Wehrmachtsdeserteure. Neue Forschungen zu Entziehungsformen, Solidarität, Verfolgung und (digitaler) Gedächtnisbildung

Eine Veranstaltung des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien
Datum: 
Donnerstag, 16. September 2021 bis Samstag, 18. September 2021
Ort: 
online

Bei der Tagung stellen WissenschaftlerInnen aus Österreich, Deutschland, Norwegen, Schweden und Italien jüngere Forschungen zu den Phänomenen der Wehrdienstentziehung und der Desertion aus den Streitkräften NS-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg vor. Die Tagung findet in hybrider Form statt und ist dem Andenken von Prof. Dr. Walter H. Pehle (1941–2021) gewidmet.

Nach den Auseinandersetzungen um die gesetzliche Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren und anderen Verfolgten der Militärjustiz in Deutschland und Österreich in den 1990er und 2000er Jahren steht nicht mehr der Nachweis des Unrechtscharakters und der Brutalität der deutschen Sonder- und Militärjustiz im Vordergrund, um den Opferstatus der verfolgten Soldaten zu belegen.

Bei der Tagung sollen die Möglichkeiten und Grenzen der Selbstermächtigung von Soldaten und ZivilistInnen gegenüber dem militärischen Gehorsamsanspruch des NS-Staates thematisiert werden. Dabei geht es um einen differenzierteren Blick auf die Praxis der Wehrmachtsgerichte etwa des Ersatzheeres, um die Vermessung von Fluchtrouten und Zufluchtsräumen innerhalb und außerhalb des deutschen Herrschaftsbereiches, um die Beziehungen zwischen entwichenen Soldaten und lokaler Bevölkerung innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches und in besetzten Gebieten.

In mehrdeutiger Hinsicht lässt sich die Praxis von fluchtwilligen oder fluchtfähigen Soldaten ebenso wie die Praxis der Militärjustiz als Umgang mit oder Neudefinition von Grenzen betrachten: als Überwindung staatlich-territorialer Barrieren etwa zur Schweiz an lokalen Hotspots wie dem Rhein, als Überschreiten der Grenze zwischen dem besetzten Norwegen, dem mit Deutschland bis 1944 verbündeten Finnland und dem neutralen Schweden, als Kreieren von Existenzweisen jenseits der Volks- und Wehrgemeinschaft in der „Wildnis“ der Alpen, als Übergang von maskuliner Kameradschaft zu Hilfsangeboten und der Solidarität von Frauen, als das Eingehen unsicherer Beziehungen zu Widerstandsgruppen und der Gründung solcher, als Übergang zu den alliierten Armeen an den Fronten und umgekehrt als Scharfzeichnung von Grenzen durch Wehrmacht- und Sonderjustiz, deren Verfolgungspraxis allerdings nicht durchgängig und einheitlich war.

Ein weiteres Thema der Tagung ist die Transformation der Erinnerung an Deserteure und Kriegsdienstverweigerer durch die Errichtung von neuen Denkmälern sowie die Weitergabe der Erfahrungen von Fahnenflüchtigen in Familie und Gesellschaft. Schließlich tauchten Deserteure zuletzt auch wieder prominent und massenmedial in der Literatur und im Film auf, etwa in Marco Balzanos Roman „Ich bleibe hier“ (2020, ital. Original „Resto qui“ 2018), in Felix Mitterers Theaterstück „Vomperloch“ (2018), in der zweiteiligen Verfilmung von Siegfried Lenz‘ ursprünglich 1951 verfassten und erst 2016 veröffentlichtem Roman „Der Überläufer“ im Rahmen einer deutsch-polnischen Koproduktion (ARD, 2020) oder im mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm „How to Disappear“ (R: Total Refusal, Ö 2020), der die Möglichkeiten der Fahnenflucht in Ego-Shooter-Computerspielen erkundet.

Die Veranstaltung kann live über Youtube verfolgt werden. Hier sind auch Fragen über die Chat-Funktion möglich.

https://www.youtube.com/channel/UCJBt4J3x_z4tWlYpjftQwhw 

 

Programm

Donnerstag, 16. September 2021

Begrüßung und Einleitung

- 17:00 Univ.-Prof. Dr. Dirk Rupnow (Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät, Universität Innsbruck) SSc Dr. Ingrid Böhler (Leiterin des Instituts für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck) Univ.-Prof. Dr. Kerstin von Lingen (Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien; Vorstandsmitglied im Arbeitskreis Militärgeschichte)

Panel 1 Desertieren im alpinen Raum

17:30 – 19:00

Chair: Ingrid Böhler

- Peter Pirker (Universität Innsbruck) Fahnenflucht in den Alpen
- Aaron Salzmann (Universität Innsbruck) Fahnenfluchten im Spiegel der Akten des Sondergerichts Feldkirch
- Martha Verdorfer (Bozen/Bolzano) Desertieren in der mehrsprachigen Grenzregion Südtirol
- Edith Hessenberger (Ötztal Museen) Was blieb von den Deserteuren in der lokalen Erinnerung?

 

Freitag, 17. September 2021

Panel 2 Soldaten vor Gerichten der Wehrmacht, der Waffen-SS und SS

09:00 – 10:30

Chair: Peter Pirker

- Lars Skowronski (Gedenkstätte Roter Ochse Halle) Deserteure vor dem Reichskriegsgericht
- Claudia Bade (Hamburg) Urteilspraxis an Gerichten des Ersatzheeres in Hamburg
- Christopher Theel (Dresden) „Meine Ehre heißt Treue“? Die Behandlung von Fahnenfluchtfällen in der SS- und Polizeigerichtsbarkeit
 

Panel 3 Handlungsspielräume zwischen Front und Heimat

11:00 – 12:30

Chair: Nikolaus Hagen

- Richard Germann (Universität Wien) Zwischen Gehorsam und Selbstermächtigung im Feld: Grenzen und Möglichkeiten im Spiegel von Militärakten „ostmärkischer“ Divisionen
- Maria Fritsche (Norwegian University of Science and Technology Trondheim) Wehrmachtsdeserteure und die norwegische Zivilbevölkerung: neue Forschungen
- Magnus Koch (Helmut-Schmidt-Stiftung Hamburg) Deserteure in der Stadtgesellschaft Hamburg

 

Panel 4 Grenzgänge – Perspektiven der Flucht

14:00–15:30

Chair: Martha Verdorfer

- Michael Kasper (Montafon Museen) Grenzgänger und Schleuser in die Schweiz
- Lars Hansson (Universität Gøteborg) Escape to Sweden
- Brigitte Entner (Universität Klagenfurt/Slowenisches wissenschaftliches Institut) Slowenische Soldaten – Organisierte Flucht innerhalb der Reichsgrenzen?

 

Panel 5 Italien und Jugoslawien als Schauplatz

16:00 – 17:45

Chair: Eva Pfanzelter

- Francesco Corniani (Universität zu Köln) Deserteure der Wehrmacht in Italien (1943–1945): Identität, Zahlen, Motive, Reaktionen
- Sabina Ferhadbegović (Universität Jena) Desertionen von einheimischen SS- und volksdeutschen Soldaten zu den jugoslawischen Partisanen
- Kerstin von Lingen (Universität Wien) Kosaken und Kaukasier zwischen Kollaboration und Desertion
- Johannes Kramer (Universität Wien/Landesarchiv Südtirol) Südtiroler in der Wehrmacht und Fahnenflucht. Eine Einordnung

 

Samstag, 18. September 2021

Panel 6 Nachkriegshandeln – Erinnerung und Integration

09:00 – 10:30

Chair: Kerstin von Lingen

- Carlo Gentile (Universität zu Köln) Dem Verbrechen entfliehen. Aussagen junger Wehrmachts- und SS-Deserteure in Kriegsverbrecherprozessen der Nachkriegszeit
- Elisabeth Kohlhaas/Robert Parzer (Dokumentations- und Informationszentrum Torgau) Fritz Schmenkel – Nachgeschichte eines Deserteurs in der DDR
- Maria Pohn-Lauggas (Universität Göttingen) Deserteure im Familiengedächtnis

 

Panel 7 Erinnerungskulturen

11:00 – 12:30

Chair: Magnus Koch

- Marco Dräger (Universität Göttingen) Deserteursdenkmäler in Deutschland
- Elena Messner (Universität Klagenfurt)Deserteure in Literatur und Film: Jüngere Beispiele Künstlerkollektiv Total Refusal How to Disappear: Fahnenflucht im digitalen Raum von Ego-Shooter-Spielen
- Schlussdiskussion

Jannes Bergmann