hinweg, die in diese Krisen finanziell, medial, und materiell aktiv eingebunden waren, und verwandelt den Hunger in ein Problem, das allein durch humanitäre Hilfslieferungen zu beseitigen wäre.38
Humanitäre Akteure waren jedoch Teil dieses politisch-militärischen Komplexes. Alex de Waal von Africa Watch, einer Menschenrechtsorganisation, beschuldigte 1991 in einem Bericht die Vereinten Nationen der Mitschuld an der Hungersnot. Das UN-Nothilfebüro für Äthiopien (UNEOE) hätte sich hinter der Haltung versteckt, offene Kritik würde das Gastgeberland verärgern und gegenüber den Gebern ein schlechtes Bild abgeben, weshalb es die Abzweigung von Nahrungsmitteln, die gewaltsame Umsiedlung und andere Missbräuche von Hilfe nur beobachtet hätte. Zudem hätte es die Problematik, Hilfsgüter und -gelder allein durch die äthiopische Regierung zu liefern, die einen blutigen Krieg gegen einen Großteil der hungernden Bevölkerung führte, nicht ausreichend adressiert.39
Auch andere Menschenrechtsorganisationen kritisierten die Bedingungen der humanitären Hilfsanstrengungen, indem sie den politischen Charakter der Hungersnot in den Vordergrund rückten: Bereits im Dezember 1984 beschrieb George Galloway, Generalsekretär von War on Want, einer NRO, die in den 1980er Jahren Unabhängigkeitsbewegungen unter anderem in Tigray und Eritrea unterstützte, den Missbrauch der westlichen Hilfe durch das äthiopische Regime zur Kriegführung in den Rebellengebieten. Einerseits würden Lieferungen für die Versorgung der Soldat:innen genutzt und andererseits Menschen absichtlich ausgehungert.40 Cultural Survival kritisierte außerdem die Bedingungen der Umsiedlung und den Missbrauch von Spendengeldern durch eine Studie mit äthiopischen Flüchtlingen in Somalia.41 Andere humanitäre Beobachter:innen wie John Finucane (Concern) und Peter McPherson (USAID) berichteten über die hohe Sterblichkeit während der Umsiedlungen. Einzelne humanitäre Helfende wie Jim Kinsella (Concern), Danny Hawley (World Vision) und Carol Ashwood (Oxfam, ab Ende 1985 Unterstützung für MSF France) äußerten sich ebenfalls kritisch.42
4. Komplizen oder Unabhängigkeit?
Zur (internen) Konkurrenz um humanitäre Prinzipien „Ich bin überzeugt, dass es moralisch verwerflich ist, Mengistu und seiner Clique zu helfen, ihre Gräueltaten zu verfolgen. Während der Hungersnot haben Millionen von Menschen im Westen mit einer Großzügigkeit auf die Hilfsaufrufe geantwortet. Sicher hat dies geholfen, dass viele Äthiopier:innen nicht an Hunger starben. Heute jedoch, in den nördlichen Provinzen, ist der Hauptgrund für die Sterblichkeit nicht mehr der Hunger, sondern die Umsiedlungen.“43
Rony Brauman, Präsident von MSF France, beschrieb im Dezember 1986 nachträglich die Beobachtungen der französischen Sektion zur Handhabung der Hungersnot durch die äthiopische Regierung. Freiwillige von MSF France beklagten, dass die humanitäre Hilfe durch die äthiopische Regierung missbraucht würde, um die Kämpfe gegen die Sezessionist:innen im Norden des Landes zu unterstützen. Außerdem kritisierten sie den Charakter der Umsiedlungen, deren Zeugen sie im Verlauf des Jahres 1985 geworden waren.44 Im Gegensatz dazu erhoben Mitarbeitende der belgischen Sektion aufgrund fehlender Beobachtungen keine öffentlichen Vorwürfe.45
MSF France war nach eigenen Angaben seit Anfang der 1980er Jahre in Äthiopien und leistete medizinische Hilfe, vor allem heimlich in Tigray und Eritrea. Nach einer Erkundungsmission 1984 im äthiopischen Kernland eröffneten sie in Korem (Wollo) ein medizinisches Zentrum an einem Camp, das sich um ein Ernährungszentrum der RRC gebildet hatte.46 Dies ermöglichte es der lokalen MSF France-Koordination, bereits in Gesprächen auf die RRC einzuwirken, das Ausmaß der Hungersnot ernst zu nehmen und die globale Öffentlichkeit für mehr Gelder und zusätzliche Hilfsteams zu alarmieren. Sie stand gleichzeitig im Austausch mit anderen Hilfsorganisationen, die in Äthiopien tätig waren. Gerade hungerbedingte Krankheitsbilder und die hohe Zahl der Todesopfer dienten hier als Argumente gegen die offizielle Leugnung der Hungersnot durch die äthiopische Regierung. Der enge Austausch mit der RRC waren notwendig, um die humanitäre Nothilfe vor Ort zu ermöglichen: Arbeitserlaubnisse, Logistik, Visa und Zahlungen hingen davon ab.47 Der Staat gab hier einen Teil seiner öffentlichen Infrastruktur in die Hände privater Akteure und verfolgte damit sowohl ein Interesse an der Koordination der bedarfsgerechten Versorgung, als auch an der Kontrolle der vor Ort tätigen Akteure.
Ab September 1984 veröffentlichten MSF-Freiwillige direkt aus Äthiopien oder nach ihrer Rückkehr Augenzeugenberichte in verschiedenen Medien, in denen sie über die Ausmaße des Hungers, die medizinische Extremsituation und die Situation in den Lagern berichteten. MSF-Mitarbeiter:innen wie Brigitte Vasset (medizinische Koordinatorin MSF France in Korem von Mai 1984 bis Mai 1985, später Programmverantwortliche Äthiopien MSF France) stützten ihre Beobachtungen und Forderungen in dieser Zeit auf medizinisches Wissen und Einschätzungen. Vasset war die einzige humanitäre Helferin, die im ikonischen Buerk-Beitrag zu Wort kam. Sie und ihre Kolleg:innen traten für ein stärkeres Bewusst-Machen der aktuellen Hungersnot und Spendensammlungen in europäischen Gesellschaften ein.48 Korem wurde zu einem wichtigen Anlaufpunkt für ausländische Journalist:innen, Politiker:innen und Vertreter:innen der Vereinten Nationen:49 Dies erhöhte MSF France’s Sichtbarkeit und Präsenz im humanitären Feld, da westliche Zuschauende eine Verbindung zu den zunehmend vertraut erscheinenden Freiwilligen aufbauen konnten. Für Medienvertreter:innen war die Kooperation doppelt nützlich: so war der Zugang zu bildgewaltigen Orten (extremen) Leidens erleichtert und Akteure mit Expertise sowie Identifikationswert für das Publikum waren vor Ort. Diese Berichterstattung ermöglichte es ferner der äthiopischen Regierung, vor allem im Westen an Legitimität zu gewinnen. Einerseits wurde die Lage vermeintlich transparent in Medienberichten dargestellt, andererseits bildeten westliche Akteure den offenen Beweis, dass das sozialistische Regime nicht abgeschottet war.
Ab November 1984 setzte die äthiopische Regierung das offizielle Umsiedlungsprogramm um. Sie versicherte, auf Freiwilligkeit zu setzen und den Willen der umzusiedelnden Landbevölkerung aus den Provinzen Tigray und Wollo zu respektieren. Bereits seit Dezember 1984 jedoch kritisierte die Organisation War on Want, dass für die Umsiedlungen die Struktur der Nothilfecamps genutzt wurde und mehr Menschen unter Zwang in andere Gebiete gebracht wurden. Über den Sommer 1985 häufte sich die Kritik von MSF-France-Freiwilligen, die neben der von der äthiopischen Regierung verhinderten notwendigen medizinischen Fürsorge vermehrt die Gewalt und die Umstände der Umsiedlungen anprangerten, sowohl intern mit der RRC als auch öffentlich.50 Gleichzeitig forderten sie aufgrund medizinischer Beobachtungen die offizielle Anerkennung von Epidemien wie beispielsweise in Korem (April 1985) und die Eröffnung eines therapeutischen Ernährungszentrums für Kinder, das über bloße medizinische Nothilfe hinausgehen würde (Juni–Juli 1985 in Kelala).51 MSF France konkurrierte hier mit der RRC in der Ausübung medizinischer Versorgung, die nicht nur durch den Bedarf gerechtfertigt war (so der Standpunkt von MSF France), sondern auch durch politische Erwägungen (für die RRC). Durch ein Ernährungszentrum im Norden würde die lokale Bevölkerung in der Region bleiben, weshalb die RRC die Umsiedlungen forcierte.
Ab Mitte 1985 wurden die Forderungen von MSF France-Vertreter:innen hinsichtlich der Bedingungen der Umsiedlung und der Situation in den Lagern sowie Arbeitsbeschränkungen durch die RRC in der französischen und europäischen Presse in den Vordergrund gerückt, weniger jedoch die politischen Implikationen und die Bedeutung der Umsiedlungsprogramme selbst:
Im Westen hat man das Verhalten der äthiopischen Regierung vermehrt kritisiert, wo sich die Auswirkungen des Krieges mit denen des Hungers vermischen. Es wird sogar von Missbrauch der internationalen Hilfe gesprochen. Joëlle Peckre [MSF-Freiwillige aus Lille, die in Korem arbeitete, Anm. d. Aut.] kann so etwas nicht feststellen: „Ich habe noch nie einen Soldaten gesehen, der einen Sack Getreide wegtrug.“
Die Krankenpflegerin aus Lille hat ebenfalls den Zwangsumsiedlungen von Millionen Geflüchteten in den Süden beigewohnt, der als fruchtbarer gilt. Eine autoritäre Umsiedlung, die manu militari organisiert ist und generell gegen den Willen der betroffenen Bevölkerungen passiert, aber in dem Joëlle Peckre ein kleineres Übel, eine Notlösung sieht.52
Im Kontrast zu dieser persönlichen Einschätzung Joëlle Peckres zeigen die öffentlichen Äußerungen aus der Leitungsebene von MSF France die internen Auseinandersetzungen um die Deutung, Interpretation und den Umgang mit dem, was MSF-Teams in Äthiopien sahen, behandelten und in Dokumenten aufzeichneten. Zu nennen ist hier vor allem Rony Brauman, der am 22. Oktober 1985 bei einem Treffen des Anglo-Amerikanischen Presseclubs in Paris die gewaltsamen Umstände der Umsiedlungspolitik der äthiopischen Regierung sowie die Verweigerung der Genehmigung zur Eröffnung des therapeutischen Ernährungszentrums in Kelala darlegte. Dies fiel zeitlich mit der Veröffentlichung eines Appells verschiedener anderer Hilfsorganisationen wie Concern zusammen, die hohe Todeszahlen unter den Umgesiedelten als Warnzeichen hinsichtlich der Rechtfertigung der Umsiedlungsprogramme sahen.53 Brauman formulierte in diesem Sinne die Möglichkeit eines Rückzugs der MSF-Helfenden aus Äthiopien.
Diese öffentlichen Positionierungen waren weder von der Direktion von MSF France noch von den Mitarbeiter:innen in anderen Sektionen oder in Äthiopien abgesegnet. Der französische Verwaltungsrat kritisierte Braumans Anschuldigungen gegen die äthiopische Regierung.54 Die Sektion diskutierte vermehrt über den Umgang mit der sich verhärtenden Umsiedlungspolitik der äthiopischen Regierung, zunächst mit der Entscheidung, durch Lobbyarbeit die UN in Addis Abeba zu beeinflussen. Eine zentrale Frage war, ob MSF France durch öffentlichen Protest humanitäre Prinzipien verletze. Zur Debatte stand das Selbstverständnis von MSF als humanitärer Organisation im Vergleich zu Menschenrechtsorganisationen.55
Die Frage öffentlicher Stellungnahmen hatte auch eine wichtige finanzielle und existenzielle Komponente: Da sich MSF, wie viele andere Hilfsorganisationen, vornehmlich aus Spenden finanzierte, konnten öffentliche Äußerungen, die als zu parteiisch galten, sowohl dem Ansehen schaden als auch die finanzielle Existenz der NRO bedrohen. Für Rony Brauman schien dies jedoch kein Argument.56 Das Risiko, in das sich MSF France mit den öffentlichen Äußerungen begab, illustriert Brigitte Vasset rückblickend:
"Ich glaube, MSF ist ein enormes Risiko eingegangen, als wir uns öffentlich positioniert haben. Wir haben die Hand, die uns fütterte, gebissen… Alle Welt hat uns Geld gegeben und wir sagen: 'Ach nein, das ist nicht gut.' Das war ein riesiges institutionelles Risiko."57
Öffentliche Positionierungen verliehen MSF France jedoch tatsächlich erhöhte Glaubwürdigkeit, da sie sich der französischen Gesellschaft als aktivistische Organisation zeigte.58 Auch die Höhe der finanziellen Zuwendungen durch private Spender:innen spiegelt diese Unterstützung wider.59 Die öffentlichen Positionierungen waren somit Mittel für MSF France, sich langfristig einen Platz in der (französischen) Hilfslandschaft zu sichern – durch die publizierte Quellensammlung bis heute.
Am 28. Oktober, nach der Pressekonferenz, erteilte der französische MSF-Vorstand Brauman die Erlaubnis, die fehlenden Mindestbedingungen für Hilfe öffentlich anzuprangern.60 Am 1. November 1985 erwog Brauman in der Zeitung La Croix einen möglichen Rückzug von MSF – wohlgemerkt als Ganzes – aus Äthiopien:
"MSF möchte nicht gehen, sondern einfach angemessen arbeiten […] Und jeden Tag nehmen wir neue Todesfälle auf. Bis wann können wir mit verschränkten Armen warten, ohne etwas zu tun im Angesicht dieser toten Kinder? Wir können so nicht weitermachen! Kinder, die sterben, das ist doch sehr konkret, oder?"61
Die Direktion von MSF France adressierte außerdem mehrfach die RRC und ihren stellvertretenden Kommissar, Berhanu Deressa: In einem Brief vom 20. November 1985 an ihn – sowie alle weiteren in Äthiopien agierenden NROs – beklagte Brauman drei zentrale Verletzungen von Mindestbedingungen während der Umsiedlungen: Er postulierte, dass die Freiwilligkeit der Umzusiedelnden, der Familienzusammenhalt und der Gesundheitszustand der Umzusiedelnden unbedingt zu berücksichtigen seien. Die Missachtung dieser Bedingungen führe zu einer katastrophalen Versorgung während der Umsiedlungen und hohen Sterblichkeitsraten. Dies mündete in die Forderung eines Moratoriums, konkret einer dreimonatigen Aussetzung der Umsiedlungen zur Untersuchung ihrer Umstände, die so auch an den UN-Sonderbeauftragten, Michael Priestley, gerichtet war.62
Am gleichen Tag wurden verschiedene Mitarbeitende von MSF France im Zentrum in Sekota Zeug:innen der Gewalt der äthiopischen Armee gegenüber Geflüchteten und lokalen Angestellten. Circa 100 Menschen aus dem Vertriebenencamp wurden unter Zwang und Gewalt zusammengetrieben.63 Die offensichtliche Gewalt gegenüber den Helfenden interpretierten sie als Missachtung humanitärer Hilfe. Die Situation spitzte sich zu, als zwei weitere Mitarbeitende circa 200 Menschen in einer Kirche eingeschlossen vorfanden, was in eine lange Diskussion über die passende Versorgung dieser Menschen mündete. In deren Verlauf kam es zu Gewalt des Polizeichefs gegen eine MSF-Krankenpflegerin.64
Der Bericht erreichte Paris am folgenden Tag und die Direktion von MSF France beschwerte sich am 29. November 1985 bei der RRC über die Gewalt gegenüber ihrer Krankenpflegerin. Sicherlich trug diese Eskalation der Umsiedlungen und gegenüber Hilfsakteuren zum wachsenden Unmut innerhalb von MSF France bei.
Nach Treffen mit hochrangigen Vertreter:innen des Welternährungsprogramms, der RRC, Journalist:innen und dem französischen Botschafter sowie anderen Hilfsorganisationen für ein Moratorium, während derer die Stimmung durch den Streit über das richtige Vorgehen in Bezug auf die Umsiedlungen stark angespannt war, wurde MSF France am 2. Dezember des Landes verwiesen:
"1.) Die RRC nimmt das wiederholte Angebot Ihrer Organisation, seinen Einsatz in Äthiopien zu beenden, an und hat deshalb entschieden, die Dienste von Médecins Sans Frontières – France ab dem 2. Dezember 1985 einzustellen.
2.) Die Kommission hat dementsprechend ihre Nothilfe- und Gesundheitsabteilung angewiesen, den Einsatz Ihrer aktuellen Programme in den Nothilfezentren in den Distrikten Kobo, Korem, Kelala und Sekoto in der Verwaltungsregion Wollo zu übernehmen."65
Die äthiopische Regierung hatte die Anschuldigungen mehrfach als Verleumdungskampagne betitelt und fror nun die Konten von MSF France ein. Kurz zuvor hatten auch andere NROs und die UN ihre Kritik an MSFs Anschuldigungen geäußert. Der lokale Vertreter des IKRK, Léon de Riedmatten, unterstützte die Beobachtungen vor sowie nach der Ausweisung der französischen NRO.66 Nach der Ausweisung hielt MSF France eine Pressekonferenz in Paris ab und bekräftigte zuvor gemachte Anschuldigungen, die sich vor allem auf die Umsiedlungen der Zentralregierung bezogen und weniger auf die militärischen Auseinandersetzungen des Derg mit sezessionistischen Gruppen oder deren Nutzen humanitärer Hilfe.67 Im Nachgang verteidigte die Leitung von MSF France den Schritt an die Öffentlichkeit durch Berichte von Rückkehrenden nach Europa und eine länderübergreifende Reise des Präsidenten Brauman, was die Außenseiterrolle von MSF France in der humanitären Gemeinschaft und Öffentlichkeit festigte.68 Zudem waren Vertreter:innen von MSF France 1984–85 Teil der Gründung der (rechtsliberalen) Stiftung Liberté Sans Frontières (LSF), ein Ausdruck französischer intellektueller Kritik (einstmals linker Aktivist:innen) am sogenannten tiers-mondisme.69 Die öffentliche Kritik französischer MSF-Mitglieder am sozialistischen Regime in Äthiopien steht somit auch in einem weiteren ideologischen Zusammenhang.
Doch die öffentlichen Anschuldigungen gegen die äthiopische Regierung wurden nicht von allen MSF-Mitgliedern positiv betrachtet, insbesondere nicht von der 1980 gegründeten belgischen Sektion.70 Zwischen beiden zeichnete sich bereits seit der Gründung der belgischen Gruppe Spannungen ab, denn ihre Stellung und die internen Hierarchien zwischen Sektionen innerhalb des MSF-Gebildes waren zunächst unklar.71 Im Gegensatz zur französischen Teilorganisation beteiligten sich die Belgier:innen nicht an der Kritik gegen die äthiopische Regierung und wurden weiterhin im Land geduldet. Sie waren vermeintlich keine Augenzeug:innen der Deportationen und bauten im Anschluss an die Nothilfe 1986–1987 ihren Einsatz sogar aus. Die Ausweisung von MSF France diente hier als Distinktionsmerkmal für die politische Ausrichtung der Organisationen: Im Konflikt über die Stellung von LSF im Verhältnis zu MSF wurde die harsche politische Kritik von MSF France aus belgischer Perspektive als neoliberale Militanz verstanden.72 Die Entwicklungen 1985 waren damit auch der Höhepunkt eines internen Konflikts um Einfluss, Deutungshoheit und die Identität einer humanitären Organisation, die sich internationalisierte. Bezeichnenderweise ist auch in der zwanzig Jahre später entstandenen Quellensammlung zu MSF’s Einsatz in Äthiopien die belgische Sektion äußerst selten vertreten. In den Beschreibungstexten wird stets die allgemeine Bezeichnung MSF verwendet – mit einer Präzision im Falle von mehr als einer Sektion. Zwar steht dies im Einklang mit dem Ziel der Sammlung, ein Bildungsangebot über Speaking Out zu sein, zugleich spiegelt es bis heute interne Spannungen um die Deutungshoheit über gemeinsame Geschichte.
5. Fazit: Humanitäre Hilfe durch wen für wen?
Die Hungerkatastrophe der 1980er Jahre in Äthiopien offenbarte die Widersprüche westlicher Hilfe trotz unbestimmter rückblickender Bewertung durch Hilfsorganisationen zur Umsiedlung: In einer BBC/CNN-Dokumentation von 2025 kritisieren Bob Geldof (Band Aid), Dawit Giorgis (ehemals RRC) und Hugh Goyder (Oxfam) bis heute das Verhalten von MSF. Giorgis wirft der Organisation vor, durch ihre Handlungen die effiziente Verteilung der Hilfe gestört zu haben.73
Die Auseinandersetzungen um Bedingungen und politisch-militärischen Nutzen von Hilfe sind zentrale Aspekte der Konkurrenz um die Deutung der Geschehnisse. Gleichzeitig blieb in der zeitgenössischen und nachträglichen Betrachtung die Diskussion über Gründe der Hungersnot und den Einfluss der Bürgerkriege größtenteils im Hintergrund. Die politisch-militärischen Bedingungen waren vor allem in der sozialistischen Politik des Derg begründet. Dabei zeigt sich jedoch, dass die humanitäre Situation und der Hunger zum Spielball unterschiedlicher Interessen wurden und dies bis heute sind: für die äthiopische Militärregierung, Mitglieder der RRC, verschiedene Rebellengruppen und Hilfsorganisationen. Öffentliche Stellungnahmen dien(t)en hier der Stärkung der Stellung und Individualität humanitärer Akteure wie MSF France nach innen und außen sowie der (militärischen) Stärke des sozialistischen Regimes und der Rebellengruppen.
Wie wichtig der politisch-militärisch-gesellschaftliche Kontext humanitärer Hilfe ist, zeigt sich am Beispiel des Engagements in Äthiopien: die Ausübung des humanitären Mandats auf Basis universeller Prinzipien erweist sich hier als komplexes Problem. Die politische Ausrichtung des Derg war hier Teil der Auseinandersetzungen: LSF und MSF France erklärten den tiers-mondisme für gescheitert und interpretierten die äthiopische Situation auch innerhalb dieser ideologischen Rahmung. Der unmittelbare Kontext des Bürgerkrieges, der Teil der Hungersnot war und diese beförderte, geriet hier zur Hintergrundfolie, da die Umstände der Umsiedlungen und Gewalt gegenüber humanitären Akteuren und Betroffenen durch die äthiopische Armee im Zentrum standen.
Die Hungersnot in Äthiopien zeigt die Problematik der Depolitisierung einer zutiefst politischen Krise. Wenn Hilfe als Mittel im (Bürger-)Krieg genutzt wird, kann sie schwerlich neutral oder unabhängig sein. Es öffnet sich so ein Raum für die kritische Betrachtung humanitärer Einsätze in politisch-militärisch komplexen Situationen: Wann und wie kann die Neutralität und Unparteilichkeit für humanitäres Handeln überhaupt gewährleistet werden?
Danksagung
Die Autorin bedankt sich bei der Redaktion der Zeitschrift und den anonymen Peer-Reviewer*innen für die nützlichen Hinweise sowie ausdrücklich bei diversen Kommentator:innen früherer Versionen dieses Artikels, namentlich Kristina Schäfer, Rebecca Schmidt, Ibrahima Sene und Joël Glasman, für ihre hilfreiche Unterstützung.
Förderung
Dieser Artikel ist im Rahmen eines Dissertationsprojekts im Forschungsprojekt „Postkoloniale Hierarchien in Frieden & Konflikt“ [Förderkennzeichen 01UG2205B] entstanden, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Eine frühere Version dieses Aufsatzes wurde für eine Begleitpublikation des Militärhistorischen Museum der Bundeswehr – Flugplatz Berlin-Gatow erarbeitet.
- 1. Die Ausweisung würde fast jede nicht-UN Organisation, die in Israel-Palästina tätig ist, betreffen und hätte einen tief-greifenden Einfluss auf lebensnotwendige Güter für Menschen in Gaza. Vgl. Action Contre la Faim, Action for Humani-ty, Action Aid et al., 53 International NGOs warn Israel’s recent registration measures will impede critical humanitari-an action, ReliefWeb, 02.01.2026, URL: https://reliefweb.int/report/occupied-palestinian-territory/53-international-ngos-warn-israels-recent-registration-measures-will-impede-critical-humanitarian-action (letzter Zugriff: 27.02.2026); Rita Baroud, Israel’s suspension of Gaza aid NGOs will have deadly consequences, The New Humanitar-ian, 19.01.2026, URL: https://www.thenewhumanitarian.org/opinion/2026/01/19/israel-suspension-gaza-aid-ngo-deadly-consequences (letzter Zugriff: 27.02.2026); Volker Türk, Outrageous suspension of numerous aid agencies from Gaza, OHCHR, 31.12.2025, URL: https://www.ohchr.org/en/press-releases/2025/12/outrageous-suspension-numerous-aid-agencies-gaza (letzter Zugriff: 27.02.2026).
- 2. Die Aid Worker Security Database verzeichnet seit 1997 einen Anstieg von Angriffen auf humanitäre Helfende von 35 Vorfällen 1997 auf 631 im Jahr 2024. Vgl. Aid Worker Security Database, Major attacks on aid workers: Summary statis-tics, 8 Mai 2025, URL: https://www.aidworkersecurity.org/incidents/report (letzter Zugriff: 27.2.2026). Siehe auch Liat Kozma, Between 1948 and 2023. A Comparative Look at the Human Cost of War, in: Der Israel-Palästina-Konflikt und der 7. Oktober 2023 (MUG Themenheft 13 (2024), S. 32–41.
- 3. Vgl. Riley Sparks, How Israel’s new NGO registration rules seek to divide the international aid response, 25.08.2025, URL: https://www.thenewhumanitarian.org/analysis/2025/08/25/how-israel-new-ngo-registration-rules-divide-international-aid-response (letzter Zugriff: 27.02.2026).
- 4. Siehe für den Zusammenhang von Hungersnöten und Gewalt Alex de Waal, Famine crimes. Politics & the disaster relief industry in Africa, London 1997. Siehe für das sozialistische Äthiopien und die Hungersnot in den 1980er Jahren sowie die Bürgerkriege in Eritrea und Tigray Edmond J. Keller, Drought, War, and the Politics of Famine in Ethiopia and Eritrea, in: The Journal of Modern African Studies 30/4 (1992), S. 609–624; Alexander Poster, The Gentle War: Famine Relief, Politics, and Privatization in Ethiopia, 1983–1986, in: Diplomatic History 36/2 (2012), S. 399–425; Christopher S. Clapham, Transformation and continuity in revolutionary Ethiopia, Cambridge 1988; Bahru Zewde, The History of the Red Terror. Contexts and Consequences, in: Kjetil Tronvoll / Charles Schaefer / Girmachew Alemu Aneme (Hrsg.), The Ethiopian Red Terror Trials. Transitional Justice Challenged, Woodbridge, Suffolk; Rochester, NY 2009, S. 17–32; Bahru Zewde, The Military and Militarism in Africa: The Case of Ethiopia, in: Eboe Hutchful/Council for the Develop-ment of Economic and Social Research in Africa (Hrsg.), The Military and Militarism in Africa, Dakar 1998, S. 257–289.
- 5. Vgl. für den Einfluss auf Medienberichterstattung und Hunger unter anderem Suzanne Franks, Reporting Disasters. Famine, Aid, Politics and the Media, London 2013. Sowie zur kritischen Betrachtung von Spendenpraktiken und ‚Celeb-rity Humanitarianism‘ Matthias Kuhnert, NGOs, Celebrity Humanitarianism and the Media: Negotiating Conflicting Perceptions of Aid and Development during the ‘Ethiopian Famine’, in: Johannes Paulmann (Hrsg.), Humanitarianism and Media: 1900 to the Present, New German Historical Perspectives 9, Oxford/New York 2019, S. 263–280; Andrew Jones, Band Aid revisited: humanitarianism, consumption and philanthropy in the 1980s, in: Contemporary British History 31/2 (2017), S. 189–209; Ilan Kapoor, Celebrity Humanitarianism. The ideology of global charity, Abing-don/New York 2013; Tanja R. Müller, „The Ethiopian famine“ revisited: Band Aid and the antipolitics of celebrity hu-manitarian action, in: Disasters 37/1 (2013), S. 61–79; Riina Yrjölä, The invisible violence of celebrity humanitarian-ism: Soft images and hard words in the making and unmaking of Africa, in: World Political Science Review 5/1 (2009).
- 6. Vgl. Keller, Drought, War, and the Politics of Famine, S. 618–621. Siehe für die Aufarbeitung des Hungers und die Erin-nerung an Hungersnöte Fisseha Fantahun Tefera, Ethiopia’s 1984/85 famine and the Red Terror Trials, in: Third World Quarterly 45/2 (2024), S. 420–438; Camilla Orjuela / Swati Parashar, Memory and justice after famines: an introduc-tion, in: Third World Quarterly 45/2 (2024), S. 247–258.
- 7. Vgl. Kevin O’Sullivan, The NGO Moment. The Globalisation of Compassion from Biafra to Live Aid, Cambridge / New York 2021, Kapitel 8; Poster, The Gentle War; de Waal, Famine Crimes. In den 1980er Jahren wurde in Äthiopien auch die Praxis sogenannter Airdrops durch britisches, deutsch-deutsches und sowjetisches Militär weiterentwickelt, siehe Patrick Merziger, Out of Area. Humanitäre Hilfe der Bundeswehr im Ausland (1959–1991), in: Zeithistorische For-schungen, vor allem S. 53. Selbstredend ist die Auseinandersetzung über humanitäre Hilfe während (Bürger-)Kriegen bereits Teil verschiedener (historischer) Arbeiten, siehe beispielsweise Marie-Luce Desgrandchamps, L’humanitaire en guerre civile. La crise du Biafra (1967–1970), Histoire, Rennes 2018; Lasse Heerten, The Biafran War and Postcolo-nial Humanitarianism. Spectacles of Suffering, Human Rights in History, Cambridge/New York et al. 2017; Eleanor Davey, Relief, Development and the Eritrean War of Independence. Subverting the Anti-politics Machine, in: Histoire Politique 41 (2020), DOI:10.4000/histoirepolitique.324. Siehe für MSF in Äthiopien in den 1980ern vor allem Eleanor Davey, Idealism beyond borders. The French Revolutionary Left and the Rise of Humanitarianism, 1954–1988, Cam-bridge 2015; Eleanor Davey, Famine, aid, and ideology. The political activism of Médecins sans Frontières in the 1980s, in: French Historical Studies 34/3 (2011), S. 529–558; Jean-Benoît Falisse, Artsen Zonder Grenzen België als apolitieke organisatie (1985–1988), in: Brood & Rozen 16/4 (2011), S. 24–51.
- 8. MSF ist eine internationale Hilfsorganisation, die aus verschiedenen, vor allem nationalen Sektionen besteht. In Deutschland ist es ein eingetragener Verein. Zur Unterscheidung der Sektionen nutze ich den nationalen Zusatz ‚France‘, ‚Belgium‘ o.ä.
- 9. Vgl. Laurence Binet u. a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés de populations en Ethiopie 1984–1986, Genf 2005, URL: https://www.msf.org/sites/msf.org/files/2019-04/Famine_transferts_populations_Ethiopie_VF.pdf (letzter Zugriff 19.1.2021).
- 10. Siehe zur mythischen Stellung von témoignage in der MSF Selbsterzählung Marie-Luce Desgrandchamps, Revenir sur le mythe fondateur de Médecins sans frontières. Les relations entre les médecins français et le CICR pendant la guerre du Biafra (1967-1970), in: Relations internationales 146/2 (2011), S. 95–108. Siehe für öffentliche Positionie-rungen humanitärer Akteure beispielhaft Valérie Gorin, Witnessing and Témoignage in MSF's Advocacy, in: Journal of Humanitarian Affairs 3/2 (2021), S. 28–33; Peter Redfield, A less modest witness. Collective advocacy and motivated truth in a medical humanitarian movement, in: American Ethnologist 33/1 (2006), S. 3–26; Jakob Kellenberger, Speak-ing out or remaining silent in humanitarian work, in: Revue Internationale de La Croix-Rouge/International Review of the Red Cross 86/855 (2004), S. 593–609.
- 11. Vgl. Eleanor Davey, French adventures in solidarity: Revolutionary tourists and radical humanitarians, in: European Review of History 21/4 (2014), S. 577–595; Davey, Famine, aid, and ideology. Siehe für MSF Erinnerung Peter Casaer (Hrsg.), The Inside Story. Personal Testimonies. The History of MSF-Belgium and the Operational Centre of Brussels, Brüssel 2013; Ulrike von Pilar und Ärzte ohne Grenzen / Médecins Sans Frontières (Hrsg.), 1971–2011. 40 Jahre MSF, Berlin 2013, URL: https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/sites/default/files/attachments/2011-10-aerzteohnegrenzen-40-jahre-buch.pdf (letzter Zugriff: 20.11.2023).
- 12. Vgl. Médecins Sans Frontières International, MSF – Médecins Sans Frontières | Medical Humanitarian Organisation’, URL: https://www.msf.org/ (letzter Zugriff 24.03.2022). Siehe zu Kritik Davey, Idealism beyond Borders; Peter Redfield, Life in Crisis: The Ethical Journey of Doctors without Borders, Berkeley/Los Angeles/London 2013; Renée C. Fox, Doc-tors Without Borders: Humanitarian Quests, Impossible Dreams of Médecins Sans Frontières, Baltimore 2014; Anne Vallaeys, Médecins sans Frontières. La Biographie, Paris 2004.
- 13. MSF France war in Korem (April 1984, Region Wollo), Kobo (Juli 1984, Region Wollo), Sekota und Kelala (1985, Region Wollo) tätig; MSF Belgium in Idaga Hammous (März 1985, Region Tigray) und Zala Ambessa (Juli 1985, Region Eritrea). Ein gemeinsames Team zusammen mit der niederländischen Sektion begann im April 1985 in Hargeissa in Somalia. Siehe Einleitung und Chronologie, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et Transferts Forcés.
- 14. Siehe zum Beispiel Claude Malhuret, Mass Deportations in Ethiopia, Report, MSF Confidential, December 1985; David Blundy, Cover-Up, in: The Sunday Times, 2 November 1985, in: Laurence Binet u.a. (Hrsg.): Famine and forced reloca-tions in Ethiopia 1984–1986, Genf 2005, URL: https://www.msf.org/sites/default/files/2019-04/MSF%20Speaking%20Out%20Ethiopia%201984-1986.pdf (letzter Zugriff 06.08.2025), S. 19; 64–65 sowie Catherine G., Par hasard, in: Journal MSF France Spécial Éthiopie, Decembre 1985; MSF France, Compte-rendu du conseil d’administration de MSF France, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés, S. 62 f. Siehe außerdem Alex de Waal, Evil Days. 30 Years of War and Famine in Ethiopia. An Africa Watch Report, New York/Washington/London, 1991, URL: <https://www.hrw.org/reports/Ethiopia919.pdf?utm_source=> (letzter Zugriff 20.11.2025).
- 15. Dürren waren am Horn von Afrika keine Seltenheit und nahmen im Laufe des 20. Jahrhunderts durch die Abholzung der Wälder und einer Veränderung der Wetterverhältnisse zu, verstärkt durch politische und landwirtschaftliche Faktoren. Vgl. de Waal, Famine Crimes, 107; Keller, Drought, War, and the Politics of Famine.
- 16. Vgl. de Waal, Famine Crimes, S. 108.
- 17. Vgl. Harold G. Marcus, A History of Ethiopia, Berkeley/Los Angeles/London 2002, S. 190.
- 18. In von Rebellen beherrschten Gebieten wurden ähnliche Reformen durchgeführt. Da die Zentralregierung im äthiopi-schen Kernland die Kontrolle über die Erträge und Vermarktung behielt, habe es auch kaum Möglichkeiten der Markt-anpassung gegeben. Ehemalige Praktiken wie Austausch von Saatgut zwischen Regionen mit Überschuss und Defizit in Erträgen intensivierte den Effekt von verstetigter Verschlechterung der (Nahrungs-)Situation der Landbevölkerung. Vgl. Clapham, Transformation and continuity, 162–170.
- 19. Die Zeit des Red Terror kostete circa 150.000 bis 500.000 Menschen das Leben, viele wurden verhaftet. Für eine späte-re juristische Aufarbeitung dieser Zeit siehe Kjetil Tronvoll / Charles Schaefer / Girmachew Alemu Aneme (Hrsg.), The Ethiopian red terror trials. Transitional justice challenged, Woodbridge/Suffolk/Rochester/New York 2009.
- 20. Vgl. Bahru Zewde, A History of Modern Ethiopia 1855–1991, Oxford/Athens/Addis Abeba 2001, S. 229.
- 21. Vgl. Keller, Drought, War, and the Politics of Famine, S. 613 f. Die EPLF konnte 1981 den internen Machtkampf gegen die ELF um die Vorherrschaft im Krieg gegen die äthiopische Zentralregierung für sich entscheiden, vgl. David Pool, The Eritrean People’s Liberation Front, in Christopher Clapham (Hrsg.), African Guerillas, Oxford/Kampala/Bloomington/Indianapolis 1998, S. 27.
- 22. Vgl. Pool, The Eritrean People’s Liberation Front, S. 19–35. John Young, The Tigray People’s Liberation Front in Christopher Clapham (Hrsg.), African Guerillas, Oxford/Kampala/Bloomington/Indianapolis 1998, S.36–52.; Keller, Drought, War, and the Politics of Famine, S. 612–615.
- 23. Vgl. Keller, Drought, War, and the Politics of Famine, S. 614.
- 24. Vgl. Kjetil Tronvoll, War & the politics of identity in Ethiopia: making enemies & allies in the Horn of Africa, Woodbridge/Suffolk/Rochester/New York 2009, S. 51 f.
- 25. Vgl. Keller, Drought, War, and the Politics of Famine, S. 60; Martin Plaut / Sarah Vaughan, Understanding Ethiopia’s Tigray War, London 2023; Zewde, History of modern Ethiopia, S. 261.
- 26. Vgl. Davey, Famine, aid and ideology, S. 547 f. Siehe auch Keller, Drought, War, and the Politics of Famine, S. 621. Presseberichte von Anfang 1985 beleuchten diesen Aspekt ebenfalls, siehe bspw. Clifford D. May, Ethiopia seized Food Headed for Rebels, in: The New York Times, 17. Januar 1985, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine and forced relocations, S. 26.
- 27. Auf militärisch-politische Nutzung der humanitären Hilfsanstrengungen durch Rebellengruppen kann an diesem Punkt nicht eingegangen werden, hierzu jedoch Keller, Drought, War, and the Politics of Famine, S. 620 f. Siehe spezifisch für Eritrea Davey, Relief, Development and the Eritrean War of Independence.
- 28. Siehe für weitere Informationen über die Zusammensetzung und Aufgaben der RRC in der öffentlichen Verkündigung ihrer Erneuerung 1979 in der Negaarit Gazeta, A Proclamation to establish a Relief and Rehabilitation Commission. „Ethiopia Tikdem“, Verkündigung, Addis Ababa, 1979, URL: https://faolex.fao.org/docs/pdf/eth40126.pdf (letzter Zugriff 24.02.2026).
- 29. Vgl. François Jean, Du bon usage de la Famine, Paris 1986, S. 8–20; de Waal, Famine Crimes, S. 108 f.; Davey, Idealism beyond Borders, S. 228; Clapham, Transformation and continuity, S. 190.
- 30. Vgl. Dawit Wolde Giorgis, The way forward for Ethiopia and Eritrea (2009), URL: https://web.archive.org/web/20090802073412/http://www.ethiopianreview.com/content/10213 (letzter Zugriff: 23.02.2026); Mohammed Hassen, Review of Red Tears: War, Famine and Revolution in Ethiopia, Northeast African Studies 12/1 (1990), S. 128–132.
- 31. Vgl. People’s Democratic Republic of Ethiopia, A brief on the National Disaster Prevention and Preparations Strategy for Ethiopia, Addis Ababa 1989, 3 f.
- 32. Vgl. Clapham, Transformation and continuity, S. 191.
- 33. Bereits Anfang der 1980er Jahre war absehbar, dass eine Hungersnot drohte. Das UN-Welternährungsprogramm bewertete die benötigten Mengen an Nahrung jedoch geringer als vom RRC erfragt, da es von einem Verteilungsproblem ausging. Siehe: Keller, Drought, War, and the Politics of Famine, S. 615f, de Waal, Famine Crimes, S. 114. Zum Verhältnis zwischen Derg und RRC siehe Tefera, Ethiopia’s 1984/85 famine, S. 429. Siehe auch Norbert Götz / Georgina Brewis / Steffen Werther, Humanitarianism in the Modern World. The Moral Economy of Famine Relief, Cambridge/New York et al. 2020, S. 162.
- 34. Vgl. Suzanne Franks, Reporting Disaster, vor allem Kapitel 4.
- 35. Davey, Idealism beyond Borders, S. 229. Siehe zeitgenössische deutsche Kritik Anonym, Hungerhilfe: Schokolade für Zuckerkranke?, in: Der Spiegel, Magazin vom Januar 1985, URL: https://www.spiegel.de/politik/hungerhilfe-schokolade-fuer-zuckerkranke-a-d82d4706-0002-0001-0000-000013512221 (letzter Zugriff 01.08.2025).
- 36. Vgl. Michael Buerk, Famine in Ethiopia, in: BBC, Dokumentation vom 23.10.1984, URL: https://www.youtube.com/watch?v=XYOj_6OYuJc (letzter Zugriff: 03.06.2024). Franks, Reporting Disasters, S. 89–97.
- 37. Vgl. ausschnitthaft Kuhnert, NGOs, Celebrity Humanitarianism and the Media; Müller, Band aid revisited.
- 38. Anna Khakee argumentiert, dass Hilfsorganisationen sich gerne als unpolitisch positionieren – trotz ihres Engage-ments in klar politisch begründeten Konflikt- und Notsituationen. Siehe hierzu Anna Khakee, Humanitarian Action in International Relations. Power and Politics, in: Hans-Joachim Heintze / Pierre Thielbörger (Hrsg.), International Hu-manitarian Action. NOHA Textbook, Cham 2018, S. 19–29.
- 39. Alex de Waal ist Sozialanthropologe und forscht seit den 1980er Jahren zum Horn von Afrika mit einem Forschungsschwerpunkt auf humanitären Krisen, Menschenrechten und vor allem Hunger, Hungerkrisen und ihrer Politisierung. Er ist Autor verschiedener wissenschaftlicher Studien und auch als humanitäre Praktiker in Forschung sowie Verhand-lung in zivilgesellschaftlichen Organisationen und multilateralen Institutionen wie der Afrikanischen Union aktiv. Vgl. Alex de Waal, Evil Days, S. 364.
- 40. War on Want verstärkte in den 1980er Jahren die politische Arbeit, indem sie vermehrt Berichte über Armut, Kriege und Menschenrechtsverstöße veröffentlichten. Zudem expandierte die NRO in dieser Zeit global. George Galloway ist in den 1980er Jahren vorgeworfen worden, Gelder der NRO für seine persönlichen Zwecke zu verwenden. Heute ist der ehemalige britische Parlamentsabgeordnete, Fernseh- und Radiomoderator eine umstrittene öffentliche Figur der politischen britischen Linken. Vgl. Thomson Prentice, Ethiopia Accused of Misusing Famine Aid, in: The Times, 03. Dezember 1984, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine and Forced Relocations, S. 20.
- 41. Vgl. David Blundy, Cover-Up in: The Sunday Times, Zeitung vom 3.11.1985, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine and Forced Relocations, S. 52, 54.
- 42. Vgl. Maria Cullen, NGOs as National Political Actors During the Cold War: A Comparison of Médecins Sans Frontières and Oxfam’s Humanitarian Programmes in the Global South, 1979–1988, Galway, University of Galway 2023 (unverö-ffentlichte Doktorarbeit), S. 224.
- 43. Rony Brauman in Anonym, Faut-il encore aider l’Éthiopie?, in: Reader’s Digest, Zeitung von Dezember 1986, in: Binet u.a. (Hrsg), Famine et Transferts Forcés, S. 111. „Je suis convaincu qu’il est moralement condamnable d’aider Mengistu et sa clique à poursuivre leurs atrocités. Pendant la famine, des millions de gens, à l’Ouest, ont répondu avec une rare générosité aux appels à l’aide. Certes, ils ont permis à beaucoup d’Ethiopiens de ne pas mourir de faim. Mais aujourd’hui, dans les provinces du Nord, la cause principale de mortalité n’est plus la famine mais le transfert de population.“
- 44. Vgl. Davey, Famine, aid, and ideology, S. 548 f.
- 45. Vgl. Falisse, Artsen Zonder Grenzen België, S. 44.
- 46. Vgl. Rapport médical de l’équipe de MSF à Korem, 14. Mai 1984, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés, S. 13.
- 47. MSF France öffnete im September zudem eine Kinderklinik in Kobo in der Nähe von Korem. Vgl. Interview mit Brigitte Vasset sowie Rapport médical de l’équipe de MSF à Korem, 8. August bis 8. September 1984, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et Transferts forcés, S. 15.
- 48. Siehe Brigitte Vasset in: Buerk, "Famine in Korem". Schriftliche Beispiele sind Jean-Paul Dufour, Mission impossible sur les plateaux d'Ethiopie, in: Libération, Zeitung vom 24.01.1985; Jacques de Barrin, Ethiopie: la famine du siècle. Un désastre qui a déjà fait des millions de victims, in: Le Monde, Zeitung vom 10.12.1984 in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés, S. 21 f., 32.
- 49. Vgl. Interview mit Brigitte Vasset, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et Transferts forcés, S. 17.
- 50. Jacques de Barrin, Éthiopie. La Distribution de l’aide aux victimes de la famine. Détournements, discriminations et fausses statistiques ..., in: Le Monde, 1985, URL: https://www.lemonde.fr/archives/article/1985/05/23/ethiopie-la-distribution-de-l-aide-aux-victimes-de-la-famine-detournements-discriminations-et-fausses-statistiques_3047551_1819218.html (letzter Zugriff 27.02.2026).
- 51. Vgl. Rapport moral 1984, Assemblée Générale 1985 MSF France, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés, S. 44.
- 52. Anonym, Neuf mois en Ethiopie avec Médecins Sans Frontières: une infirmière lilloise témoigne, in: La Voix du Nord (France), Zeitung vom 24.05.1985 in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés, S. 46 f: "En occident, on a beaucoup critiqué l’attitude du gouvernement éthiopien dans cette affaire où les méfaits de la guerre se mêlent à ceux de la fa-mine. On a même parlé de détournement de l’aide internationale. Joëlle Peckre n’a rien constaté de tel: « Je n’ai jamais vu un militaire emporter un sac de grain ». L’infirmière lilloise a également assisté aux départs forcés vers le sud, réputé plus fertile, de milliers de réfugiés. Un déplacement autoritaire, organisé manu militari, en général contre le gré des populations concernées mais dans lequel Joëlle Peckre voit un moindre mal, une solution d’urgence".
- 53. Vgl. Bertrand Desmoulins zu ‚Comrade‘ Shymalis, Telex, 7. Oktober 1985, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine and forced relo-cations, S. 53 f.
- 54. Vgl. Rony Brauman, Interview, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés, S. 58.
- 55. Bei diesem Treffen wurden die möglichen Auswirkungen öffentlicher Äußerungen, speziell eine Ausweisung, als schlimmer bewertet als die weitere Zusammenarbeit. Vgl. Compte-Rendu du conseil d'administration de MSF France, 24.03.1985, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés, S. 37.
- 56. Vgl. Pierre Haski, Éthiopie: MSF reconduit à la frontière, in: Libération vom 4. Dezember 1985, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés.
- 57. Brigitte Vasset, Interview, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et Transferts Forcés, S. 63: "Je pense que MSF a pris un énorme risque en parlant publiquement. On s’est mis à cracher dans la soupe[…] Tout le monde nous donnait de l’argent et nous on a dit: « ah non, ça ne se passe pas bien ». C’était un énorme risque institutionnel".
- 58. Vgl. Cullen, NGOs as National Political Actors During the Cold War, S. 68.
- 59. Vgl. Valérie Gorin, Advocacy Strategies of Western Humanitarian NGOs from the 1960s to the 1990s, in: Johannes Paulmann (Hrsg.), Humanitarianism & Media: 1900 to the Present, New German Historical Perspectives 9, New York/Oxford 2019, S. 210; Philippe Ryfman, L’humanitaire, Enfant de Mai?’, in: Philippe Artières / Michelle Zancarini-Fournel (Hrsg.), 68. Une Histoire Collective (1962–1981), Paris 2018, S. 744.
- 60. Vgl. Compte-rendu du conseil d'administration de MSF France, 28.10.1985, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés, S. 63.
- 61. Anonym, Une interview de Rony Brauman, président de Médecins Sans Frontières: „MSF quittera l’Éthiopie si …“, in: La Croix (France), Zeitung vom 1.11.1985, in: Binet u.a. (Hrsg.),. Famine et transferts forcés, S. 57: „MSF ne veut pas partir mais seulement travailler convenablement […]. Et chaque jour, on enregistre de nouveaux décès. Jusqu’à quand al-lons-nous rester les bras croisés sans rien faire face à ces morts d’enfants ? Cela ne peut continuer ainsi! Des enfants qui meurent, c’est quand même quelque chose de très concret, non?“
- 62. Vgl. Brief von Rony Brauman an M. Berhanu Deressa, 20. 11.1985, in: Binet u.a. (Hrsg.): Famine and forced relocations, S. 71 f.; Brief von Rony Brauman an: Michael Priestley, 21.11.1985, in: Binet u.a. (Hrsg.): Famine et transferts forcés, S. 75.
- 63. Vgl. MSF France Team Sekota, Bericht vom 26. November 1985, in: Binet et al, Famine et transferts forcés, S. 78.
- 64. Ebd.
- 65. Brief der RRC an Bertrand Desmoulins, Koordinator MSF France, 2.12.1985, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine and Forced Relocations, S. 78: „1. The RRC has accepted your organization’s repeated offer to withdraw its operation in Ethiopia and, therefore, has decided to discontinue the services of Médecins Sans Frontières – France as of 2 December 1985. 2. The Commission has accordingly instructed its Relief Department and Health Division to take over forthwith your on-going programme at relief shelters in Kobo, Korem, Kelala and Sekota districts of Wollo Administrative Region”. Siehe für die Treffen Compte-rendu du conseil d’administration de MSF France, 25. November 1985, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et Transferts forcés, S. 73.
- 66. Vgl. Compte-rendu du conseil d’administration de MSF France, 25. November 1985, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et Transferts forcés, S. 79.
- 67. Siehe zum Beispiel: Anonym, Ethiopie: un 'Médecin Sans Frontières' accuse. Interview von Yves Thibord; Christiane Chombeau, Le retour d'Ethiopie de Médecins Sans Frontières, Des témoignages accablants sur les transferts forcés de population in: Le Monde, Zeitung vom 10.12.1985, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés, S. 86 f. Endgültig setzten sich auch das Europäische Parlament und die USA für ein Aussetzen und eine Prüfung der Umsiedlungen ein. Vgl. Clyde H. Farnsworth, US Calls Resettlement In Ethiopia a “Tragedy”, in: The New York Times, Zeitung vom 26.12.1985 in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine and forced relocations, S. 95 f. Siehe auch AFP, Ethiopie: le Parlement européen critique la politique de déportation, Meldung vom 12.12.1985, in: Binet u.a. (Hrsg.): Famine et transferts forcés, S. 95 f.
- 68. Vgl. Binet u.a. (Hrsg.), Famine et transferts forcés, S. 85–102.
- 69. Tiers-mondisme bezeichnet die politische Auffassung, durch ein Ende der Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt (vor allem durch lokale sozialistische Regime und Politik) würde der Kapitalismus generell beendet, eine Haltung vor allem der französischen Linken aus den 1950er/60er-Jahren. Im Vergleich dazu stand die Sans-Frontières Bewegung ab Mitte der 1960er-Jahre, die sich auf die grenzüberschreitende Solidarität (durch humanitäre Einsätze) bezieht. Siehe für eine Einordnung Davey, French adventures in solidarity. Siehe für die intellektuelle Debatte um LSF Davey, Idealism beyond Borders. Siehe für die internen Debatten um LSF im MSF Gebilde Laurence Binet / Martin Saulnier (Hrsg.), Médecins Sans Frontières, Evolution of an International Movement: Associative History 1971–2011, Genf 2019.
- 70. Vgl. Binet / Saulnier (Hrsg.), Médecins Sans Frontières, Evolution of an International Movement, S. 237–244. Siehe für die belgische Sektion insbesondere Falisse, Artsen Zonder Grenzen; Jean-Benoît Falisse, Entrepreneurs Humanitaires. Médecins sans Frontières Belgique, Genèse d’une ONG Atypique, 1980–1987, in: Cahiers d’Histoire Du Temps Présent (New Journal of Belgian History), 21 (2009), S. 11–54; Jean-Benoît Falisse, Médecins Sans Frontières Belgique (1980–1987): genèse d’une ONG, Louvain-la-Neuve, Université Catholique de Louvain 2006 (unveröffentlichte Masterarbeit).
- 71. Vgl. Jean-Benoît Falisse, Médecins Sans Frontières, S. 140–146.
- 72. Vgl. Falisse, Médecins Sans Frontières Belgique, vor allem S. 191–195. Siehe zum Beispiel auch Georges Dallemagne, Interview, in: Binet u.a. (Hrsg.), Famine et Transferts Forcés, S. 89. Ein weiterer Grund für diese andere Entscheidung lag in der Natur der belgischen Einsätze: diese hätten nur schwer von anderen Akteuren übernommen werden können, da sie größtenteils im Rebellengebiet lagen. Für MSF Belgium dominierte damit der Primat der humanitären Aktion in der Selbsterzählung über dem der öffentlichen politischen Kritik. Vgl. Falisse, Médecins Sans Frontières Belgique, S. 151 f.
- 73. Vgl. Thomas Pollard / Jamal Ousman, The Greatest Show on Earth, in: BBC/CNN vom 13.07.2025, URL: https://www.bbc.co.uk/iplayer/episode/m002fp3r/live-aid-at-40-when-rock-n-roll-took-on-the-world-series-1-episode-1 (letzter Zugriff: 05.08.2025).
