Vom 27. bis 29. November 2025 trafen sich Archäolog:innen und Althistoriker:innen auf der internationalen Tagung „Die Markomannenkriege: Archäologische und historische Dimensionen“ an der Universität Innsbruck. Die Organisation übernahmen Roland Steinacher, Gerald Grabherr und Ronja Edelhäuser. Finanziert wurde die Tagung durch die Unterstützung des Dekanats der Philosophisch-Historischen Fakultät, des Vizerektorats für Forschung und des IRO der Universität Innsbruck, der Österreichischen Forschungsgemeinschaft, der Länder Tirol und Vorarlberg sowie der Fritz Thyssen Stiftung. Ziel der Tagung war es, die Zeit der Markomannenkriege (166–180 n. Chr.) des Marcus Aurelius sowohl aus archäologischer als auch althistorischer Sicht zu betrachten, neue Perspektiven zu beleuchten und interdisziplinäre Ansätze aufzuwerfen. Als Anlass der Tagung diente dabei die im Sommer 2025 stattgefundene Grabung von Gerald Grabherr und Barbara Kainrath in St. Pantaleon/Stein (Niederösterreich), bei der ein Militärlager erstmals ausgegraben wurde, welches in den Kontext der Markomannenkriege gehört.
Die Tagung startete in der ersten Sektion mit dem Vortrag von BARBARA KAINRATH (Innsbruck) und GERALD GRABHERR (Innsbruck) über die neuen Ergebnisse aus ihrer Grabung an einem Eckbereich des Kastells. Münzfunde deuten auf eine geplante Auflassung des Kastells um 180 n. Chr. hin; einen Zerstörungshorizont konnte man bisher nicht finden. Die Vortragenden stellten zudem ihre Hypothese vor, dass es sich bei dem Kastell um das bei Ptolemäos erwähnte Claudivium handeln könnte. EVA THYSELL (Enns) widmete sich in ihrem Vortrag der Frage, inwieweit das Legionslager Lauriacum als Zentrum der Region gedacht war und ob sich dessen Bedeutung im Zuge der Markomannenkriege änderte. Im 1. und 2. Jahrhundert dominierte das größere Kastell in Stein die Gegend um Lauriacum. Es ist aufgrund der Funde und der strategisch schlechteren Lage als die Kastelle Albing und Stein anzunehmen, dass Lauriacum anfangs nicht als Zentrum der Region gedacht war. Erst die Stationierung der legio II Italica ab 170 n. Chr. steigerte dessen Bedeutung.
In der zweiten Sektion stellte STEFAN TRAXLER (Linz) mehrere Kastellstandorte am Donaulimes vor und legte den Fokus auf die topografischen und strategischen Gesichtspunkte. Durch Prospektionen wurde nachgewiesen, dass der Übergang zur Moldau bei Lauriacum quantitativ häufiger genutzt wurde als jener bei Lentia. Dennoch war Lentia ein wichtiger Standort, was die ab 150 n. Chr. durchgeführten Ausbauarbeiten, wie die Errichtung eines großen Heiligtums und einer ausgeprägten Hypokausten-Anlage, erkennen lassen. Abschließend stellte Traxler die Idee vor, in Stein sei ein municipiumsähnlicher Standort geplant gewesen. CHRISTIAN GUGL (Wien) setzte sich mit den Auswirkungen der Markomannenkriege im Raum Carnuntum auseinander. Im Gegensatz zu vielen anderen Lagern ist für Carnuntum sicher, dass es im 2. Jahrhundert nicht zerstört wurde. Im vicus könnte die angeblich severische Stadtmauer, sofern man deren Datierung auf die antoninische Zeit nachweisen kann, ein ähnliches Stadtmauerprojekt des Marcus Aurelius darstellen, wie in Trier oder Augsburg; eine Verbindung zu den Markomannenkriegen wäre denkbar.
Die dritte Sektion startete mit dem Vortrag von MAREK VLACH (Brno), der die archäologischen Spuren der Markomannenkriege im Gebiet westlich der Kleinen Karpaten erörterte. Im Rahmen des multidisziplinären Projekts „Roman temporary camps“ werden die temporären Kastellanlagen in diesem Gebiet systematisch erfasst und durch Analysen von Größe, Bauweise und Fundspektrum die Infrastruktur der römischen Armee bearbeitet. MIROSLAVA DAŇOVÁ (Trnava) widmete sich dem Holz-Erde-Lager in Iža. Das Kastell wurde vermutlich im Zuge des Friedensvertrags des Marcus Aurelius (datiert ca. 175 n. Chr.) errichtet. Es diente der Sicherung des strategisch wichtigen Treffpunkts mehrerer schiffbarer Flüsse und war mit Bogenschützen besetzt. Auf Grundlage der archäologischen Zeugnisse wird angenommen, dass Iža durch ein spontanes Ereignis 178/179 n. Chr. während der Markomannenkriege zerstört wurde. Den Fokus auf ausgewählte temporäre Feldlager im Quadenland legte JÁN RAJTÁR (Nitra). Die Funde in Hviezdoslavov deuten auf eine ausschließliche Nutzung des Lagers während des 2. Markomannenfeldzugs hin. Eine Anhäufung von 10 Lagern in der Nähe von Brigetio wird ebenfalls diesem Feldzug zugeschrieben und als möglicher Truppensammelplatz gesehen. Als Abschluss präsentierte Rajtár eine Rettungsgrabung in Šurany (Oktober 2025), bei der unter anderem 6 Skelette inklusive Resten von lorica Segmentata aus ebendieser Zeit gefunden wurden.
In Sektion 4 präsentierte VERONIKA FISCHER (Regensburg) die Forschungsergebnisse aus dem Straubinger Ostkastell. Als Besatzung fungierte eine Kohorte Bogenschützen, welche durch Pfeilspitzen und Reste der Bogenproduktion identifiziert werden konnte. Während der Markomannenkriege (172/173 n. Chr.) brannten das benachbarte Westkastell und der vicus vollständig ab. Im Ostkastell fanden sich bisher keine Spuren einer Zerstörung, lediglich die Umwehrung des Kastells wurde durch zwei weitere Gräben ergänzt. GÜNTHER MOOSBAUER (Straubing) stellte zwei neue Fundbestände aus Straubing vor. Er präsentierte einen Sammelfund verbrannter Sigilata (römische Keramik) aus dem Südvicus, welcher möglicherweise ein Händlerdepot war. Der zweite Fundbeitrag war ein Mehrfachbestattung aus Straubing-Lerchenhaid, in dem ein vollständig erhaltenes Kettenhemd, Reste von Schildrandbeschlägen, ein Eisenring mit Jupiter-Gemme und mehrere Eisenbänder gefunden wurden.
Sektion 5 startete mit dem Vortrag von CHRISTIAN WITSCHEL (Heidelberg) und ROLAND PRIEN (Heidelberg), in dem sie auf die Quellenproblematik der Markomannenkriege aus althistorischer und archäologischer Sicht eingingen. Zwar legen sowohl schriftliche als auch archäologische Quellen nahe, dass Marcus Aurelius eine neue Provinz gründen wollte und dass der erste Feldzug eine Sondierungskampagne darstellte, während der zweite Feldzug der 170er Jahre einen deutlichen Expansionscharakter hatte. Doch zeigten Witschel und Prien auch deutlich auf, wie einzelne schriftliche Erwähnungen oder Einzelfunde zu Überinterpretation verführ(t)en, die mit kritischer, interdisziplinärer Neubeforschung hinterfragt und gegebenenfalls uminterpretiert werden müssen.
In der letzten Sektion der Tagung besprach THOMAS FISCHER (Köln) die archäologischen Spuren der Markomannenkriege in Raetien. Dabei ging er detailliert auf die Befunde und Funde aus den Kastellen Regensburg-Kumpfmühl, Weißenburg, Einig-Unterfeld, Mangolding, Künzing und Böhming ein. Er erarbeitete eine Übersicht vom Regensburger Schatzfund (161/167 n. Chr.) über den Zerstörungshorizont mit verbrannter Keramik in Kumpfmühl bis zu dem Holz-Erde-Lager in Weißenburg. UDO HARTMANN (Jena) warf zum Abschluss der Vortragsreihe einen Blick auf die Nachfolgezeit der Markomannenkriege und beleuchtete die Thematik der Markomannen unter Gallienus. Er besprach die Problematik der vermuteten Datierung des Friedensschlusses durch Gallienus auf 255 n. Chr., die mögliche Geiselrolle Pipas, Tochter des Markomannenkönigs Attalus und Geliebte des Gallienus, sowie den möglichen Grund des Abkommens als diplomatische Grenzsicherung an der Donau.
Die Tagung schloss mit einem Round Table unter der Moderation von BERND STEIDL (München) und ROLAND STEINACHER (Innsbruck). Dabei wurde primär diskutiert, inwieweit die verschiedenen Arbeitsweisen der Archäologie und Alten Geschichte in Zukunft interdisziplinär kombiniert werden können, um ein vielseitigeres Bild von Thematiken mit beidseitigem Blickwinkel zu beleuchten.
Während der Tagung zeigte sich erneut, wie wichtig der interdisziplinäre Austausch zwischen den altertumswissenschaftlichen Fächern ist. Durch diesen Austausch und die geführten Diskussionen konnten neue Aspekte und Ansätze bezüglich der Betrachtungsweisen der Markomannenkriege aufgezeigt werden. In Zukunft gilt es nun, die interdisziplinäre Zusammenarbeit gerade bei Themen auszubauen, die sowohl archäologisch als auch althistorische Zugänge voraussetzen.
Tagungsübersicht
Sektion 1
Barbara Kainrath (Innsbruck), Gerald Grabherr (Innsbruck): Das Auxiliarkastell in Stein/St. Pantaleon-Erla. Aktuelle Ergebnisse als Impuls zur Forschung am norischen Donaulimes
Eva Thysell (Enns): Zentrum wider Willen? Vom provinziellen Rand zur Schlüsselstellung am Donaulimes. Die Transformation von Lauricaum/Enns im Kontext der Markomannenkriege
Sektion 2
Stefan Traxler (Linz): Die Kastellstandorte am raetischen und norischen Donaulimes im 2. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung von topographischen und strategischen Gesichtspunkten
Christian Gugl (Wien): Neues zu den Markomannenkriegen im Raum Carnuntum
Sektion 3
Balázs Komoróczy (Brno), Marek Vlach (Brno): Archäologische Spuren der Markomannenkriege im Gebiet westlich der Kleinen Karpaten [ohne Baláz Komoróczy]
Miroslava Daňová (Trnava): Das Holz-Erde-Lager aus der Zeit der Markomannenkriege in Iža
Ján Rajtár (Nitra): Temporäre römische Feldlager aus der Zeit der Markomannenkriege im Quadenland
Sektion 4
Veronika Fischer (Regensburg): Das Straubinger Ostkastell und die Auswirkungen der Markomannenkriege
Heimo Dolenz (Klagenfurt): Die Hadnmauer zwischen Rattendorf und Jenig im oberen Gailtal [entfallen]
Günther Moosbauer (Straubing): Zwei neue Funde aus Straubing [spontaner Ersatz]
Sektion 5
Christian Witschel (Heidelberg), Roland Prien (Heidelberg): Die Markomannenkriege – ein Krisennarrativ? Ein Blick auf die Quellenproblematik
Sektion 6
Thomas Fischer (Köln): Archäologische Spuren der Markomannenkriege in Raetien
Udo Hartmann (Jena): Gallienus und die Markomannen
Bernd Steidl (München), Roland Steinacher (Innsbruck): Round Table und abschließende Diskussion
