Sicherheitskräfte. Das Zusammenspiel von Militär, Polizei und zivilen Akteuren zur Herstellung von äußerer und innerer Sicherheit von der Antike bis heute

Fachtagung des Arbeitskreises Militärgeschichte (AKM)
Datum: 
Mittwoch, 15. September 2027 bis Freitag, 17. September 2027
Ort: 
Deutsche Hochschule der Polizei, Münster
Deadline: 
Freitag, 9. Oktober 2026

(English Version below)

Die Herstellung von Sicherheit gehört zu den grundlegenden Aufgaben politischer Ordnungen. Unabhängig von Epoche, Herrschaftsform oder kulturellem Kontext standen Gesellschaften stets vor der Frage, wie sie auf innere und äußere Bedrohungen reagieren, wer legitimerweise Gewalt ausüben darf und welche Akteure mit der Sicherung von Ordnung, Recht und Gemeinwohl betraut sind. Die Verständnisse von Sicherheit und Ordnung sind ebenso historischen Wandlungen unterworfen wie die Ansätze zu ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Umsetzung. 

Die Trennung zwischen äußerer und innerer Sicherheit und zwischen 'militärisch' und 'zivil' war dabei lange Zeit weder selbstverständlich noch eindeutig: Militärische und zivile Akteure agierten vielfach in enger Verzahnung, mit überschneidenden Zuständigkeiten, hybriden Organisationsformen und fließenden Übergängen zwischen Wehrhaftigkeit und Ordnungssicherung nach innen und außen.

Die Fachtagung des Arbeitskreises Militärgeschichte 2027 nimmt dieses Zusammenspiel von Sicherheitskräften von der Antike bis in die Gegenwart in den Blick. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich eine moderne Polizei im engeren Sinne erst seit dem 18. Jahrhundert herausbildete. Als ein früher Referenzpunkt gilt die Pariser Polizei unter Ludwig XIV., die mit der Institutionalisierung eines dauerhaft organisierten, staatlich kontrollierten Polizeiapparates neue Maßstäbe setzte. Gleichwohl wurde die Herstellung von Sicherheit auch vor der Entstehung moderner Polizeien keineswegs allein dem Militär überlassen: In Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit waren zahlreiche zivile und semistaatliche Akteure an der Wahrung von Ordnung beteiligt – darunter städtische Bürgerwehren, Wacht- und Torpersonal, Fänger, Boten, Dorfgerichte oder temporär eingesetzte Gewaltgemeinschaften. Diese Akteure agierten häufig in enger Verbindung mit militärischen Kräften oder obrigkeitlicher Gewalt und bildeten zentrale Elemente historischer Sicherheitsordnungen.

Die Tagung fragt folglich nach den historischen Bedingungen, unter denen sich Sicherheitsordnungen herausbildeten, wandelten oder auflösten, und nach den Akteuren, die diese Prozesse trugen. Untersucht werden sollen die Praktiken, Deutungen und Aushandlungsprozesse, durch die Sicherheit hergestellt, legitimiert und infrage gestellt wurde – im Inneren wie nach außen.

Es lässt sich beobachten, dass institutionalisierte und staatliche Gewalt historisch unterschiedliche Funktionen und Ausrichtungen annehmen konnte: von ordnungssichernder Gewalt im Inneren über militärische Gewalt nach außen bis hin zu Mischformen, Grauzonen und Konkurrenzverhältnissen zwischen verschiedenen Sicherheitsakteuren. Gerade in Kriegs- und Umbruchzeiten traten diese Überschneidungen besonders deutlich hervor, etwa in Form von Militärpolizei, innerer Militarisierung, der Anpassung von Verwaltungs- und Polizeistrukturen oder der Einbindung nichtstaatlicher Akteure wie Milizen, Söldnergruppen oder Bürgerwehren.

Diese historischen Konstellationen gewinnen vor dem Hintergrund gegenwärtiger sicherheitspolitischer Debatten neue Bedeutung. Veränderte Bedrohungslagen, wie sie etwa durch Pandemien und Naturkatastrophen sichtbar wurden, haben Fragen nach der Ausrichtung des Zivilschutzes neu aufgeworfen. Zugleich sind der Grenzschutz sowie die Organisation des Zivil- und Luftschutzes wieder stärker in den Fokus gerückt. Nicht zuletzt angesichts neuer Formen hybrider Kriegsführung wird zunehmend diskutiert, ob die traditionelle Trennung von äußerer und innerer Sicherheit den gegenwärtigen Bedrohungslagen noch gerecht wird.

Mögliche Leitfragen der Tagung sind unter anderem:

  • Welche Akteure waren in unterschiedlichen Epochen an der Herstellung von Sicherheit beteiligt und legitimiert Waffen zu tragen?
  • Wie wurde Sicherheit definiert, für wen sollte sie gewährleistet werden, wer blieb von ihr ausgeschlossen und wie gestaltete sich das Denken um das Gemeinwohl in Bezug auf Sicherheit ganz allgemein?
  • Wie organisierten sich Sicherheitskräfte im Inneren und Äußeren in Kriegszeiten, und wie veränderten sich ihre Aufgaben, Kompetenzen und Selbstverständnisse?
  • Welche Prozesse der Verrechtlichung, Normsetzung und administrativen Anpassung lassen sich insbesondere in Kriegs- und Krisenzeiten beobachten und welche Debatten fanden dazu statt? 
  • Wie wurden Zuständigkeiten und Kompetenzen zwischen verschiedenen Sicherheitsakteuren abgegrenzt oder bewusst offen gehalten?
  • Welche Rolle spielten Geschlecht und andere soziale Kategorien in Sicherheitsordnungen und -praktiken und wie veränderten sie sich?
  • Welche Bedeutung hatten Gruppen wie Milizen, Gendarmerien oder Söldner in Übergangszonen zwischen innerer und äußerer Sicherheit?
  • Über welche personellen Netzwerke sind staatliche Streitkräfte, innere Ordnungskräfte und private Sicherheits- und Militärdienstleister miteinander verbunden?
  • In welcher Weise tauschten innere und äußere Sicherheitskräfte Gewaltpraktiken und sicherheitsrelevantes und militärisches Organisationswissen aus, und inwiefern wurde dieser Austausch institutionell oder öffentlich befürwortet oder problematisiert?

Wir freuen uns über Themenvorschläge aus allen Epochen bis in die Gegenwart und laden Forschende aller Karrierephasen zur Teilnahme ein. Die Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Neben empirischen Fallstudien sind auch theoretisch-methodische Beiträge willkommen, die konzeptionelle Zugänge zur Analyse von Sicherheitsakteuren, Gewaltordnungen und ihren historischen Metamorphosen reflektieren. Perspektiven jenseits Europas sowie vergleichende, transepochale und interdisziplinäre Ansätze sind ausdrücklich erwünscht.

Die Veröffentlichung ausgewählter Beiträge in Form eines Sammelbandes ist im Anschluss an die Tagung geplant.

Einreichung

Bitte senden Sie ein Abstract (max. 300 Wörter) sowie eine kurze biografische Notiz (max. 150 Wörter) bis zum 9. Oktober 2026 an: Denise Tschirner (denise.tschirner@dhpol.de)

Für inhaltliche Rückfragen wenden Sie sich bitte an: Christin Pschichholz (christin.pschichholz@dhpol.de).

Vorbehaltlich der Mittelzusage werden Fahrt- und Übernachtungskosten für Vortragende übernommen.

 



Security Forces. The interaction between the military, the police and civilian actors in providing external and internal security from antiquity to the present day
Conference of the Military History Working Group (AKM)

Ensuring security is one of the fundamental tasks of political systems. Across different historical periods, forms of government or cultural contexts, societies have been confronted with the questions of how to respond to internal and external threats, of who is authorised to legitimately use force and of which actors are responsible for safeguarding public order, the rule of law and the common good. Concepts of security and order as well as the ways in which they have been put into practice, have changed considerably over time.

For much of history, the distinction between external and internal security, as well as between 'military' and 'civilian', was neither self-evident nor clearly defined. Rather, military and civilian actors frequently operated in close interdependence with overlapping responsibilities, hybrid organisational structures, and fluid transitions between defence capabilities and policing, both internally and externally.

The 2027 conference organised by the Military History Working Group will examine this interplay between security actors from antiquity to the present day. It should be noted that the concept of a modern police as a distinct institution only began to emerge in the 18th century. An early point of reference is the Paris police under Louis XIV, which set new standards by establishing a permanently organised, state-controlled police force. Yet even before the emergence of modern police forces, security was not solely the responsibility of the military. Throughout antiquity, the Middle Ages, and the early modern period, numerous civilian and semi-state actors were involved in maintaining order -- including urban civic guards, watchmen, gatekeepers, constables, messengers, village courts, and temporarily deployed groups authorised to use force. These actors often collaborated closely with military forces or state authorities, forming key components of historical security arrangements.

Accordingly, the conference examines the historical conditions under which security orders emerged, evolved or dissolved, as well as the actors who shaped these processes. The aim is to investigate the practices, interpretations and processes of negotiation through which security was established, legitimised and contested, both internally and externally.

Historically, institutionalised and state-sanctioned violence has served a wide range of functions - from maintenance of internal public order to externally directed military force, while also encompassing hybrid forms, grey areas and competitive relationships between various security actors. These intersections became particularly evident during times of war and upheaval. They can be observed, for example, in the emergence of military police forces, the militarization of internal security, the adaptation of administrative and police structures, and the involvement of non-state actors, such as militias, mercenary groups and vigilante groups.

These historical constellations have gained renewed relevance in light of current debates on security policy. Changing threat scenarios, as highlighted by pandemics and natural disasters, have raised new questions about the organisation and orientation of civil protection. At the same time, border protection as well as the organisation of civil defence and air defence have once again moved into sharper focus. Not least in view of new forms of hybrid warfare, there is growing debate over whether the traditional distinction between external and internal security remains adequate in the face of current threats.

Possible key questions for the conference include:

  • Which actors were involved in maintaining security in different eras, and who was authorised to bear arms?
  • How was security defined? For whom was it intended? Who was excluded from it? How did ideas of the common good shape understandings of security in general?
  • How were internal and external law enforcement agencies organised in times of war, and how did their tasks, powers, and self-perceptions change?
  • What processes of legalisation, norm-setting and administrative adaptation can be observed, particularly in times of war and crisis, and what debates accompanied these developments 
  • How were responsibilities and powers delineated or deliberately left open between different security actors?
  • What role did gender and other social categories play in shaping security frameworks and practices, and how did these roles change over time?
  • What significance did groups of actors such as militias, the gendarmerie and mercenaries have in transitional zones between internal and external security?
  • What personnel networks linked state armed forces, internal law enforcement agencies, and private security and military service providers?
  • How did internal and external security forces exchange practices of violence, as well as security- and military-related organisational knowledge? To what extent was this exchange encouraged or challenged by state institutions or the wider public?

We welcome proposals covering all historical periods up to the present and invite researchers at all stages of their careers to participate. The conference languages are German and English. Alongside empirical case studies, we also welcome theoretical and methodological contributions that reflect on conceptual approaches to analysing security actors, systems of violence, and their historical transformations.  Contributions adopting perspectives beyond Europe, as well as comparative, transhistorical, and interdisciplinary approaches, are particularly encouraged.

Following the conference, the publication of selected contributions in the form of an edited volume is planned.

Submission

Please submit an abstract (max. 300 words) and a short biographical note (max. 150 words) by 9 October 2026 to: Denise Tschirner (denise.tschirner@dhpol.de).

For enquiries regarding the content, please contact: Christin Pschichholz (christin.pschichholz@dhpol.de).

Subject to funding approval, travel and accommodation expenses for speakers will be covered.