Die Grenzschlacht im Südabschnitt der Ostfront, 22. Juni bis 2. Juli 1941
Roman Töppel
Aufsatz
Veröffentlicht am: 
21. Juni 2021 - 1:00

Einleitung

Am 16. Juni 1941, sechs Tage vor dem Beginn der Operation „Barbarossa“, notierte Propagandaminister Joseph Goebbels über den bevorstehenden Feldzug gegen die Sowjetunion: „Der Führer schätzt die Aktion auf etwa 4 Monate, ich schätze viel weniger. Der Bolschewismus wird wie ein Kartenhaus zusammenbrechen.“1

Der Chef des Generalstabs des Heeres, Generaloberst Franz Halder, glaubte, dass das wichtigste strategische Ziel des Feldzugs die sowjetische Hauptstadt sei; würde Moskau fallen, so kollabiere auch die sowjetische Widerstandskraft.2 Daher legte er mit Hitlers Einverständnis den Schwerpunkt der Operation „Barbarossa“ auf den mittleren Frontabschnitt.

Das war eine kuriose Entscheidung, denn 129 Jahre zuvor war Napoleon Bonaparte ebenfalls davon ausgegangen, die Eroberung Moskaus würde seinen Russlandfeldzug siegreich beenden. Zwar war die sowjetische Hauptstadt mit ihren 4,2 Millionen Einwohnern nicht nur die größte Metropole der Sowjetunion, sondern auch eines der wichtigsten Kultur-, Wirtschafts- und Verkehrszentren des riesigen und zentralistisch regierten Landes. Gleichwohl wusste jeder Generalstabsoffizier, dass Napoleons Entscheidung, alles auf die Eroberung Moskaus zu setzen, eine verhängnisvolle Fehlkalkulation gewesen war. Zudem hatte die Militärgeographische Abteilung des Generalstabs des Heeres schon am 10. August 1940 betont, der wertvollste Teil der Sowjetunion sei die Ukraine, und zwar aufgrund ihres industriellen und landwirtschaftlichen Reichtums.3 Und schließlich hatte die Rote Armee in der Ukraine auch ihre stärksten militärischen Kräfte versammelt: Der Kiewer Sondermilitärbezirk war nicht nur materiell besser ausgestattet als alle anderen Militärbezirke der Sowjetunion, sondern galt auch als Elite-Kaderschmiede der Roten Armee.4

Fatale Unterschätzung

Die Deutschen rechneten sogar damit, dass die Sowjets in der Ukraine ihre stärksten Kräfte konzentriert hatten.5 Doch sie glaubten, die Verbände der eigenen Heeresgruppe Süd (Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt) wären stark genug, um rasch mit dem Gegner fertig zu werden. Etwa 1 Million Soldaten der Wehrmacht standen im Südabschnitt der Ostfront für den Angriff auf die Sowjetunion bereit. Sie verfügten über 12.260 Geschütze und Granatwerfer sowie 960 Panzer und Selbstfahrlafetten.6 Als Speerspitze des Angriffs waren die fünf Panzerdivisionen der Panzergruppe 1 (Generaloberst Ewald von Kleist) vorgesehen.

Die Abteilung Fremde Heere Ost des Generalstabs des Heeres schätzte, dass die Rote Armee im Kiewer Sondermilitärbezirk drei Panzerdivisionen zur Verfügung habe. Allerdings wurde vom Angriff der Heeresgruppe Süd ein weiterer Militärbezirk erfasst, und zwar der südlichste aller grenznahen Militärbezirke: der Militärbezirk von Odessa. Für beide zusammen rechnete die Abteilung Fremde Heere Ost mit insgesamt 56 gegnerischen Schützen- und elf Kavalleriedivisionen.7 Diese Schätzung lag sogar deutlich über den tatsächlichen Zahlen. In Wirklichkeit hatte die Rote Armee in den Militärbezirken von Kiew und Odessa nur 45 Schützen- und Gebirgs-Schützendivisionen sowie fünf Kavalleriedivisionen versammelt. Mit insgesamt etwa 1,25 Millionen Rotarmisten in den südlichen Grenz-Militärbezirken hatten die Sowjets im Vergleich zur Heeresgruppe Süd nur eine relativ geringe personelle Überlegenheit.8

Den 12.260 Geschützen und Granatwerfern der Heeresgruppe Süd standen allerdings auf sowjetischer Seite 23.575 gegenüber, also fast doppelt so viele.9 Noch weitaus ungünstiger für die Wehrmacht sah das Verhältnis bei den Panzerkräften aus. Statt der fünf Panzerdivisionen, mit denen die Abteilung Fremde Heere Ost rechnete, verfügte die Rote Armee allein im Kiewer Sondermilitärbezirk über 16 Panzerdivisionen. Vier weitere waren im Militärbezirk von Odessa stationiert.10 Einschließlich der Reserven, welche die sowjetische Führung noch bei Kiew disloziert hatte, traten den 960 Panzern und Selbstfahrlafetten der Heeresgruppe Süd 7.546 sowjetische Panzer entgegen.11

Doch nicht nur die fast achtfache zahlenmäßige Überlegenheit der sowjetischen Panzerkräfte stellte eine böse Überraschung für die Deutschen dar. Die Soldaten der Wehrmacht ahnten nicht, dass die Rote Armee mittlerweile über Panzertypen verfügte, die allen deutschen Kampfwagen hinsichtlich Feuerkraft, Panzerschutz und Beweglichkeit überlegen waren.12 Der deutschen Feindaufklärung war die Einführung des mittleren Panzers T-34 und der schweren Modelle KW-1 und KW-2 verborgen geblieben.13 Dabei verfügten allein die Panzerverbände des Kiewer Sondermilitärbezirks insgesamt über 774 T-34 und KW.14

Darüber hinaus befanden sich im Angriffsabschnitt der Heeresgruppe Süd Teile der sogenannten Molotow-Linie, die hier bereits relativ gut ausgebaut waren.15 Dieses sowjetische Gegenstück zur berühmten französischen Maginot-Linie sollte die neue sowjetische Westgrenze sichern. Allerdings war sie im Juni 1941 noch nicht fertiggestellt und erst teilweise einsatzbereit.16 Dennoch waren die Deutschen nach dem Überschreiten der Grenze überrascht, wie gut die sowjetischen Bunkeranlagen konstruiert – und wie schwer sie zu bekämpfen waren.17

Abwarten am Pruth

Rundstedts Heeresgruppe Süd hatte den Auftrag, so rasch wie möglich zum Dnjepr vorzudringen. Den Hauptstoß führte die Panzergruppe Kleist, und zwar über Shitomir18 in Richtung Kiew. Ihr folgte im selben Angriffsstreifen die 6. Armee, um sie zu decken. Sobald Kleists Panzer den Raum von Kiew erreicht hatten, sollten sie entlang des Dnjepr nach Südosten vordringen und die sowjetischen Armeen, die sich aus Galizien und der Westukraine zurückzogen, westlich des Flusses abschneiden. Zur gleichen Zeit hatten südlich der Panzergruppe Kleist die 17. und die 11. Armee ins Donezbecken vorzustoßen, um die sowjetischen Kräfte frontal zu binden und am raschen Rückzug zum Dnjepr zu hindern. Starken Widerstand erwarteten die Deutschen erst am Dnjepr, vor allem im Raum Kiew.19

Erstes Ziel des Angriffs war es, die Grenzstellungen der Roten Armee zu durchbrechen und der Panzergruppe Kleist die operative Bewegungsfreiheit zu erkämpfen. Diese Aufgabe fiel zunächst deren Infanteriedivisionen sowie der 6. und 17. Armee zu. Die 11. Armee, die von Rumänien aus in die Ukraine vordringen sollte, hatte hingegen vorerst nur einen defensiven Auftrag: Rumänien war aufgrund seiner Ölquellen für die deutsche Kriegswirtschaft äußerst wichtig. Das wussten natürlich auch die Sowjets. Daher schloss die Abteilung Fremde Heere Ost nicht aus, dass die Rote Armee am Unterlauf des Pruth zu örtlichen Gegenoffensiven antreten würde.20 Um gegen eine solche gewappnet zu sein und gleichzeitig die sowjetischen Kräfte am Pruth zu binden, sollte die 11. Armee erst zur Offensive antreten, wenn die Kräfte des Militärbezirks von Odessa den Rückzug zum Dnjepr antraten.

Gleiches galt auch für die rumänischen Streitkräfte. Rumänien hatte am Vorabend der Operation „Barbarossa“ insgesamt etwa 686.000 Soldaten mobilisiert. Fast 326.000 davon standen bereit, um am Feldzug gegen die Sowjetunion teilzunehmen.21 Damit stellte Rumänien von allen Verbündeten des Deutschen Reiches die meisten Truppen zur Verfügung.22 General Ion Antonescu, der rumänische Staatsführer, bestand darauf, „dass alle rumänischen Truppen ohne irgendwelche Rücksichtnahme unter deutschem Befehl einzusetzen seien. Unfähige Führer müssten entfernt werden. Im Besonderen bat er um Einsatz der rumänischen Panzerdivision zum Angriff.“23

An der Grenzschlacht waren die rumänischen Truppen jedoch nur am Rande beteiligt. Ihre Aktivität beschränkte sich bis Anfang Juli im Wesentlichen darauf, zusammen mit Verbänden der deutschen 11. Armee Brückenköpfe über den Pruth zu bilden und gegen sowjetische Gegenangriffe zu verteidigen.24

Verhängnisvolle Verzögerung

Aufgrund der schlecht ausgebauten Infrastruktur der Sowjetunion gab es nur wenige Straßen, auf denen ein rascher Vormarsch starker gepanzerter und motorisierter Kräfte nach Osten möglich war. Für den Vorstoß der Panzergruppe Kleist hatte das Oberkommando der Heeresgruppe Süd drei sogenannte Panzerstraßen vorgesehen. Nach dem taktischen Durchbruch durch die sowjetischen Grenzstellungen sollte jedem der drei motorisierten Armeekorps der Panzergruppe Kleist eine dieser Panzerstraßen für den ungehinderten Vormarsch zur Verfügung stehen.25

Die Panzerstraße Nord verlief von Wladimir-Wolynski, via Luzk, Rowno und Shitomir, nach Kiew. Auf ihr sollte das III. motorisierte Armeekorps vorstoßen. Die Panzerstraße Mitte begann bei Sokal und führte über Dubno, Ostrog und Berditschew nach Belaja Zerkow. Sie war für den Vormarsch des XXXXVIII. motorisierten Armeekorps bestimmt. Die Panzerstraße Süd, die für das XIV. motorisierte Armeekorps vorgesehen war, nahm bei Rawa-Russkaja ihren Anfang und verlief über Tarnopol nach Proskurow. Der operative Erfolg der Heeresgruppe Süd hing wesentlich davon ab, dass es gelang, die drei Panzerstraßen so rasch wie möglich freizukämpfen, denn auf ihnen sollten die Panzerdivisionen die überholende Verfolgung des Gegners einleiten.

Am frühen Morgen des 22. Juni 1941 sah es zunächst so aus, als würde alles nach Plan laufen. Zwar leisteten die Rotarmisten in den Bunkern der Molotow-Linie erbitterten Widerstand und fügten einigen der deutschen Infanteriedivisionen relativ hohe Verluste zu,26 aber insgesamt war die Gegenwehr zunächst geringer als erwartet. Drei Stunden nach Beginn des Angriffs urteilte das Oberkommando der 6. Armee: „Gesamtbild der Lage scheint doch eine Überraschung des Feindes zu ergeben.“27

In dem Glauben, der taktische Durchbruch durch die Grenzstellungen sei bereits gelungen, befahl die Panzergruppe Kleist noch am Vormittag, die Panzerdivisionen des III. und XXXXVIII. motorisierten Armeekorps zum operativen Vorstoß auf den Panzerstraßen Mitte und Nord anzusetzen.28 Am Nachmittag wurde der sowjetische Widerstand westlich von Wladimir-Wolynski an der Panzerstraße Nord jedoch härter und die Infanteriedivisionen des III. motorisierten Armeekorps kamen nicht mehr voran.29 Außerdem traten sowjetische Schützen- und Panzereinheiten zum Gegenangriff an und brachten die deutsche 298. Infanterie-Division in Bedrängnis.30 Die Panzerkräfte des III. motorisierten Armeekorps mussten daher von ihrem operativen Vorstoß nach Osten absehen und zunächst in die Abwehrkämpfe bei Wladimir-Wolynski eingreifen.31

Krise bei Rawa-Russkaja

Ähnlich wie im Abschnitt der Panzergruppe Kleist und der 6. Armee schien die Rote Armee am Morgen des 22. Juni 1941 auch westlich und nordwestlich von Lemberg vom Angriff der Wehrmacht völlig überrascht. Die Verbände der deutschen 17. Armee trafen zunächst kaum auf Widerstand.32 Daher hofften die Führungsstäbe, dass es bereits am Nachmittag desselben Tages möglich sein würde, die Panzer des XIV. motorisierten Armeekorps, das zur Panzergruppe Kleist gehörte, zum operativen Vorstoß einzusetzen.33

Der Schwerpunkt der Offensive der 17. Armee lag beim IV. Armeekorps. Dieses hatte den Auftrag, die Stadt Rawa-Russkaja zu erobern, die etwa 50 Kilometer nordwestlich von Lemberg liegt. Durch die Eroberung von Rawa-Russkaja, eines wichtigen Eckpfeilers der sowjetischen Verteidigung, sollte das IV. Armeekorps zugleich die Panzerstraße Süd für den Vorstoß des XIV. motorisierten Armeekorps öffnen.

Einige Stunden nach Angriffsbeginn hatten die sowjetischen Verteidiger den Schock des deutschen Überfalls allerdings überwunden. Das Kriegstagebuch der 262. Infanterie-Division, die entlang der Panzerstraße Süd auf Rawa-Russkaja vordrang, vermerkte: „Der Feind hat sich an allen bisher von der Division erreichten Punkten gesetzt und leistet erbitterten Widerstand.“34

Am Nachmittag traten sowjetische Verbände nordwestlich von Rawa-Russkaja mit Panzerunterstützung zum Gegenstoß an und durchbrachen die Linien der 262. Infanterie-Division. Die deutschen Soldaten gerieten in Panik und wichen nach Norden zurück. Dadurch entstand eine breite Lücke zwischen der 262. und der benachbarten 24. Infanterie-Division, in die umgehend eine bislang in Reserve gehaltene Division eingeschoben werden musste.35 Zwar nutzte die Rote Armee diesen taktischen Erfolg nicht weiter aus, aber dem IV. Armeekorps gelang es an diesem Tag weder, Rawa-Russkaja einzunehmen, noch die Panzerstraße Süd zu öffnen.

Panzerschlacht bei Dubno

Bereits am Morgen des 23. Juni war klar, dass der erhoffte operative Ansatz der Heeresgruppe Süd gescheitert war. Es war nicht gelungen, die sowjetischen Grenzstellungen rasch zu durchbrechen und die Panzer zur Verfolgung des weichenden Gegners einzusetzen, bevor die Rote Armee ihre Kräfte in Grenznähe zu Gegenstößen konzentrieren konnte. Das Kriegstagebuch der 6. Armee hielt über ein Telefongespräch zwischen dem Armee-Oberbefehlshaber Generalfeldmarschall Walter von Reichenau und dem Chef des Generalstabs der Heeresgruppe Süd fest: „Der Feind stellt sich und wehrt sich überall mit Angriffen. Es muss daher jetzt zuerst die Grenzschlacht durchgefochten werden in der auch, wenn nötig, Panzerverbände eingesetzt werden müssen.“36

Am selben Tag trafen zum ersten Mal größere deutsche und sowjetische Panzertruppenteile aufeinander. Bei Radechow, einem Verkehrsknotenpunkt etwa 30 Kilometer östlich der deutsch-sowjetischen Grenze, traten Teile der sowjetischen 10. Panzer-Division zum Gegenangriff an und stießen auf die Angriffsspitze der deutschen 11. Panzer-Division (XXXXVIII. motorisiertes Armeekorps).37 Unter den sowjetischen Panzern befanden sich etliche T-34, gegen die die deutschen Panzer wenig ausrichten konnten. Die Angriffsspitze der 11. Panzer-Division wurde allerdings von einer Flak-Einheit mit 8,8-cm-Geschützen begleitet. Daher konnten die Deutschen alle sowjetischen Gegenangriffe abwehren und im Laufe des Tages 46 sowjetische Panzer abschießen.38

Noch während die Panzergefechte bei Radechow im Gange waren, stießen Teile der 11. Panzer-Division weiter nach Osten vor und erreichten Berestetschko, etwa 30 Kilometer ostwärts von Radechow. Damit standen die deutschen Angriffsspitzen am zweiten Angriffstag auf der Panzerstraße Mitte rund 60 Kilometer tief im gegnerischen Territorium. Das Oberkommando der Heeresgruppe Süd hoffte deshalb, der rasche Vorstoß bis zum Dnjepr würde doch noch gelingen.

Der sowjetische Gegenangriff bei Radechow war jedoch nur der Auftakt zu einer gewaltigen Panzerschlacht, die in den folgenden Tagen im „blutigen Dreieck“ (Victor Kamenir) der Städte Luzk, Rowno und Brody tobte. Die heftigsten Gefechte fanden bei Dubno statt, daher bezeichneten die Deutschen die Panzerkämpfe als Panzerschlacht bei Dubno. Sie war zwar nicht die größte Panzerschlacht des Zweiten Weltkriegs, wie einige Autoren behauptet haben,39 aber von der Zahl der eingesetzten Panzer gab es in der Tat nur wenige Schlachten, die sich mit Dubno messen konnten. Während auf deutscher Seite 808 Panzer und Selbstfahrlafetten eingesetzt wurden, standen der Roten Armee 3.298 Panzer zur Verfügung.40

Obwohl viele der sowjetischen Kampfwagen aufgrund technischer Mängel ausfielen und das Schlachtfeld gar nicht erst erreichten, und obwohl sich die Deutschen in den Kämpfen taktisch weit überlegen zeigten und bei weniger als 100 eigenen Panzerverlusten etwa 2.000 sowjetische Panzer zerstören konnten,41 verbuchten die Sowjets einen wichtigen Erfolg: Der deutsche Vormarsch an den Panzerstraßen Mitte und Nord blieb tagelang blockiert. Als die mechanisierten Korps der Roten Armee am 2. Juli ihre letzten Gegenangriffe bei Dubno abbrachen und sich befehlsgemäß nach Osten zurückzogen, hatte die Panzergruppe Kleist noch immer keine operative Bewegungsfreiheit erlangt.

Kein Kessel bei Lemberg

Die sowjetischen Gegenangriffe bei Dubno konnten den deutschen Vormarsch auch deshalb so lange verzögern, weil die Panzergruppe Kleist und die 6. Armee mit einer offenen Südflanke vorstoßen mussten. Das IV. Armeekorps der 17. Armee, der rechte Nachbar von Reichenaus Verbänden, lag noch tagelang vor Rawa-Russkaja fest. Bei den anderen Korps sah es zunächst günstiger aus. Das Kriegstagebuch der 17. Armee vermerkte am 24. Juni: „Angriff der Armee schreitet auf ganzer Front mit Ausnahme des äußersten linken Flügels trotz außerordentlich zäher Verteidigung und starker Gegenangriffe fort. Auch beim Gegner wird heldenmütig und mit Hingabe gekämpft.“42

Noch am selben Tag erhielten die sowjetischen Verteidiger westlich von Lemberg Verstärkung durch Teile des 4. mechanisierten Korps.43 Es wurde von Generalmajor Andrei Wlassow kommandiert, der später berühmt wurde, weil er in deutscher Gefangenschaft die sogenannte Russische Befreiungsarmee aufstellte. Am 25. Juni 1941 führte Wlassows Korps jedoch heftige Angriffe gegen die deutsche 17. Armee durch und brachte deren Vormarsch nun auch südlich von Rawa-Russkaja zum Stehen. Die 68. Infanterie-Division war nach den starken Gegenangriffen am 25. Juni sogar so erschöpft, dass sie aus dem Kampf genommen werden musste.44

Am 26. Juni führten die sowjetischen Kräfte westlich von Lemberg weitere Gegenangriffe durch und machten keine Anstalten, sich zurückzuziehen. Das Oberkommando der Heeresgruppe Süd hoffte daher, es könne gelingen, die sowjetischen Truppen im Raum Lemberg einzuschließen. Mit Einverständnis des Oberkommandos des Heeres erging am selben Tag der Befehl, Teile der Panzergruppe Kleist zur Umfassung nach Südosten in Richtung Tarnopol–Proskurow einzudrehen.45 Im Zusammenwirken mit der 11. Armee, die von Rumänien aus nach Norden anzugreifen hatte, sollten Kleists Panzerverbände die sowjetischen Armeen in Galizien einkesseln.

Doch schon am nächsten Tag machte die Rote Armee den Deutschen einen Strich durch die Rechnung, indem sie mit dem Rückzug ihrer Verbände aus dem Raum Lemberg begann. Frustriert musste das Oberkommando des Heeres registrieren, dass dieser Rückzug aus seiner Sicht zwei bis drei Tage zu früh erfolgte.46 Denn die 11. Armee konnte frühestens am 2. Juli zur Offensive antreten, und die Panzergruppe Kleist war bis dahin noch bei Dubno gebunden.

Ausblick

Erst fünf Wochen später gelang es der Heeresgruppe Süd, bei Uman namhafte sowjetische Kräfte abzuschneiden. Bis die dortige Kesselschlacht endgültig beendet war, vergingen jedoch weitere zehn Tage.47 Zu dieser Zeit begann sich bereits abzuzeichnen, dass das strategische Pendel in Kürze zuungunsten des Deutschen Reiches zurückschwingen würde.

Anders als Goebbels geglaubt hatte, war der „Bolschewismus“ nicht wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Auch Hitlers Hoffnung, die Sowjetunion niederzuwerfen, bevor die USA ihr Kriegspotenzial in die Waagschale werfen könnten, erfüllte sich nicht. Während die Kräfte des deutschen Ostheeres dahinschmolzen und die Ausfälle nicht mehr ersetzt werden konnten, gelang es der Sowjetunion, ab September 1941 gewaltige Mengen von Menschen und Kriegsmaterial zu mobilisieren.48

Wahrscheinlich wusste Hitler, dass seine einzige Chance, den Krieg militärisch zu gewinnen, darin bestand, die Sowjetunion so rasch und entscheidend niederzuwerfen, wie es die Planung für die Operation „Barbarossa“ vorsah. Zumindest hätte die Wehrmacht bereits 1941 die Ölquellen im Kaukasus erobern müssen, um den Krieg auf längere Sicht erfolgreich weiterführen zu können.49 Dass sie dies nicht schaffte und der Plan für den Feldzug gegen die Sowjetunion spätestens im Herbst 1941 gescheitert war, lag nicht zuletzt an dem verbissenen Widerstand, den die Rote Armee in der Grenzschlacht im Südabschnitt der Ostfront geleistet hatte.

 

Zitierempfehlung: Roman Töppel, „Auch beim Gegner wird heldenmütig und mit Hingabe gekämpft.“ Die Grenzschlacht im Südabschnitt der Ostfront, 22. Juni bis 2. Juli 1941, in: Portal Militärgeschichte, 21. Juni 2021, URL: https://portal-militaergeschichte.de/toeppel_grenzschlacht, DOI: https://doi.org/10.15500/akm.21.06.2021 (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu).

  • 1. Joseph Goebbels, Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Hrsg. von Elke Fröhlich, Teil I: Aufzeichnungen 1923-1941, Bd. 9: Dezember 1940-Juli 1941, München 1998, S. 377.
  • 2. Ernst Klink, Die militärische Konzeption des Krieges gegen die Sowjetunion, Teil 1: Die Landkriegführung. In: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Bd. 4: Der Angriff auf die Sowjetunion, 2. Aufl., Stuttgart 1983, S. 190-277, hier S. 219.
  • 3. Ebd., S. 220.
  • 4. Aleksei V. Isaev, Dubno 1941. The Greatest Tank Battle of the Second World War, Solihull 2017, S. 29.
  • 5. Klink, Die militärische Konzeption, S. 275.
  • 6. Nigel Askey, Operation Barbarossa: the Complete Organisational and Statistical Analysis, and Military Simulation. Bde. I-IIIA, Morrisville (NC) 2013-2016, Bd. IIIB, o.O. 2020, hier Bd. IIB, S. 74-77 u. 79.
  • 7. Klink, Die militärische Konzeption, S. 275.
  • 8. Askey, Operation Barbarossa, Bd. IIIA, S. 603-667.
  • 9. Ebd., S. 646 u. 667.
  • 10. Ebd., S. 474-477.
  • 11. Ebd., Bd. IIB, S. 79.
  • 12. Zur Reaktion der deutschen Soldaten auf die neuen sowjetischen Kampfwagen siehe Rudolf Steiger, Panzertaktik im Spiegel deutscher Kriegstagebücher 1939 bis 1941, Freiburg im Breisgau 1973, S. 103-113.
  • 13. Die technische Unzuverlässigkeit sowie Konstruktionsmängel der frühen T-34- und KW-Modelle schränkte deren Kampfwert gleichwohl erheblich ein. Siehe Robert Michulec/Mirosław Zientarzewski, T-34. Mythical Weapon, Missisauga (ON) 2007, S. 5 u. 126-146; Boris Kavalerchik, Once again about the T-34. In: The Journal of Slavic Military Studies 28 (2015), Bd. 1, S. 186-214; ders., The Tanks of Operation Barbarossa. Soviet versus German Armour on the Eastern Front, Barnsley 2018, S. 106-215.
  • 14. Askey, Operation Barbarossa, Bd. IIB, S. 79.
  • 15. Isaev, Dubno 1941, S. 40.
  • 16. Neil Short, The Stalin and Molotov Lines. Soviet Western Defences 1928-41, Oxford/New York 2008, S. 12-15.
  • 17. General der Pioniere beim Oberkommando der Heeresgruppe Süd, Anlagen zum Tätigkeitsbericht, 22.06.-22.07.1941, National Archives and Records Administration, Archives II, College Park (MD), USA (im Folgenden: NARA), T-311, R. 262, F. 357-361; Ewald Klapdor, Der Ostfeldzug 1941: eine vorprogrammierte Niederlage? Die Panzergruppe 1 zwischen Bug und Don, Siek 1989, S. 229f.
  • 18. Der Verfasser benutzt hier aus Gründen der historischen Korrektheit für alle Orte der damaligen UdSSR die Dudentranskription der im Sommer 1941 gültigen Schreibweise.
  • 19. Ernst Klink, Der Krieg gegen die Sowjetunion bis zur Jahreswende 1941/42, Teil I/1: Die Operationsführung/Heer und Kriegsmarine. In: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Bd. 4: Der Angriff auf die Sowjetunion, 2. Aufl., Stuttgart 1983, S. 451-652, hier S. 471.
  • 20. Ders., Die militärische Konzeption, S. 273.
  • 21. Mark Axworthy, Third Axis, Fourth Ally. Romanian Armed Forces in the European War, 1941-1945, London 1995, S. 45; Rolf-Dieter Müller, An der Seite der Wehrmacht. Hitlers ausländische Helfer beim „Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ 1941-1945, Berlin 2007, S. 59.
  • 22. Zum Anteil der anderen Staaten, die auf deutscher Seite an der Operation „Barbarossa“ teilnahmen, siehe beispielsweise David Stahel (Hrsg.), Joining Hitler’s Crusade. European Nations and the Invasion of the Soviet Union, 1941, Cambridge 2018, S. 12 u. 17-189.
  • 23. Armee-Oberkommando 11, Kriegstagebuch, Abteilung Ia, 15.05.1941-31.03.1942, NARA, T-312, R. 355, F. 7929108 (Eintrag vom 25.06.1941).
  • 24. Ebd., F. 7929103-792910323.
  • 25. Eine Karte mit den eingezeichneten Panzerstraßen findet sich in Generalkommando XXXXVIII. Panzerkorps, Anlagen zum Kriegstagebuch, Abteilung Ia, 22.06.-30.06.1941, NARA, T-314, R. 1138, F. 654f.
  • 26. Ebd., F. 779.
  • 27. Armee-Oberkommando 6, Kriegstagebuch Nr. 6, Abteilung Ia, 14.02.-11.07.1941, Zweitschrift, NARA, T-312, R. 1455, F. 443.
  • 28. Panzerarmee-Oberkommando 1 (bis 05.10. Pz.Gr. 1), Kriegstagebuch Nr. 6, Teil II, Feldzug in Russland, 22.06.-31.10.1941, NARA, T-313, R. 3, F. 7226385; Isaev, Dubno 1941, S. 53; Klapdor, Der Ostfeldzug 1941, S. 231f.
  • 29. 44. Infanterie-Division, Kriegstagebuch Nr. 7, Abteilung Ia, 22.06.-31.12.1941, NARA, T-315, R. 911, F. 1112f.; 298. Infanterie-Division, Kriegstagebuch Nr. 4, Abteilung Ia, 15.05.-29.08.1941, NARA, T-315, R. 1984, F. 888-890; Craig W. H. Luther, The First Day on the Eastern Front. Germany Invades the Soviet Union, June 22, 1941, Guilford (CT) 2019, S. 276.
  • 30. Victor J. Kamenir, The Bloody Triangle. The Defeat of Soviet Armour in the Ukraine, June 1941, Minneapolis 2008, S. 79; Isaev, Dubno 1941, S. 52.
  • 31. Heeresgruppe Süd, Kriegstagebuch, Teil II, Bd. 1: 22.06.-15.07.1941, NARA, T-311, R. 260, F. 340-342; Generalkommando III. Armeekorps (mot), Kriegstagebuch Nr. 6, Abteilung Ia, 22.06.-23.07.1941, NARA, T-314, R. 182, F. 898; 14. Panzer-Division, Kriegstagebuch Nr. 2, Abteilung Ia, 01.05.-15.12.1941, NARA, T-315, R. 656, F. 19.
  • 32. Armee-Oberkommando 17, Kriegstagebuch Nr. 1, 15.05.-12.12.1941, NARA, T-312, R. 668, F. 8301921-8301923.
  • 33. Generalkommando IV. Armeekorps, Kriegstagebuch Nr. 10, 22.06.-18.07.1941, NARA, T-314, R. 223, F. 979-981.
  • 34. 262. Infanterie-Division, Kriegstagebuch Nr. 2, Abteilung Ia, 15.05.-27.12.1941, NARA, T-315, R. 1828, F. 25.
  • 35. Generalkommando IV. Armeekorps, Kriegstagebuch Nr. 10, 22.06.-18.07.1941, NARA, T-314, R. 223, F. 985-993; Luther, The First Day, S. 256.
  • 36. Armee-Oberkommando 6, Kriegstagebuch Nr. 6, Abteilung Ia, 14.02.-11.07.1941, Zweitschrift, NARA, T-312, R. 1455, F. 469.
  • 37. 11. Panzer-Division, Entwurf zum Kriegstagebuch, Abteilung Ia, 01.05.-21.10.1941, NARA, T-315, R. 2320, F. 15f.; Kamenir, The Bloody Triangle, S. 139 u. 144; Isaev, Dubno 1941, S. 81.
  • 38. Hans-Joachim von Hopffgarten/Edel-Heinrich Lingenthal, 11th Panzer Division Operations. In: David M. Glantz (Hrsg.), The Initial Period of War on the Eastern Front: 22 June-August 1941. Proceedings of the Fourth Art of War Symposium, Garmisch, FRG, October 1987, London/Portland (OR) 1993, S. 318-338, hier S. 337; Robert A. Forczyk, Tank Warfare on the Eastern Front, 1941-1942. Schwerpunkt, Barnsley 2014, S. 56; Albert H. Ganz, Ghost Division. The 11th „Gespenster“ Panzer Division and the German Armored Force in World War II, Mechanicsburg (PA) 2016, S. 65.
  • 39. Siehe dazu die kritischen Bemerkungen in Roman Töppel, Kursk 1943. The Greatest Battle of the Second World War, Warwick 2018, S. 179f. (Dieses zusätzliche Kapitel findet sich nur in der englischen Ausgabe der genannten Monografie.)
  • 40. Diese Zahlen beruhen auf einer Zusammenstellung des Verfassers aus den Kriegstagebüchern der beteiligten deutschen Verbände sowie aus Thomas L. Jentz (Hrsg.), Panzertruppen. The Complete Guide to the Creation & Combat Employment of Germany’s Tank Force, Bd. 1, Atglen (PA) 1996, S. 206; Askey, Operation Barbarossa, Bd. IIA, S. 386-412, 458-60, 468, 542 u. 549; Isaev, Dubno 1941, S. 35-37.
  • 41. Bis zum 05.07.1941 verlor die Panzergruppe Kleist insgesamt 85 Panzerkampfwagen als Totalverluste. Hinzu kamen noch fünf bis acht Panzerbefehlswagen sowie möglicherweise noch einzelne Selbstfahrlafetten. Für die sowjetische Seite liegen keine genauen Angaben vor. Die Panzergruppe Kleist meldete bis zum 11.07.1941 insgesamt 2.057 erbeutete sowjetische Panzer. Diese Zahl ist niedriger als die Schätzungen der sowjetischen Verluste in der Literatur und daher vollauf glaubwürdig. Siehe Panzerarmee-Oberkommando 1, Abteilung Ia, Anlage 4 zum Kriegstagebuch Nr. 6, Operationsakten, 27.06.-02.07.1941, NARA, T-313, R. 4, F. 7226313; Panzerarmee-Oberkommando 1, Oberquartiermeisterabteilung, Anlage 1 zum Kriegstagebuch, 28.03.-30.10.1941, NARA, T-313, R. 15, F. 7241967; Isaev, Dubno 1941, S. 191.
  • 42. Armee-Oberkommando 17, Kriegstagebuch Nr. 1, 15.05.-12.12.1941, NARA, T-312, R. 668, F. 8301937.
  • 43. Isaev, Dubno 1941, S. 34f., 58 u. 104-106.
  • 44. Heeresgruppe Süd, Kriegstagebuch, Teil II, Bd. 1: 22.06.-15.07.1941, NARA, T-311, R. 260, F. 371; Armee-Oberkommando 17, Kriegstagebuch Nr. 1, 15.05.-12.12.1941, NARA, T-312, R. 668, F. 8301941-8301948.
  • 45. Heeresgruppe Süd, Kriegstagebuch, Teil II, Bd. 1: 22.06.-15.07.1941, NARA, T-311, R. 260, F. 377-380.
  • 46. Karl Wilhelm Thilo, A Perspective from the Army High Command (OKH). In: Glantz, The Initial Period, S. 290-307, hier S. 298.
  • 47. Siehe dazu beispielsweise Julius Braun, Enzian und Edelweiß. Die 4. Gebirgs-Division 1940-1945, Bad Nauheim 1955, S. 17-23; Hans Steets, Gebirgsjäger bei Uman. Die Korpsschlacht des XXXXIX. Gebirgs-Armeekorps bei Podwysskoje 1941, Heidelberg 1955, S. 78-110; Klapdor, Der Ostfeldzug 1941, S. 309-334.
  • 48. Walter S. Dunn, Stalin’s Key to Victory. The Rebirth of the Red Army, Westpoint (CT)/London 2006, S. 4; Askey, Operation Barbarossa, Bd. IIIB, S. 245f.
  • 49. Klink, Die militärische Konzeption, S. 272.
DOI: 
https://doi.org/10.15500/akm.21.06.2021
Jannes Bergmann