Vor 100 Jahren wurde die heutige Bibliothek für Zeitgeschichte als Weltkriegsbücherei für jedermann zugänglich
Christian Westerhoff
Aufsatz
Veröffentlicht am: 
07. Juni 2021

Seit vielen Jahrzehnten ist die Bibliothek für Zeitgeschichte (BfZ) in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart1 eine etablierte Anlaufstelle für Forschung, Lehre, Ausstellungsmacher, Publizisten und historisch Interessierte. 1915 in Berlin als private Kriegssammlung zum Ersten Weltkrieg gegründet, wurde sie am 21. Mai 1921 in Stuttgart als zeithistorische Spezialbibliothek der Öffentlichkeit übergeben. Bis es soweit war, mussten allerdings einige Fragen beantwortet werden. So war zu klären, wo die Sammlung langfristig untergebracht sein sollte und welche Ziele nach der deutschen Niederlage im Herbst 1918 zu verfolgen waren.

Am 13. November 1915 wandte sich der aus Ludwigsburg stammende Unternehmer Richard Franck an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seiner Kaffeemittelfirma Heinrich Franck Söhne mit der Bitte, ihn beim Aufbau einer eigenen Kriegssammlung zu unterstützen.2 Dieser Aufruf gilt als Gründungsdokument der Weltkriegsbücherei, der heutigen Bibliothek für Zeitgeschichte. Noch während des Ersten Weltkriegs entstand eine außergewöhnliche Kollektion, die insbesondere wegen ihrer internationalen Bestände zur bedeutendsten privaten Kriegssammlung in Deutschland wurde. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs kamen circa 51.200 Bücher, 3.810 Zeitungen und Zeitschriften, 2.000 Bildplakate sowie sonstige „Kriegserinnerungen“ wie Kriegsmusikalien, Lebensmittelkarten, Brief- und Propagandamarken zusammen.3

Doch was sollte mit dieser umfangreichen Sammlung passieren, nachdem der Krieg im November 1918 verloren ging und er sich nicht wie erhofft als „große Zeit“ für Deutschland erwiesen hatte? Richard Franck beobachtete Anfang der 1920er-Jahre „in grossen Kreisen unseres Volkes eine instinktive Abneigung, über den Weltkrieg noch zu sprechen. Man will nicht mehr an die schweren Jahre, die unzähligen Familien Leid brachten, erinnert sein, sondern sucht krampfhaft zu vergessen“.4 Die öffentliche Aufmerksamkeit für Kriegssammlungen im Allgemeinen ging stark zurück; das wissenschaftliche Interesse an ihnen blieb zunächst sehr überschaubar. Viele wurden verkauft, aufgelöst oder in die regulären Bestände der Bibliotheken integriert. Sie verschwanden nicht nur in den Magazinen, sondern auch aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Dieses Schicksal wollte Richard Franck seiner „Weltkriegsbücherei“ ersparen, denn für ihn war die Auseinandersetzung mit dem Krieg noch keineswegs beendet. Die Menschen müssten einsehen, „dass der Krieg immer noch, trotzdem er sich scheinbar wie ein riesiges Unwetter verzogen hat, die Welt im Bann hat.“ Hierfür machte er den Versailler Vertrag verantwortlich: „Der Friede wurde geschlossen, es war aber kein erquickender Friede, er ist eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.“ Der Krieg sei „für das Heutige nicht zu vergessen“, seine Folgen würden die Zeitgenossen „noch Jahrzehnte lang im Bann halten“. Deshalb sei es sowohl für das deutsche Volk als auch für die Wissenschaft gut, „sich mit dem Studium des Krieges zu befassen, soweit hierbei Erkenntnisse für die schwere Zeit“, welche die Menschen derzeit erlebten, „gewonnen werden können“. Hier könne die Weltkriegsbücherei einen wertvollen Beitrag leisten.5

Zunächst aber galt es, eine neue Bleibe für die Sammlung zu finden. Die Weltkriegsbücherei war bisher in fünf Privatwohnungen Francks untergebracht. Dass die Sammlung hier nicht dauerhaft bleiben konnte, wenn sie der Wissenschaft zugänglich gemacht werden sollte, war schon während des Krieges absehbar gewesen. Im Frühjahr 1920 erhöhte sich dann der Druck, eine neue, dauerhafte Bleibe zu finden, als das Berliner Wohnungsamt die Wohnungen für die Unterbringung obdachloser Familien reklamierte. Mit Blick auf die Wohnungsnot der Nachkriegszeit wurde Franck aufgefordert, die Wohnungen bis zum Herbst 1920 zu räumen. Im Oktober 1920 kam die Sammlung dann nach Stuttgart, wo sie im Schloss Rosenstein ein neues Domizil fand. Dieses repräsentative Gebäude suchte nach dem Ende der Monarchie eine neue Bestimmung, weswegen die württembergische Staatsregierung Franck den rechten Flügel des Schlosses zur Unterbringung seiner Sammlung anbot. Im linken Flügel eröffnete die Weltkriegsbücherei 1933 aus ihren Beständen ein eigenes Kriegsmuseum.

Am 21. Mai 1921 wurde die Weltkriegsbücherei im Rahmen einer Feier als für jedermann zugängliche wissenschaftliche Spezialbibliothek der Öffentlichkeit übergeben. Auf dem Festakt sprachen mehrere Redner, darunter der württembergische Staatspräsident Dr. Johannes Hieber. Dieser drückte Richard Franck den „wärmsten Dank“ für die Übersiedlung der Weltkriegsbücherei nach Stuttgart aus. Er verband diese Dankesworte mit der „Zusage der Regierung, vor allem des Kultministeriums, dem weiteren Ausbau und der Ausnützung Ihrer Sammlung aufmerksamste Sorgfalt und Pflege angedeihen zu lassen.“ Schon während des Krieges sei ihm klar gewesen, dass die Weltkriegsbücherei „für die zukünftige Forschung und Arbeit in Wissenschaft und Politik größte Bedeutung erlange werde“ und dass „jede Anstrengung gemacht werden müsse“, sie „nach Württemberg […] zu bekommen“.

Hieber deutete auch den politischen Nutzen der Sammlung an: Sie könne „vor der ganzen Welt ein leuchtender Beweis dafür [sein], dass das deutsche Volk das volle Licht der Öffentlichkeit nicht zu scheuen braucht, wenn es die Fragen der Entstehung und der Führung des Kriegs zu erhellen gilt.“ Mit anderen Worten: Die Bibliothek sollte mit wissenschaftlicher „Vollständigkeit und Unparteilichkeit“ helfen, die Ursachen für den Kriegsbeginn 1914 zu erforschen, eines der am meisten und hitzigsten debattierten Themen der Weimarer Republik. Insbesondere die im Versailler Vertrag festgehaltene Hauptschuld Deutschlands erregte die Gemüter. Hieber verband diesen Auftrag an die Weltkriegsbücherei mit der Forderung an „unsere Feinde und die übrige Welt […], es in der Öffnung aller, auch der verborgensten Quellen gleichzutun.“ Ehe Deutschlands Kriegsgegner dieser Forderung nicht nachkämen, sei „alles Gerede von der alleinigen deutschen Schuld am Krieg nichts als ein eitles leeres Geschwätz.“6

Die zur Eröffnung gehaltenen Reden geben einen Vorgeschmack auf die weitere Entwicklung der Bibliothek, die keineswegs geradlinig verlief. In den 1920er-Jahren widmete sich die Weltkriegsbücherei unter der Führung ihres Bibliotheksdirektors Friedrich Felger dem Kampf gegen den Versailler Vertrag, insbesondere gegen den sogenannten Kriegsschuldparagraphen, Artikel 231. Damit wurde sie anschlussfähig für die Politik des NS-Regimes, die auf eine gewaltsame Revision des „Diktatfriedens“ abzielte. Gleichzeitig sorgten die fortgesetzte Pflege und der Ausbau der Bestände selbst während der Hyperinflation dafür, dass eine international anerkannte Sammlung entstand. Hieran änderte auch die Bombardierung von Schloss Rosenstein im Jahr 1944 nicht grundlegend etwas. Die geretteten Bestände wurden fünf Jahre später in die Württembergische Landesbibliothek überführt, wo die Sammlung seitdem ihren Sitz hat.

Zitierempfehlung: Christian Westerhoff, „Die Öffnung aller, auch der verborgensten Quellen“. Vor 100 Jahren wurde die heutige Bibliothek für Zeitgeschichte als Weltkriegsbücherei für jedermann zugänglich, in: Portal Militärgeschichte, 07. Juni 2021, URL: http://portal-militaergeschichte.de/westerhoff_weltkriegsbücherei, DOI: 10.15500/akm.07.06.2021 (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu).

  • 1. https://www.wlb-stuttgart.de/sammlungen/bibliothek-fuer-zeitgeschichte/
  • 2. Richard Franck, Eine Bitte, in: Mitteilungen von Ihrer Firma und Ihren Kollegen Nr. 52 vom 13.11.1915.
  • 3. Hermine C. Schützinger, Die Weltkriegsbücherei in Berlin, in: Mitteilungen. Verband deutscher Kriegssammlungen e.V. 1 (1919) H.2, S. 67f.
  • 4. Rede von Richard Franck bei der Eröffnung der Weltkriegsbücherei am 21. Mai 1921, BfZ-Akten, Mappe 2.
  • 5. Rede von Richard Franck bei der Eröffnung der Weltkriegsbücherei am 21. Mai 1921, BfZ-Akten, Mappe 2.
  • 6. Rede des Herrn Staatspräsidenten Dr. v. Hieber bei der Eröffnung der Weltkriegsbücherei am 21. Mai 1921, Geschichte der BfZ, Mappe 2.
DOI: 
https://doi.org/10.15500/akm.07.06.2021
Perspektiven: