Teil XII der Interviewreihe: 25 Jahre Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (1995 –2020)
Daniel R. Bonenkamp/Takuma Melber
Interview
Veröffentlicht am: 
13. September 2021 - 1:00

Zu einer der Aufgaben des 1995 gegründeten Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. gehört die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses: Mit dem seit 2006 jährlich verliehenen Wilhelm-Deist-Preis (WDP) honoriert der AKM hervorragende deutschsprachige, studentische Abschlussarbeiten talentierter Nachwuchshistorikerinnen und –historiker im Bereich der Militärgeschichte. Die Auszeichnung erinnert an die großen Verdienste des deutschen Militärhistorikers und ersten Ehrenvorsitzenden des Arbeitskreises Wilhelm Deist, dem die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses stets ein besonderes Anliegen war. Anlässlich 25 Jahre AKM hat die Redaktion des Portal Militärgeschichte drei der 14 WDP-Preisträger interviewt: Dr. Christoph Nübel (WDP 2008), Dr. Lukas Grawe (WDP 2013) und Michel Scheidegger, M.A. (WDP 2017). Als letztes in der Reihe folgt das Interview mit Michel Scheidegger. Herr Scheidegger, Sie sind Träger des Wilhelm-Deist-Preises 2017.

Woher stammt Ihr Interesse für Militärgeschichte?
Michel Scheidegger: Richtig bemerkt habe ich dieses Interesse eigentlich erst an der Universität. Das zeigt sich allein an der Tatsache, dass ich im Bachelorstudium Geschichte eigentlich zuerst nur im Nebenfach studierte. Irgendwann bin ich dann einmal in einer Vorlesung von Stig Förster über das "British Empire" gelandet, die mich derart begeisterte, dass ich fortan Stammkunde bei seinen Veranstaltungen wurde und schließlich sogar mein Studienfach wechselte.

Woher und wie gut kannten Sie seinerzeit den AKM und den WDP?
Michel Scheidegger: Der AKM war mir ein Begriff, da Stig Förster und seine Mitarbeiter jeweils an die Jahrestagung fuhren und mir anschließend davon berichteten. Vom WDP erfuhr ich rein zufällig über ein Plakat im Historischen Institut der Universität Bern. Stig Förster war von meiner Idee, mich um den Preis zu bewerben, zuerst nicht sehr angetan. Er fürchtete verständlicherweise darum, den Eindruck zu erwecken, als würde der langjährige Vorsitzende den Nachwuchspreis an seine eigenen Schüler vergeben. Letztendlich habe ich mich dann doch beworben und Stig hat sich dann auch sichtlich über meinen Preis gefreut.

Hand aufs Herz, war Ihnen der Name Wilhelm Deist zu dieser Zeit ein Begriff? Inwiefern sind Sie denn ihm oder militärgeschichtlichen Themen in Ihrem Studium begegnet?
Michel Scheidegger: Durch mein Studium an der Universität Bern war ich in dieser Hinsicht etwas privilegiert. Zu meiner Studienzeit fanden dort nämlich noch in jedem Semester Veranstaltungen statt, in welchen man mit Militärgeschichte in Berührung kam. Im Rahmen eines Seminars über die "Geschichtsschreibung über den Ersten Weltkrieg" bin ich dann natürlich auch Wilhelm Deist begegnet, wobei ich mir damals der Dimension seines Wirkens sicherlich nicht bewusst war.

Die Verleihung des WDP kurz nach Studienabschluss muss ein besonderer Moment in Ihrem jungen Historikerleben gewesen sein. Welche Erinnerungen haben Sie heute an die Preisverleihung des WDP?
Michel Scheidegger: Ich glaube zu wissen, dass ich während der Laudatio zeitweise etwas rot im Gesicht wurde. Das liegt bei mir als scheuer Mensch einfach in der Natur. Nichtsdestotrotz empfand ich den Moment als schön. Neben der unmittelbaren Preisverleihung hat mich damals vor allem auch die kollegiale Vereinskultur rund um die Tagung sehr fasziniert. Man steht vom Frühstück im Hotel bis zum gemeinsamen Bier nach der Tagung immer miteinander im Austausch und lernt dabei viele interessante Leute kennen.

Sie sind der Militärgeschichte bis heute treu geblieben. Inwiefern hat der WDP Ihren weiteren Werdegang beeinflusst?
Michel Scheidegger: Der WDP kam für mich genau zum richtigen Zeitpunkt. So stand ich direkt nach meinem Studienabschluss nämlich vor der Frage, ob ich mich weiterhin professionell mit Geschichte auseinandersetzen oder das gelernte Handwerk doch eher in einem anderen Beruf anwenden will. Das positive Feedback zur eigenen Leistung, als welchen ich den Preis verstanden habe, hat meine Entscheidung mitgeprägt, der Militärgeschichte treu zu bleiben.

Welchen Rat geben Sie Nachwuchshistorikerinnen und –historikern mit auf den Weg, wenn Sie einen Blick auf die Zeit werfen, in der Sie Ihre Abschlussarbeit verfasst haben?
Michel Scheidegger: Da es sich bei einer Abschlussarbeit in der Regel um das erste größere wissenschaftliche Projekt handelt, ist es sicherlich hilfreich zu wissen, dass eine solche Arbeit immer auch mit einem mentalen Prozess verbunden ist. Nebst „Hochs“ gibt es auch viele „Tiefs“, besonders beim Schreiben. Ist man sich dessen bewusst, kann man beispielsweise mit Schreibblockaden viel besser umgehen.

Welche Bedeutung hat für Sie persönlich der Wilhelm-Deist-Preis heute?
Michel Scheidegger: Der Preis erfüllt mich bis heute mit Stolz und da ich die Urkunde auch direkt neben meinem Schreibtisch an der Wand hängen habe, werde ich jeden Tag daran erinnert. Nichtsdestotrotz muss ich gestehen, dass meine damals ausgezeichnete Arbeit und das Jahr 2017 für mich mental schon ziemlich weit entfernt sind. Mein Promotionsprojekt nimmt mich dazu schlicht zu sehr ein.

Finanziert durch die Militärakademie an der ETH Zürich promovieren Sie mittlerweile an der Universität Potsdam und schreiben eine Arbeit mit dem (Arbeits-)Titel "Kriegsführung der Wehrmacht am Beispiel der 35. Infanteriedivision". Können Sie ihr Promotionsprojekt in einigen Sätzen vorstellen?
Michel Scheidegger: Das Projekt beruht auf einem quellentechnischen Glücksfall. Während die Überlieferung von Divisionsakten im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg in der Regel spätestens 1943 abreißt, verfügen wir über die 35. Infanteriedivision über einen sehr umfangreichen Aktenkorpus für die Jahre 1944 und 1945. Beim letztgenannten Quellenmaterial handelt es sich um sowjetische Beuteakten, welche im Rahmen des deutsch-russischen Projekts zur Digitalisierung des Zentralarchivs des Verteidigungsministeriums der Sowjetunion (CAMO) Akten der Forschung zur Verfügung gestellt werden. Diese Quellenlage ermöglicht es mir also, den Charakter der deutschen Kriegsführung sowie dessen Veränderungen bis zum Kriegsende 1945 exemplarisch anhand einer deutschen Frontdivision zu untersuchen. In der Fallstudie frage ich einerseits nach der Bedeutung von Verbrechen an der Front, andererseits auch nach der taktischen Kampfweise, wobei die Frage nach der militärischen Leistungsfähigkeit im Zentrum steht.

Sie haben den Wilhelm-Deist-Preis 2017 erhalten. Welche – auch pandemiebedingten - Veränderungen stellen Sie seitdem in Ihrer wissenschaftlichen Arbeit fest?
Michel Scheidegger: Ich verbringe die meiste Zeit im Home-Office, aber diese Situation ist für mich nichts grundsätzlich Neues. Mit der Militärakademie an der ETH Zürich habe ich einen kulanten Arbeitgeber, welcher versteht, dass wissenschaftliches Arbeiten ortsunabhängig funktioniert. Was jedoch weggefallen ist, ist der persönliche Face-to-Face-Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Dieses Defizit kann leider auch Zoom nicht gänzlich wegmachen. Eine frustrierende Erfahrung war hingegen die lange Schließung der Archive. Leute mit zeitlich begrenzten Forschungsprojekten stellt dies vor große Herausforderungen.


Zitierempfehlung: Daniel R. Bonenkamp/Takuma Melber, Interview mit Dr. Lukas Grawe. Teil XII der Interviewreihe: 25 Jahre Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (1995–2020), in: Portal Militärgeschichte, 13. Juli September, URL:https://www.portal-militaergeschichte.de/bonenkamp_melber_interview_scheidegger, (Bitte fügen Sie in Klammern das Datum des letzten Aufrufs dieser Seite hinzu).

 

Zur Übersicht über die Interviewreihe "25 Jahre Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (1995-2020)" (Link).

 

Paul Fröhlich