Call for Papers: Das Geheime und das Militär seit dem 19. Jahrhundert

Handlungsfelder und Akteure zwischen "Nachrichtenwesen" und "Intelligence" // For the English version please see below.
Datum: 
Donnerstag, 9. September 2021 bis Samstag, 11. September 2021
Ort: 
München
Deadline: 
Samstag, 15. Mai 2021

Jahrestagung des Arbeitskreises Militärgeschichte e.V., München, 09. bis 11. September 2021

Die Grenzen zwischen Militär und geheimen Nachrichtendiensten waren im 19. und 20. Jahrhundert oft fließend – wenn sie überhaupt bestanden. Moderne Nachrichtendienste wurzeln überwiegend in dem sich im 19. Jahrhundert ausbildenden Generalstabssystem, viele blieben bis in die Gegenwart militärischen Kommandobehörden unterstellt. Schließlich war das Militär sowohl zentraler „Bedarfsträger“ nachrichtendienstlicher Informationen als auch der wichtigste Bezugspunkt der Spionageabwehr. So dicht die wechselseitigen Bezüge damit auch sind, so groß ist der Mangel an systematischen Zugriffen auf das Verhältnis von Militär und den Einrichtungen, die für Bedrohungsanalysen, geheime Informationsbeschaffung und Spionageabwehr zuständig waren. Die geplante Tagung soll hier einen Impuls setzen, der in die Militärgeschichte wie in die Intelligence History gleichermaßen hineinwirkt und den Austausch zwischen den beiden Subdisziplinen verstärkt.

Das zentrale Erkenntnisinteresse der Tagung richtet sich auf den Wandel, den das Beziehungsgefüge zwischen Militär und Nachrichtendiensten seit dem 19. Jahrhundert erfuhr. Die wenigen Zugriffe auf dieses Thema in der bisherigen Forschung lassen sich, grob gesagt, einem „Zivilisierungs“- und einem Kontinuitätsnarrativ zuordnen. So wird in Überblicksdarstellungen zur Nachrichtendienstgeschichte häufig betont, dass die zunehmenden Aufgaben und vor allem die technische Spezialisierung des Nachrichtenwesens im Zeitalter der Weltkriege letztlich aus dem Militär heraus- und zur Gründung selbstständiger, nach außen zivil erscheinender Dienste führte. Insbesondere der im Kalten Krieg steigende Bedarf an Informationen über politische Intentionen, wirtschaftliche Grundlagen und Wissenschaftssystem der gegnerischen Seite habe eine „Zivilisierung“ der geheimen Dienste bewirkt. Deren Einordnung divergiert in der Literatur zwischen Etiketten wie „wissenschaftliches Institut“ und „Rentenversicherungsanstalt“ (C. Goschler); die direkte Kontinuität zur Militärorganisation scheint indessen gekappt zu sein. 

Gleichwohl gibt es eine Reihe von Indizien, dass diese Kontinuität in großen Teilen der „Intelligence Communities“ nach wie vor besteht. Militärische Wirklichkeitsdeutungen und Freund-Feind-Dichotomien blieben auch in zivilen Auslandsnachrichtendiensten verbreitet; verdeckte Operationen oder gar „secret warfare“ zählen in den meisten Ländern als reguläres nachrichtendienstliches Handlungsfeld. Auch die Beobachtung, dass – aus Sicht der politischen Entscheidungsträger – die Bedeutung von „secret intelligence“ in dem Maße steigt, je größer die Gefahr einer kriegerischen Eskalation scheint bzw. dass Phasen der Entspannungspolitik oftmals mit einem Relevanzverlust geheimen Wissens einhergingen (J. Gieseke), scheint für eine strukturelle Nähe von Militär und Nachrichtendiensten zu sprechen. In jedem Fall ist die Frage, ob geheime Nachrichtendienste und das Nachrichtenwesen eher dem „civil state“ oder dem „war state“ (diese Differenzierung nach Gilles Deleuze) zuzurechnen sind, auch jenseits ihrer politischen Dimension noch nicht beantwortet – erst recht nicht, wenn man verschiedene politische Systeme und Kulturen in die Betrachtung einbezieht.

In den zurückliegenden Jahrzehnten ist die Rolle des Nachrichtenwesens für die Operationsführung zu einem etablierten Forschungsgegenstand der Militärgeschichte geworden; analog nehmen in den Intelligence Studies Zugriffe auf das Themenfeld „Defence Intelligence“ zu. Dabei ging es jedoch in der Regel darum, zu erklären, wie nachrichtendienstliche Informationen oder Aktivitäten einen Konflikt oder den Kriegsverlauf beeinflussten. Unterbelichtet blieb in aller Regel, wie sich Militär, Nachrichtenwesen und geheime Nachrichtendienste als Organisationen, Handlungsfelder und Akteure zueinander verhielten. Die Frage, wie diese Organisationen konkret interagierten, Wissen austauschten, die gegenseitigen Wirklichkeitsdeutungen beeinflussten oder auch in Konkurrenz zueinander die Bedrohungsanalysen eines Staates zu dominieren trachteten, soll Gegenstand der Tagung sein. Dabei soll vergleichenden bzw. explizit den historischen Wandel adressierenden Zugriffen besondere Bedeutung beigemessen werden. 

 

In drei großen Blöcken sollen folgende Forschungsfragen diskutiert werden:

Organisation

- Wie wandelten sich die Organisationsformen und die Funktionsweisen militärischer Intelligence seit dem 19. Jahrhundert?

- Wie veränderten sich das Profil und das berufliche Selbstverständnis der Akteure? Welche Rolle spielte die Fluktuation mit anderen Sicherheitsorganen? Wann und in welchem Ausmaß setzte eine Professionalisierung ein?

- Inwiefern blieben zivil institutionalisierte Nachrichtendienste durch eine Kontinuität militärischer Ordnungsvorstellungen geprägt? In welchem Maße kam es umgekehrt im Bereich des militärischen Nachrichtenwesens zu einer „Zivilisierung“ oder Verwissenschaftlichung des Militärs?

Wissen

- Wie prägten nachrichtendienstliche Informationen, Berichte, Einschätzungen die Wirklichkeitsdeutungen des Militärs – und vice versa?

- Wie bedeutsam war Intelligence für das militärische Entscheidungshandeln?

- Welche spezifischen Beschränkungen bzw. Formen der Zirkulation und Verbreitung von nachrichtendienstlichem Wissen lassen sich beobachten?

- Wie rezeptiv für geheime Nachrichten zu militärischen Aspekten waren politische Entscheidungsträger unter unterschiedlichen Bedingungen?

Verdeckte Operationen

- Wie verhält sich die viel zitierte (aber nur selten belegte) Auffassung von einer „Zivilisierung“ bzw. Verwissenschaftlichung der Nachrichtendienste zur anhaltenden/steigenden Bedeutung von Verdeckten Operationen?

- In welchem Maße und in welchen Kontexten betrieben Nachrichtendienste über dieses Instrument eine eigenständige „foreign policy“? 

- Wie stark war jeweils das Zusammenspiel oder auch das Gegeneinander mit dem Militär als dem Akteur, der eigentlich für jegliche Form der Gewaltorganisation nach außen zuständig war?

 

Tagungsorganisation

Veranstalter der Tagung sind der Arbeitskreis Militärgeschichte e. V. (Dr. habil. Markus Pöhlmann), die Hochschule des Bundes für Öffentliche Verwaltung, Fachbereich Nachrichtendienste (Prof. Dr. Rüdiger Bergien, Jun.-Prof. Dr. Andreas Lutsch) und das Center for Intelligence and Security Studies an der Universität der Bundeswehr München.

Die Tagung findet vom 9. bis 11. September 2021 an der Universität der Bundeswehr München in München-Neubiberg statt. Sollte die Corona-Lage eine Präsenzveranstaltung verhindern, wird die Tagung online durchgeführt.

Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch.

Für die Referentinnen und Referenten werden die Übernachtungskosten sowie Fahrtkosten bis zur Höhe einer DB-Fahrtkarte 2. Klasse (Inland) übernommen.

Bitte senden Sie Ihren Vorschlag für einen Vortrag bis zum 15. Mai 2021 an folgende drei Adressen:

markuspoehlmann@bundeswehr.org

bergien@hsbund-nd.de

andreas.lutsch@hsbund-nd.de

 

The Clandestine and Military Services since the 19th Century: Actors and Actions between “Information” and “Intelligence”

Call for Papers

In the 19th and 20th centuries, boundaries between military and secret intelligence services blurred together - if they existed at all. Most modern intelligence services have their roots in the military general staff system of the 19th century, and many are subordinate to military command authorities to this day. After all, the military made most frequent use of intelligence services’ information and has served as the most important point of reference for counterintelligence operations. Reciprocal connections between the military and the secret world of intelligence were and remain dense. Yet, the complex relationship between the military and institutions responsible for clandestine information collection, threat analyses, , and counterintelligence were insufficiently examined in historical research and security studies. The conference seeks to invigorate the systematic scholarly exchange on this topic by exploring these relations from various perspectives, based on approaches from the fields of military history and intelligence studies.

The central research interest of the conference focuses on the changes undergone in the relationship between the military and intelligence services since the 19th century. Previous research approaches to this topic largely follow narratives of "civilizing" and continuity. Overviews of intelligence history emphasize that in the wake of the world wars, intelligence services’ increased workloads and need for technical specialization led to independent services that appears civilian to the outside world. In particular, the increasing need for information on the political intentions, economic foundations and scientific systems of the opposing side during the Cold War led to a "civilizing process" within the secret services. In academic literature, classifications of the services vary between labels such as "scientific institute" and "pension insurance institution" (C. Goschler); the direct continuity with the military organization, however, seems to have fallen by the wayside.

Nevertheless, there are a number of indications that this continuity still exists in large parts of the intelligence communities. Military interpretations of reality and friend-foe dichotomies remain widespread in civilian foreign intelligence services as well; covert operations or even "secret warfare" count as regular intelligence activities in most countries. The observation that - from the point of view of political decision-makers - the importance of "secret intelligence" increases the greater the danger of warlike escalation seems to be, or that phases of détente were often accompanied by a loss of relevance of secret knowledge (J. Gieseke), also seems to speak for a structural proximity of military and intelligence services. In any case, the question of whether secret intelligence services and the intelligence system are more likely to belong to the "civil state" or the "war state" (this differentiation according to Gilles Deleuze) has not yet been answered, even beyond their political dimension - all the more so if one includes different political systems and cultures in the consideration.

In recent decades, the role of intelligence in the conduct of operations has become a well-established subject of research in military history; in the field of intelligence studies, there has been an analogous increase in the number of approaches to the subject of defense intelligence. However, the focus has generally been on explaining how intelligence information or activities influenced a conflict or the course of the war. As a rule, the question of how the military, intelligence, and clandestine intelligence services related to each other as organizations, fields of action, and actors remained underexposed. The question of how these organizations interacted, exchanged knowledge, influenced each other's interpretations of reality, or even tried to dominate the threat analyses of a state in competition with each other will be the subject of the conference. Particular importance will be attached to comparative approaches or those explicitly addressing historical change.

In three large sections, the following research questions will be explored:

Organization

- How have the forms of organization and the modes of operation of military intelligence changed since the 19th century?

- How did the profile and professional self-image of the actors change? What role did this fluctuation play in interactions with other security agencies? When and to what extent did professionalization set in?

- To what extent did civilian institutionalized intelligence services remain characterized by a continuity of military ideas of order? Conversely, to what extent did a "civilizing" or scientification of the military occur in the field of military intelligence?

Knowledge

- How did intelligence information, reports and assessments shape the military's interpretation of reality - and vice versa?

- How important was intelligence for military decision-making?

- What specific limitations or forms of circulation and dissemination of intelligence knowledge can be observed?

- How receptive were political decision-makers to secret intelligence on military aspects under various conditions?

Covert Operations

- How does the much-cited (but rarely substantiated) notion of a "civilizing" or scientification within the intelligence services relate to the continuing/increasing importance of covert operations?

- To what extent and in which contexts did intelligence services pursue an independent "foreign policy" through this instrument?

- To what extent did the intelligence services interact with or counteract the military as the actor that was responsible for any form of organization of force toward the outside world?

Conference organization

The conference is organized by the Arbeitskreis Militärgeschichte e. V. (Dr. habil. Markus Pöhlmann), the Federal University of Public Administration, Department of Intelligence (Prof. Dr. Rüdiger Bergien, Jun.-Prof. Dr. Andreas Lutsch) and the Center for Intelligence and Security Studies at the University of the Bundeswehr Munich.

The conference will be held Sept. 9-11, 2021, at the Universität der Bundeswehr München in Munich-Neubiberg. Should the circumstances of the pandemic prevent an in-person meeting from taking place, the conference will be held online.

The conference languages are German and English.

For the speakers, the accommodation costs as well as travel expenses up to the amount of a 2nd class DB ticket (domestic) will be covered.

Please send your proposal for a presentation to the following three addresses by May 15, 2021:

markuspoehlmann@bundeswehr.org

bergien@hsbund-nd.de

andreas.lutsch@hsbund-nd.de

Christina Kecht