Teil XI der Interviewreihe: 25 Jahre Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (1995–2020)
Daniel R. Bonenkamp/Takuma Melber
Interview
Veröffentlicht am: 
19. Juli 2021 - 1:00

Herr Grawe, Sie sind Träger des Wilhelm-Deist-Preises 2013. Woher stammt Ihr Interesse für Militärgeschichte?

Lukas Grawe: Zur Militärgeschichte bin ich eher zufällig gekommen. Als Geschichtsstudent der Uni Münster besuchte ich in einem meiner ersten Semester ein Seminar über das Deutsche Kaiserreich, das zuvor in der Schule kaum behandelt wurde. Ich fand es sehr spannend und interessierte mich vor allem für die deutsche Außenpolitik. Hier stieß ich erstmals auf Hinweise, wie sehr sich das deutsche Militär in den Jahren bis 1918 in die deutsche Außenpolitik eingeschaltet hatte. Fortan hatte mich das Interesse für die Militärgeschichte gepackt! Weiter angefacht wurde es durch ein Praktikum beim damaligen MGFA (heute ZMSBw). Als junger Schüler haben mich darüber hinaus auch die Dokumentationen über Hitlers Krieger von Guido Knopp beeinflusst. Knopps Arbeit stößt bei Historikern überwiegend auf Kritik, da er die Zusammenhänge zu sehr vereinfacht und aus dem Kontext herausreißt. Das ist zwar richtig, aber um ein erstes Interesse an (Militär-)Geschichte zu entfachen, sind seine Dokumentationen meines Erachtens gut geeignet.

 

Woher und wie gut kannten Sie seinerzeit den AKM und den WDP?

Lukas Grawe: Wer sich in Deutschland mit Militärgeschichte auseinandersetzt, stößt irgendwann automatisch auf den AKM. Erstmals habe ich im Jahr 2012 an der AKM-Jahrestagung in Osnabrück teilgenommen. Als ich ein Jahr später den WDP erhalten habe, war ich über den Verein und seine Tätigkeit also recht gut informiert. Die Ausschreibung des Preises hing in der Uni Münster an einem schwarzen Brett. Ich dachte mir: Versuch‘ dein Glück und bewirb dich!

 

Hand aufs Herz, war Ihnen der Name Wilhelm Deist zu dieser Zeit ein Begriff? Inwiefern sind Sie denn ihm oder militärgeschichtlichen Themen in Ihrem Studium begegnet?

Lukas Grawe: Wilhelm Deist war mir nicht erst seit meiner ersten AKM-Jahrestagung ein Begriff, sondern ist mir bereits während meines Studiums „über den Weg gelaufen“. Beschäftigt man sich mit der Geschichte des Kaiserreichs, so stößt man zwangsläufig auf Arbeiten von Deist, beispielsweise seinen Aufsatz über Wilhelm II. als Oberster Kriegsherr oder seine zweibändige Edition über „Militär und Innenpolitik“. Er war auch einer der ersten Militärhistoriker, die nicht nur reine Schlachtenbeschreibungen geliefert, sondern sich auch für die gesellschaftlichen und sozialen Aspekte des Militärs interessiert haben.

 

Ihre mit dem WDP 2013 prämierte Masterarbeit trägt den Titel ‚Knowing One’s Enemy‘? Die Einschätzungen der militärischen Stärke und Planungen Frankreichs durch den deutschen Generalstab 1911–1914. Wie und warum kam es zu dieser Themenwahl?

Auch die Idee zu meiner Masterarbeit entstand eher zufällig. Militärische Geheimdienstarbeit fand ich schon längere Zeit spannend. Eines Tages stieß ich auf den Aufsatz „Easy Target or Invincible Enemy?“ von Robert T. Foley über die deutsche Einschätzung der französischen Armee vor dem Ersten Weltkrieg.1 Nähere Recherchen zeigten mir, dass bis auf Foley kaum ein Historiker sich je mit der Frage beschäftigt hat, was der preußische Generalstab überhaupt über die Armeen der deutschen Nachbarländer wusste. Das fand ich erstaunlich, schließlich wurde und wird der Generalstab ja zu Recht als ein entscheidender Kriegstreiber innerhalb des Deutschen Reiches angesehen. Aber diese Bewertung fußte eben auf unsicherem Fundament, da man kaum darüber unterrichtet war, auf welche Lageanalysen der Generalstab seine Präventivkriegsforderungen stützte. So kam mir die Idee, dieser Frage im Rahmen meiner Masterarbeit nachzugehen. Für meine folgende Dissertation habe ich schließlich den Problembereich noch weiter gefasst und auch die deutsche Russlandeinschätzung miteinbezogen.

 

Die Verleihung des WDP kurz nach Studienabschluss muss ein besonderer Moment in Ihrem jungen Historikerleben gewesen sein. Welche Erinnerungen haben Sie heute an die Preisverleihung des WDP?

Lukas Grawe: Für mich als angehender Promotionsstudent war es natürlich ein erhebendes Gefühl und in gewisser Weise auch eine Bestätigung für die geleistete Arbeit. Zweifel am eingeschlagenen Kurs wurden auf diese Weise geschmälert: Ich konnte mir nun sicherer sein, dass ich wissenschaftlich auf dem richtigen Weg war. Stig Försters Laudatio war sehr schmeichelnd, was mich als jungen Historiker natürlich gefreut hat: Wenn ein bedeutender Militärhistoriker sich lobend über deine studentische Arbeit äußert, ist das ein großartiges Gefühl.

 

Sie sind der Militärgeschichte bis heute treu geblieben. Inwiefern hat der WDP Ihren weiteren Werdegang beeinflusst?

Lukas Grawe: Der WDP hat meinen Werdegang insofern beeinflusst, dass er mir Bestätigung gab, am eingeschlagenen Weg festzuhalten. Die wissenschaftliche Laufbahn an einer Universität ist leider außerordentlich problembehaftet, es gibt zu wenig feste Stellen für zu viele Historiker. Doch durch die Preisverleihung erhielt ich neuen Schub und war mir nun sicherer, dass ich das, was ich mache, mit Herzblut betreibe und auch weiterhin machen will. Hinzu kommt: Ein erhaltener Preis macht sich auch im Lebenslauf immer gut. Er zeigt, dass man wissenschaftlich und innovativ arbeiten kann.

 

Welchen Rat geben Sie Nachwuchshistorikerinnen und -historikern mit auf den Weg, wenn Sie einen Blick auf die Zeit werfen, in der Sie Ihre Abschlussarbeit verfasst haben?

Lukas Grawe: Nachwuchshistorikerinnen und -historiker sollten sich schnell darüber klarwerden, in welchem Berufsfeld sie künftig arbeiten möchten. Einblicke über Praktika eignen sich dafür meines Erachtens sehr gut. Wenn man sich auf ein oder zwei Berufsfelder festgelegt hat, sollte man sich frühzeitig bemühen, die dafür geforderten Voraussetzungen zu erwerben (Praktika, Auslandssemester, Sprachen, Veröffentlichungen etc.). Als Einstieg in die Wissenschaft eignet sich der Besuch von Tagungen oder die Rezension von Büchern. Das Knüpfen von Kontakten mit bereits etablierten Forschern ist sehr wichtig! Für Studierende, die sich nicht festlegen wollen, empfiehlt sich natürlich eher eine möglichst breite Themenwahl, um auf diese Weise auch außerhalb der Wissenschaft Fuß fassen zu können, beispielsweise in Museen, Verlagen oder Zeitschriften.

 

Trotz seiner unterrepräsentierten Stellung in Deutschland widmen Sie sich weiterhin dem Forschungsbereich Militärgeschichte. Aus welchem Grund?

Lukas Grawe: Ich bin der Meinung, dass es gerade im Feld der modernen Militärgeschichtsschreibung noch viel zu tun gibt. Heute werden ja nicht mehr allein Panzer gezählt oder blaue und rote Pfeile auf Generalstabskarten studiert, sondern auch andere Fragen berücksichtigt. Neue kultur-, geschlechter- oder sozialgeschichtliche Perspektiven machen die Militärgeschichte aus meiner Sicht interessanter denn je. Auch im Bereich der Operationsgeschichte ist meines Erachtens noch jede Menge zu tun: Heute kommt es nicht mehr darauf an, allein die Führungsebene im Rahmen einer Schlacht zu beleuchten, sondern auch die Situation des „einfachen Soldaten“ und der örtlichen Zivilbevölkerung. Obwohl ich natürlich auch Interessen abseits der Militärgeschichte habe, würde ich gerne einen kleinen Beitrag dazu leisten, das Nischenfach mehr ins Zentrum der Geschichtswissenschaft zu rücken. Wie der Blick in unsere Nachbarländer zeigt, wo die Militärgeschichte teilweise auf erheblich weniger Skepsis stößt, wäre dieser Anspruch ein Ziel, das zu erreichen sich lohnen würde. Für mein Festhalten an der Militärgeschichte spricht aber noch ein ganz profaner Grund: Ungeachtet der eher mauen Berufsaussichten finde ich dieses Feld einfach unglaublich interessant. Und das Vorhandensein von Interesse ist meiner Ansicht nach das wichtigste Kriterium bei der Professions- und Berufswahl.

 

Welche militärgeschichtlichen Themen erachten Sie als besonders wichtig, die es lohnt in den nächsten Jahren stärker zu beleuchten?

Lukas Grawe: Vor allem eine zeitgemäße Schlachtengeschichte erachte ich als besonders wichtig. „Moderne Operationsgeschichte“ lautet hier das einschlägige Schlagwort – wobei immer noch geklärt werden muss, was überhaupt als „modern“ zu verstehen ist. Meiner Ansicht nach sollte bei der Darstellung einer Schlacht oder militärischen Operation eben nicht nur auf die höhere Führungsebene geschaut werden, sondern auch auf die Entbehrungen der Soldaten und der Zivilisten im Kampfgebiet. Eine Einordnung der Kämpfe in den politischen und militärischen Kontext und der Ausblick in die (erinnerungspolitischen) Nachwirkungen rundet eine gelungene moderne Operationsgeschichte ab. Daneben gilt es jedoch, zahlreiche weitere Felder zu bestellen: Der Einfluss der bewaffneten Macht auf sozial- und innenpolitische Belange eines Staates müsste ebenso untersucht werden wie beispielsweise Phänomene wie Selbstmorde oder Alkoholmissbrauch in europäischen Armeen. Die Zusammenarbeit zwischen Militär und Geheimdiensten ist längst noch nicht auserzählt. Auch im Bereich der internationalen Militärkooperationen sehe ich noch Forschungsbedarf. Persönlich interessant finde ich auch einen Bereich, den Markus Pöhlmann einmal mit „Anfangsphasendelikte“ umschrieben hat: Kriegsverbrechen in der ersten Phase des Ersten Weltkriegs. Hier stößt der Historiker noch auf viel unentdecktes Land. Zuletzt möchte ich noch eine Lanze brechen für ein lange eher unpopuläres Feld der Geschichtsschreibung: Die Biografie. Biografische Zugänge erlauben nicht nur tiefe Einblicke in individuelles Handeln, sondern auch in die Strukturen, in welche die Protagonisten eingebettet waren. Man sieht also: Es gibt noch viel zu tun und zu erforschen!

 

Welche Bedeutung hat für Sie persönlich der Wilhelm-Deist-Preis heute?

Lukas Grawe: Der WDP ist mir heute immer noch wichtig, da ich ihn als junger, unerfahrener Student erhielt und er nicht nur mein erster, sondern bislang auch mein einziger Preis ist. Er erhält somit immer einen Ehrenplatz.

 

Zitierempfehlung: Daniel R. Bonenkamp/Takuma Melber, Interview mit Dr. Lukas Grawe. Teil XI der Interviewreihe: 25 Jahre Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (1995–2020), in: Portal Militärgeschichte, 12. Juli 2021, URL: https://portal-militaergeschichte.de/bonenkamp_melber_interview_grawe, (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu).

 

Zur Übersicht über die Interviewreihe "25 Jahre Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (1995-2020)" (Link).


  • 1. Robert T. Foley, Easy Target or Invincible Enemy? German Intelligence Assessments of France Before the Great War, in: Journal of Intelligence History 5 (2005).
Jannes Bergmann