Interdisziplinäre und interepochale Fachtagung des Arbeitskreises Militärgeschichte e.V. (FU Berlin, 27.–29.9.2023)
Martin Clauss (TU Chemnitz), Gundula Gahlen (LMU München), Oliver Janz (FU Berlin)
Aufsatz
Veröffentlicht am: 
08. September 2022

(For English version see below.)

Krieg ist eine auditive Extremerfahrung und Kriegsgeräusche gehören seit jeher zu den lautesten Geräuschen der Menschheitsgeschichte. Für die Gesamtheit der durch den Krieg entstandenen und beeinflussten Sounds hat der Musikethnologe Martin Daughtry den Begriff ‚Belliphonie‘ geprägt (Daughtry, Listening to War 2015). Die vom Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. organisierte interepochale und interdisziplinäre Tagung widmet sich der Belliphonie und ihrer Bedeutung für die Erfahrung, Erinnerung und Präsentation von Krieg. Kriegerische Gewalthandlungen können nur unter Einbeziehung des Akustischen umfänglich erfasst werden, sodass die Tagung Erkenntnisse im Bereich der klassischen Militärgeschichte, der Kulturgeschichte des Krieges, der Erfahrungs-, Sinnes-, Emotions- und Gewaltgeschichte anstrebt. Der Fokus auf Sounds dient dabei als thematische Klammer, die verschiedene Aspekte des Kriegs zusammenführt. Gefragt wird mit einem interepochalen und transkulturellen Zugriff, wie und warum sich die Lautlichkeit des Krieges im Laufe der Geschichte wandelte und wie sie wahrgenommen, erzählt, gedeutet und erinnert wurde.

Zur Soundscape ‚Krieg‘ gehören dabei nicht nur die Geräusche der Waffen, sondern auch eine Fülle weiterer intentional und akzidentiell erzeugter akustischer Phänomene, wie etwa die Bewegungsgeräusche der Menschen, Tiere und Transportmittel, Schreie, Signale und Musik, v.a. im Vorfeld der Kampfhandlungen auch Reden, Gespräche und Gebete. Aber auch Stille als körperlich wahrnehmbares Phänomen bekommt im Kontext eines Krieges neue Bedeutungen (Smith, Smell of Battle 2014), zum Beispiel wenn die Stille vor dem Kampf und der lautlose Feind als besonders furchteinflößend erlebt wurden. Außerdem hat die Belliphonie Rückwirkungen auf die Kriegserfahrungen der beteiligten Gesellschaften und Nichtkombattant*innen, so dass sich bestimmte Geräusche in die kollektiven Erinnerungen eingeschrieben haben. Zur Erforschung der Belliphonie gehören dabei auch das Verhältnis zwischen der Lautsphäre Krieg und anderen Lautsphären, wie etwa Friede, Stadt oder Kirche; diese können sich gegenseitig beeinflussen, überlagern oder verdrängen.

Insbesondere folgende Themenbereiche und Fragestellungen sollen auf der Tagung anhand von Beiträgen aus der Antike, dem Mittelalter und der Neuzeit diskutiert werden:

(1) Akustische Dimensionen von Militärtechnik, Ausbildung, Kriegsführung
Welche Auswirkungen hatte die militärtechnische Entwicklung auf den Sound, der in Gefechten herrschte, und der Sound wiederum auf Auswahl und Ausbildung am Kampf beteiligter Menschen und Tiere? Welcher Sound wurde wann für die Kommunikation im Gefecht genutzt? Welche belliphonen Praktiken erfolgten spontan, welche unterlagen der normativen Regulierung? Welches emotionale Regime herrschte im Krieg bei der lautlichen Verarbeitung von Schmerzen, Wut oder Trauer? Ein weiterer Punkt ist Sonic Warfare (Goodman, Sonic Warfare 2010): Wie wurden Klänge als Waffe eingesetzt und wie wurden sie zur Gewalt?

(2) Sinnesgeschichte der Belliphonie
Ein Fokus soll auch auf die sich wandelnden Hörpraktiken im Krieg gelegt werden. Im Krieg bildeten Militär- und Zivilpersonen neue Hörgewohnheiten aus, die in dialektischer Beziehung zu den jeweiligen Kriegsgeräuschen standen. Selektive Hörtechniken ermöglichten es im besten Fall, einerseits dem Sound des Krieges taktische Informationen zu entlocken, andererseits dessen belastende Auswirkungen zu begrenzen. Hinzu kommt, dass Sinneswahrnehmung auch und gerade im Krieg meist multisensuell erfolgte. Wie ist also der Zusammenhang des Hörens mit den anderen Sinnen zu fassen?

(3) Musik und Krieg
Ein Schwerpunkt soll auf die multifunktionale Bedeutung von Musik im Krieg gelegt werden. So kann Musik im Krieg der Motivation der eigenen und der Abschreckung der gegnerischen Truppen dienen, aber auch ein Mittel sein, mit dem die Schrecken des Krieges verarbeitet wurden. Wie wurde Musik im Krieg gezielt von oben eingesetzt? Wie haben einfache Soldaten und die Zivilbevölkerung sich der Musik bedient, um den Krieg zu bewältigen?

(4) Erinnerung und Erzählung von Belliphonie
Welche Rolle spielt die Belliphonie bei der Deutung und der Erinnerung des Kriegsgeschehens? Wie wurde Belliphonie in Text und Bild erzählt? Welche Unterschiede lassen sich für verschiedene Quellentypen feststellen, inwiefern erzählen z.B. literarische, historiographische und normative Texte unterschiedlich vom Sound des Krieges? Inwieweit hingen wertende Begriffe wie z.B. Zivilisiertheit oder militärische Ehre mit dem Sound zusammen, den die eigene und die gegnerische Armee erzeugten?

Historische Studien zum Sound des Krieges stehen nicht nur vor inhaltlichen, sondern auch methodischen Herausforderungen. Wichtige Konzepte und Impulse liefern die Sinnesgeschichte und insbesondere die Sound Studies, welche sich interdisziplinär mit Klang und Akustik auseinandersetzen und deren Potentiale auf der Tagung erstmalig für die Militärgeschichte im historischen Längsschnitt ausgelotet werden sollen. Dabei wird auch zu fragen sein, inwiefern experimentelle Verfahren – etwa aus der Archäologie – zur Rekonstruktion vergangener akustischer Szenarien beitragen können.

Entsprechend begrüßen wir Beiträge aus den Geschichts-, Kultur-, Musik- und Medienwissenschaften. Neben empirischen Fallstudien sind auch stärker theoretisch ausgerichtete Beiträge erwünscht, die die Potenziale verschiedener methodisch-theoretischer Ansätze und Konzepte oder auch eines zeitlich übergreifenden und vergleichenden Zugriffs auf das Themenfeld aufzeigen. Im Sinne eines transkulturellen Vergleiches ist die Tagung nicht auf den europäischen Raum beschränkt. Die Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch; die Vorträge sollen eine Länge von 20-30 Minuten nicht überschreiten. Fahrt- und Übernachtungskosten für Vortragende werden übernommen. Im Anschluss an die Tagung ist eine Publikation der Beiträge in einem Sammelband geplant.

Bitte schicken Sie ein Abstract Ihres Beitrags im Umfang von maximal einer Seite samt bio-bibliografischen Informationen (max. 2 Seiten) bis zum 15. Oktober an Katja Seyffert-Weiß, TU Chemnitz: katja.seyffert-weiss@phil.tu-chemnitz.de

Inhaltliche Nachfragen richten Sie bitte an Prof. Dr. Martin Clauss: martin.clauss@phil.tu-chemnitz.de  

 

Call for Papers: The Sound of War. Interdisciplinary and Interepochal Symposium of the Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (FU Berlin, 27.-29.9.2023)
Martin Clauss (TU Chemnitz), Gundula Gahlen (LMU Munich), Oliver Janz (FU Berlin)

War is an extreme aural experience; war sounds have always been among the loudest sounds in human history. For the entirety of sounds generated and influenced by wars, the ethnomusicologist Martin Daughtry (Daughtry, Listening to War 2015) has coined the term ‘the belliphonic’. The Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. is thus organizing an interdisciplinary and interepochal conference around the topic of the belliphonic. What meanings does the belliphonic have concerning the experiencing, memory, and representation of wars? Violent and warlike acts can only be fully grasped taking into consideration their acoustic impact. The conference therefore aims at gaining insights from the fields of military and cultural history, but also sensory history, the history of emotions and violence. Sounds as a focal point serve as a thematic frame to gather different aspects of war. Through an interepochal as well as a transcultural approach, we would like to elaborate how and why the soundscapes of wars have changed across history and how they have been perceived, told, interpreted, and remembered.

The soundscape ‘war’ does not only include sounds of weapons, but also a range of other intentionally and accidentally generated sounds, such as the movement of people, animals, and means of transport; battle cries, signals and music, as well as orations, conversations and prayers (particularly before battles). Likewise, silence can gain new meanings during wars as a physically discernable phenomenon (Smith, Smell of Battle 2014); for example, when the silence before a fight and the silent enemy are perceived as particularly terrifying. The belliphonic has furthermore influenced the experiencing of war of involved societies and noncombatants, which has led to certain sounds leaving their marks in collective memories. Part of researching the belliphonic is then also the study of the relationship between the soundscape war and other soundscapes, such as peace, city, or church. These can influence, overlap, or even supplant each other.

Especially the following topics and issues will be discussed during the conference based on contributions from the fields of Antiquity, the Middle Ages, and Modernity:

(1) The Acoustic Dimensions of Military Technology, Training, and Warfare
What impact did the developments of military technology have on the sounds produced during fights? And what influence did these sounds have on the selection and training of people and animals involved in combat? What sound was used for communication during battles and when? Which belliphonic practices occurred spontaneously, which were regulated? What emotional regimes have prevailed for the acoustic processing of pain, anger, or grief? Concerning sonic warfare (Goodman, Sonic Warfare 2010): How have sounds been used as weapons and how have they become violence?

(2) Sensory History of the Belliphonic
Another important topic to discuss are the changing hearing practices during wars. Wars have shaped the listening habits of military and civilians that are related to the respective war sounds. Selective hearing enabled some, on the one hand, to get tactical information from sounds, and, on the other hand, to limit the incriminating effects of said sounds. Furthermore, hearing in general, but also and especially during war, is a multisensual process: How can the connection between hearing and the other senses be explained?

(3) Music and War
The conference also aims at a focus on the different functions of music during wars. Thus, music can serve to motivate one’s own and discourage the enemy’s troops. It can also be a means to cope with the horrors of war. How has music been used as a tool of psychological warfare? How have soldiers, fighters, and civilians used music to cope with the experiencing of wars?

(4) Memory and Narrating of the Belliphonic
Which role has the belliphonic played in the fabrication of interpretation and memory of wars? How has the belliphonic been told in word and picture? Are there differences between different types of sources; for example, are literary, historiographic, and normative sources narrating the sound of wars in different ways? How far were values such as civilized behavior and military honor connected to the sounds made by one’s own and the opposing armies?

Historical studies about sounds of war are not only facing challenges in terms of content, but also concerning methodology. Sensory history and the sound studies have already developed important concepts and given impulses for the interdisciplinary research on sounds and the acoustic in general. Their potential is now to be used to get a diachronic perspective of military history during this conference. It also must be asked to what extend experimental reconstructions, based on archeological research, can be helpful for the understanding of acoustic scenarios of the past.

We therefore welcome papers from the disciplines of history and cultural studies, musicology as well as media studies. In addition to empirical case studies, we also welcome more theoretically oriented contributions that demonstrate the potentials of different methodological-theoretical approaches and concepts or of a temporally overlapping and comparative access to the thematic field. In the sense of a transcultural comparison, the conference is not limited to the European area. The conference’s languages are German and English; the presentations should not exceed a length of 20-30 minutes. Travel and accommodation costs for speakers will be covered. Following the conference, it is planned to publish the contributions.

Please send an abstract of your contribution of max. one page including bibliographical information (max. 2 pages) to Katja Seyffert-Weiß, TU Chemnitz (katja.seyffert-weiss@phil.tu-chemnitz.de) by October 15.

Please address any inquiries regarding content to Prof. Dr. Martin Clauss (martin.clauss@phil.tu-chemnitz.de)

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